„Die Entbehrlichen“ | Ninni Holmqvist

Von Moral, Ethik und Wert(e)losigkeit!

Inhalt laut Verlag

In einer Gesellschaft, die nur auf ihre produktivsten Mitglieder setzt, gehört Dorrit Wegner zu den »Entbehrlichen«. Allein lebend und ohne Kinder muss sie sich an ihrem fünfzigsten Geburtstag in ein Sanatorium einweisen lassen, das nur einem Zweck dient: die hier wohnen, haben sich für psychologische Tests und Organentnahmen zur Verfügung zu stellen. Dabei sollen Luxus und Komfort den »Entbehrlichen« die Endzeit ihrer Existenz so angenehm wie möglich machen. Auch Dorrit fügt sich scheinbar widerspruchslos in ihr neues Leben, bis sie einem Menschen begegnet, der ihr alles bedeutet.

Schweden, irgendwann im Jetzt oder im Morgen.
Dorrit Wegner steht unmittelbar vor ihrem 50. Geburtstag und hat sich vorbereitet. Abschied von Haus und Garten und ihrem geliebten Hund.
Nicht weil sie in Urlaub geht oder umzieht, sondern weil sie alleine ist. Die Eltern schon lange weg und auch die große Schwester ist nicht mehr da. Kinder? Hat sie nie gehabt und einen Mann auch nicht. Somit gehört sie, nach den Regeln der Gesellschaft zu denen, die niemand mehr braucht – Dorrit ist eine Entbehrliche geworden!

…deren Konzept nahmen nur sehr wenige ernst.
(S.25)

So ist es, kurz angesprochen nur, in dem Land. Frauen ab 50 und Männer ab 60. Menschen die nichts und niemanden hinterlassen, haben eine neue „Aufgabe“.
Sie dienen als Versuchskaninchen für all die Glücklichen, die zu den Benötigten gelten. Das Testen von Medikamente, Hormonpräparaten und regelmäßige Blutspenden sind noch das Harmlose. wer lange genug in einem der Sanatorien lebt und passende Merkmale hat wird auch zur Spende herangezogen. Niere, Teile der Leber, Hornhaut. Das kann man überleben und der Lohn ist das mehr als luxuriöse Leben in dieser abgeschotteten Welt. Wenn es dann irgendwann passt, geht es zur Endspende!

All dies wird einem durch die Ich-Form von Dorrit erzählt. Ihre Gedanken und Eindrücke in diesem neuen Zuhause ist geprägt von Unsicherheit und so einem kleinen bisschen Angst. Neue Bekanntschaften werden schnell geschlossen und so nebenbei erfährt man über die Gebrechen der Einzelnen, ausgelöst durch eben diese Versuche, Experimente, Tests.
Es bilden sich Freundschaften, bis diese Freunde halt nicht mehr da sind. Hinterfragt wird nichts, man weiß ja wo sie geblieben sind.

Meine Freunde bedeuteten mir viel – die wenigen, die noch da waren.
(S. 244)

Dorrit hat mich verblüfft, nicht unbedingt im positiven Sinne. Sie akzeptiert und nimmt an, wehrt sich kein Stück und doch leidet sie ganz furchtbar. Dieses neue Zuhause fand ich beängstigend, mit all den wunderbaren Einrichtungen, in dem man kein Geld benötigt, immer alles zur Verfügung hat, außer eben die Freiheit und den echten Himmel.
Ihre Schilderungen zum täglichen Ablauf verlieren sich in Unzulänglichkeiten und dem Blumen- & Pflanzenmeer, des unter einer Kuppel liegenden Garten Eden. Ein Paradies, wäre da nicht die Hölle im gleichen Haus.

Die Darstellungen zu den Eingriffen und Experimenten sind quasi nicht vorhanden. Klar, es gibt Unterrichtseinheiten, mal eine Untersuchung aber alles andere wird durch die Begebenheiten erzählt.
Kein Aufmucken, keinerlei Widerstand. Alle nehmen es hin und alle machen mit. Schlachtvieh könnte man meinen, doch das würde wenigstens noch Unruhe vermitteln und nicht in Selbstmitleid versinken. Dorrits Leben in dieser Welt der Entbehrlichen wirkt mit der Zeit wirklich wie eine Art Urlaub. Gutes Essen, tolle Zimmer, Feiern und Ausstellungen. Spazieren, Schwimmen, Sport und zum Tagesabschluss ein Nickerchen im Garten, der nie verblüht. Nur ab und an kann man hinter die Fassade schauen.

Die Thematik um Organspende und Erprobung von Medikamenten empfand ich hier eher nur Mittel zum Zweck. Die Wichtigkeit bleibt auf der Strecke. Aus einer, vom einzelnen Individuum gebilligten, freiwilligen Tat (z.B. durch einen Organspende Ausweis) wird ein Zwang, ein Muss und damit bekommt es für mich einen ganz üblen Beigeschmack. Der gesunde Mensch, als Entbehrlicher, ein Ersatzteillager oder Versuchskaninchen. Zu den Nebenwirkungen, da braucht man weder einen Apotheker noch den Arzt zu fragen.

Ein weiterer Punkt – die meisten der Entbehrlichen waren von Berufswegen auch prädestiniert. Der Facharbeiter, der Arzt oder das Arbeitstier wurden keine Entbehrlichen. Genauso wenig wie eine Mutter oder ein Kind das seine kranken Eltern pflegt.

Mir gehört mein Leben überhaupt nicht, es gehört anderen.
(S. 100)

Das Buch hat sich wirklich gut lesen lassen. Es zieht hinein und lullt einen so ein bisschen ein – alles ist so schön, alles ist so gut. Bis diese Frau einen Menschen trifft, eine Beziehung entsteht und noch etwas mehr. Doch selbst dann bleibt Dorrit ein lethargisches Etwas. Gerne hätte ich sie mal gerüttelt und geschüttelt.

Was ich mich die ganze Zeit fragte, wo waren diejenigen die all dies nicht duldeten? Gab es keine sich wehrenden und schreienden und um sich schlagenden Menschen? Gab es da keine Freunde die einen Entbehrlichen versteckten? Gab es keine Möglichkeit das Land zu verlassen? Apropos Land – wie verhielten sich die Nachbarstaaten? War es wirklich allen egal?
Nach dem Motto – Einer für Alle, aber niemals Alle für Einen?
Ein sehr bedrückend dargestelltes Szenario.

Wann ist wer entbehrlich? Und wer um alles in der Welt kann das entscheiden?
Ein Gedanke der mehr als ein ungutes Gefühl verursacht und einen ganz fahlen Beigeschmack hinterlässt.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★☆

Weitere Eindrücke –
The Read Pack °
KrümelGizmo bei Lovelybooks °
Zeit für neue Genres °


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Buchdetails
Titel: Die Entbehrlichen
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Ninni Holmqvist
Verlag: Fischer

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Mikka Liest
Gast

Huhu! Ein wenig muss ich bei der Beschreibung des Buches an „Alles, was wir geben mussten“ von Kazuo Ishiguro denken, da gibt es Menschen, die einen ähnlichen ‚Daseinszweck‘ haben wie die ‚Entbehrlichen‘, und auch da gibt es eine Endspende… (Allerdings sind es in dieser Dystopie nicht die Alten.) Auch in diesem Buch ist es seltsamerweise so, dass die Betroffenen nichts hinterfragen, sondern alles so hinnehmen, weil es eben so ist. Ich habe das so verstanden, dass der Autor zeigen will, zu was Menschen sich alles verleiten lassen, wenn es ihnen als Normalität vorgegaukelt wird. Aber auch da bleibt es letztendlich… Read more »

Dunkles Schaf
Gast

Hi Kerstin, wie schön – es ist so selten, dass ich ein Buch entdecke, dass ich auch schon gelesen habe. :-) Mir ging es bei der Lektüre ähnlich wie Dir – es ist ein sehr nachdenkliches und Fragen aufwerfendes Buch, sehr eindrücklich, aber mit wenig Spannung oder Aufregung. Auch mir hat ein wenig der Hintergrund gefehlt – wie kam es dazu, die Menschen in benötigt und entbehrlich aufzuteilen, gab es dabei Spannungen, Widerstand – oder tatsächlich einfach Akzeptanz? Das kann ich mir zwar schlecht vorstellen, aber man sieht ja so gar nichts von der Gesellschaft außerhalb des Sanatoriums, deshalb kann… Read more »

monerls
Gast

Hallo Kerstin,

nun begegnet mir bereits zum zweiten Mal dieses Buch und du hast mein Interesse geweckt. Es hört sich nach etwas ganz Neuen an. Zumindest kann ich mich an kein Buch erinner, zu dem ich sagen würde, es wäre diesem ähnlich. Genau deshalb ist es mir ins Auge gesprungen! Ich habe es mal auf meine Merkliste gesetzt.

Zum Thema habe ich mal Alles was wir geben mussten von Kazuo Ishiguro gelesen. Kennst du das Buch? Falls nicht, könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass es dir gefallen würde!

GlG, monerl

Anja
Gast
Anja

Hallo Kerstin,

Ich bin hin und her gerissen was das Buch angeht. Aber ich werde es im Auge behalten. LG Anja

Nicole Wagner
Gast

Hallo Kerstin!

Das Buch habe ich ähnlich empfunden und mochte es recht gern. Die Beschreibungen und Dorrits Gedanken haben auf mich recht realistisch gewirkt. So abwegig fand ich das Geschehen nicht und es regt ordentlich zum Nachdenken an. Vielleicht war es nur eine Spur zu ruhig, was wohl auch auf den fehlenden Widerstand – den du ansprichst – zurückzuführen ist.

Liebe Grüße,
Nicole