„Die Einsamkeit der Schuldigen – Der Abgrund“ | Nienke Jos

Das Buch wurde mir vom Gmeiner Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Abgründe!

Wenn man auf den Tod wartet, können sich Minuten schier unendlich hinziehen, während im Kampf ums Überleben jede Sekunde zählt.“ Kaum eine Autorin geht so gnadenlos mit ihren Protagonisten um, wie Nienke Jos es tut. Auch im lang ersehnten zweiten Teil stellt sie ihre Leser kompromisslos auf die Probe: Kein Weiß, kein Schwarz, kein furioses Finale, stattdessen eine moralische Irrfahrt an den Abgrund der menschlichen Seele. Und wer noch glaubt, Jos habe etwas für die Guten übrig, wird hier meisterlich durch die Manege geführt.

Inhalt laut Verlag

Dies ist der zweite Band des Zweiteilers um die Einsamkeit der Schuldigen. Meine Rezension könnte zum ersten Band hin etwas spoilern, versuche aber meine Eindrücke nicht mit unnötigen Details zum ersten Band hin zu beschreiben.

Der Beginn in diesem Buch ist ein kurzer Zeitungsauschnitt, indem ein Verbrechen im Vordergrund steht, welches im ersten Band der recht böse Cliffhanger war. Apropos böse – das Buch (oder besser gesagt beide) ist abgrundtief böse und doch hat die Autorin Nienke Jos im zweiten Band weniger Brutalität, die deswegen nicht geringer schockierend ist, geltend gemacht. Es wird viel perfider, außergewöhnlicher und vor allem sehr persönlich. Eine richtig schmerzhafte Reise in die Abgründe der einzelnen Charaktere, die auch in diesem Band wieder großartig beschrieben sind.

Sie hatte vor dem Abgrund gestanden, intuitiv geahnt, dass ein gieriger Schlund, schwarz und grauenvoll, sie tief unten in Empfang nehmen, verschlingen würde.

Seite 144

Worum geht es überhaupt? Der Klappentext sagt nicht viel aus, über all das was in der Geschichte geschieht. Ich versuche mich mal an den einzelnen Personen, von denen jede sehr wichtig ist, ob man sie mag oder nicht. Es sind keine märchenhaften Helden und Heldinnen im Buch zu finden, aber es sind Persönlichkeiten, die so grandios gezeichnet sind.

Es war einmal ein Mann, der so unendlich einsam war, dass er sich eine Gefährtin suchte. Eine die er vorzeigen und lieben konnte. Doch er hinterging sie und hielt sich noch eine zweite, unfreiwillige, die all die Grauen erleben musste, die keine Frau erleben sollte. Seine „Strafe“ folgte, spät, viel zu spät, aber sie kam.

Es war einmal eine Frau, die dank neuem Job, neuer Kolleg*innen endlich zufrieden in einem neuen Umfeld aufblühte, einen Mann kennenlernte und doch erst sein wahres Ich erkannte, als es schon viel zu spät war.

Es war einmal eine andere Frau, einsam in ihrer Ehe, vernachlässigt, verspottet und immer klein gehalten. Ihr einziger Ausweg war eine Flucht aus der Realität in ein neues noch einsameres Leben. Bis zu dem Moment als sie meinte eine Freundin gefunden zu haben.

Es war einmal eine weitere Frau, glücklich in ihrem Leben und ihrer Familie, der sie brutal entrissen wurde und die nun endlich nichts anderes möchte, als wieder nach Hause zu kommen.

Es waren einmal zwei Freunde, die ein bitterböses Geheimnis und die Schuld daran teilten, dabei aber keinen Ausweg fanden, sondern nur weitere Schuld auf sich luden.

Es war einmal ein weiterer Mann, der von Berufs wegen zur Hilfe verpflichtet ist, allerdings seinen eigenen Vorteil zuvorderst stellte und auch in der weit zurückliegenden Vergangenheit viel Schuld auf sich lud.

Es war einmal eine andere Frau, hässlich sei sie, aber selbstbewusst ist sie noch viel mehr. Eine Sorge plagt sie, aber eine Katta stützt sie. Diese Frau ist schon lange auf der Suche nach der Wahrheit und der Möglichkeit der Rache.

Es war einmal noch eine Frau, die so einsam war, dass sie vollkommen gleichgültig Schuld auf sich lud, immer mehr und mehr und letztendlich auch dafür zahlen musste.

Es war einmal ein kleiner Junge, fantasiebeladen und unternehmungslustig. Seine Welt ist voller Abenteuer, Geheimnissen und Monster. Ein Teil davon entpuppt sich als realer als er selber denkt.

Und dann war da noch ein Junge und sein Vater, die warteten und warteten, dabei die Hoffnung nicht aufgaben und schlussendlich belohnt wurden.

Sie ändern nichts, indem sie weiter in der Wahrheit herumstochern. Es ist niemand glücklich damit.

Seite 244

All diese Charaktere tragen Namen: Ann, Ruben, Theodor, Wiebe, Berne, Leen, Fitz, Titus, Isa, Torge, Pius, Katta, Ante, Ewra, Marten und Junia.
So viele? Ja! Aber glaubt mir, Ihr werdet jede einzelne dieser Personen auseinander halten können, erkennen wer nun wer ist und mit ihnen leiden, weinen und vielleicht auch lachen können. Alle haben untereinander einen Bezug. Manche begegnen sich nie in der Geschichte, aber wieder ist Junia die Einzige, die in irgendeiner Form Kontakt zu allen hatte. Sie ist der rote Faden in dem Buch.

Selten hatte ich ein Buch, dass so viele Charaktere enthält, von denen jede*r einzelne so wichtige Rollen spielt und trotz der Vielfalt keiner untergeht. Es war ein Lesegenuss vom Feinsten. Taten und Untaten, Gewalt nicht der Gewalt willen, sondern um Situationen und Personen darzustellen, Fragen nach Moral und die passenden Antworten darauf. Ein herrliches Gemisch, ohne das etwas durcheinander kam. Absolut nichts ist unnütz, sondern alles hatte seinen Sinn. Oft genug schmerzliche Erfahrungen, Erniedrigungen und Leid, um dann daraus zu wachsen, zu kämpfen und das Leben zu erkennen. Dennoch, nicht alle gehen aus dieser Geschichte mit erhobenen Kopf.

Sie wollten nur noch weg. Sie sind gerannt, um ihr neues Leben zu beginnen und alles andere zu vergessen. Sie wollten alles hinter sich lassen.

Seite 437

Dieser Thriller ist poetisch, gefüllt mit Gedanken, Wunschdenken und Überlegungen. Gerade in den ersten Seiten sollte man sich beim Lesen Zeit nehmen und nichts übereilen, dass kommt nämlich ab einem gewissen Punkt von selbst – dann kann man nicht mehr anders, als weiterlesen um alles zu verstehen, zu erkennen und hinter all die abgründigen Geheimnisse zu kommen. Wie bereits im ersten Band ist es auch hier so, dass man einiges direkt erkennt, weiß, ahnt und anderes dagegen ganz lange im Verborgenen bleibt, bis es irgendwann mit einem lauten Knall emporbricht und die Wände dieser Abgründe zu bröckeln beginnen. Alles stürzt zusammen und lässt aber nicht nur Schutt und Asche zurück, sondern so manchen Neuanfang.

Die Bezeichnung Thriller passt insofern, da es eine grausame Geschichte ist, in der Mord und Totschlag ebenso eine Rolle spielen, wie Entführung und sexuelle Gewalt (letzteres ist die Autorin im Gegensatz zum ersten Buch, eher behutsam angegangen).

Eine absolute Leseempfehlung für alle, die es auch bei Thrillern mögen, mitdenken zu müssen, eins und eins zusammen zu zählen, auch wenn das Ergebnis daraus gefühlt falsch sein könnte. Spannung und ruhigere Momente wechseln sich ab, besonders die Elemente mit Titus hatten eine ungeheure Anziehungskraft. Aber auch Leen kennenzulernen war ein Genuss der besonderen Art. Dieses Buch war, wie damals schon das Hörbuch des ersten Bandes, ein absolutes Highlight und ich bin glücklich mit dem Abschluss der Geschichte, auch wenn es bei mancher Person schmerzlich war.

Ich liebe die Sprache in diesem Buch, direkt, ungeschönt und ganz oft mit so wunderbaren Elementen, die einem glatt die Sprache verschlagen. Wer hätte gedacht, dass ein Satz wie „Es gibt Pizza“ solch Emotionen in einem wecken kann. Ich habe deswegen, mit dem Buch vor mir, Rotz und Wasser geheult und mich gleichzeitig gefreut wie ein kleines Kind.

Keine Geschichte der Welt konnte so schwer sein, dass sie eine Wolke zu Abstürzen brachte.

Seite 500

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★


– Weitere Eindrücke –
Seehases Lesewelt


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Buchdetails
Titel: Die Einsamkeit der Schuldigen -Der Abgrund
Buchreihe: 2. Band 
Autorin: Nienke Jos
Verlag: Gmeiner
— Rezensionsexemplar —
      Junia – Reihe
Band 1 ~ „Die Einsamkeit der Schuldigen – Das Verlies
Band 2 ~ „Die Einsamkeit der Schuldigen – Der Abgrund“

Dieses Buch zählt für mich auch zu der Challenge #WirLesenFrauen.
Zum einen, da es aus der Feder der einstigen Selfpublisherin und heutigen Verlagsautorin Nienke Jos stammt und, ganz wichtig, im Buch viele Frauen vorkommen, der Schwächen und Stärken gleichermaßen auf hohem Niveau beschrieben werden.

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-Leselust Bücherblog-
Gast

Liebe Kerstin,
Ich wollte gerade genüsslich deine Rezension lesen, als ich den Hinweis auf potentielle Spoiler gesehen habe. Da ich da immer etwas ängstlich bin, lasse ich diese Buchbesprechung erstmal ungelesen und schaue dafür bei deiner Rezension zu Teil 1 vorbei. Macht für mich wahrscheinlich eh mehr Sinn, da ich die Reihe noch gar nicht kenne.
Liebe Grüße, Julia

Anja aka Ana
Gast
Anja aka Ana

Hallo meine Liebe,
tatsächlich eine Dilogie über die ich immer mal gestolpert bin.
Wundervolle Rezension, aber trotz allem springt der Funke bei mir nicht richtig über.

LG
Anja