„Der Umweg“ | Luce d´Eramo

Das Buch wurde mir vom Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Inhalt laut Verlag

Sie ist achtzehn Jahre alt, begeisterte Faschistin und kann die Nachrichten von Konzentrationslagern im nationalsozialistischen Deutschland nicht glauben. Also macht sich Luce d’Eramo im Jahr 1944 nach Deutschland auf. Ihre Reise führt sie durch Arbeits- und Konzentrationslager, durch ein zerbombtes und auch innerlich zerrüttetes Land. Am Ende verliert sie ihre körperliche Unversehrtheit, aber auch die Illusionen über eine zerstörerische Ideologie.

Wo kommst du her – wo willst du hin?

Während die einen ahnen, dass da etwas ist was nicht so sein darf und andere es schlichtweg als Gerüchte abtun, will Luce es wissen! Diese Lager in Deutschland und was sich dort abspielt, kann das so sein? Also macht sie sich auf den Weg, gerade mal 18 Jahre alt und wird als Freiarbeiterin ein Teil der Maschinerie um Arbeitskräfte, Lagerinsassen, Zwangsarbeiter, Flüchtende und Sterbende im dritten Reich.

Dieser Roman ist autobiografisch und Luce d´Eramo erinnert sich in Etappen an ihre Erlebnisse. Es wird keine Reihenfolge im Buch eingehalten, sondern man springt in den Kapiteln von einem Ort zum anderen und erlebt gemeinsam mit Luce das, was sich bei ihr festgesetzt hat. Die Reihenfolge hat sie selbst bestimmt, so erfährt man schon recht früh, was ihr nach Ende des Krieges widerfuhr und springt im nächsten Teil wieder zurück. Es sind ihre Erinnerungen an Menschen und Begebenheiten. Situationen, die besonders, anders und einzigartig waren. Luce, die erst nach und nach begreift dass sie nicht nur die Wahrheit gesucht und gefunden hat, sondern sich selbst. Ein Umweg durch die Lager und Städte Deutschlands zu sich.

Ich blieb die ganze Nach wach. So hatte ich, falls ich sterben musste, wenigstens keine Minute Leben vergeudet.
(S. 181)

Luce war als Freiarbeiterin unter anderem bei IG Farben „angestellt“. Die Lebens- und Arbeitsverhältnisse lassen sie schnell aufbegehren und doch merkt sie immer wieder dass sich zu viele ihrem Schicksal ergeben haben. Schlechte bis kaum vorhandene Nahrung, Kleidung die nur noch als Lumpen durchgehen, Unterkünfte in denen es kalt, nass und hoffnungslos überfüllt ist. Alle möglichen Herkunftsländer sorgen für ein Wirrwarr aus Sprachen und damit für Missverständnisse. Dennoch hat Luce immer wieder Menschen an ihrer Seite gehabt. Männer und Frauen die sie als Freunde bezeichnet. Solche die kommen und gehen und andere, die sie nie wieder sehen wird.

Es sind sehr einprägsame Stunden in denen sie einen als Leser*in entführt. Ein Hin und Her in ihrem Leben. Stunden, in denen sie sich ihren Gedanken hingibt, sich fürchtet, ärgert und oft genug hadert. Tage, die gut sind und genügend andere die geprägt von unsagbaren Schmerz, nicht nur körperlicher Natur, einen fragen lässt wie man nur so ein Durchhaltevermögen haben kann.

Eine ganz besondere junge Frau, die aufgrund ihrer Sprachkenntnisse und der allgemeinen gute Bildung ein Charisma entwickelte, dem sich kaum einer entziehen konnte. Einst eine glühende Faschistin entwickelt sie sich zum Menschen der hinterfragt, hinschaut und eben nichts mehr hinnimmt.

Besonders die Szenen in der sie aufgrund einer schweren Verletzung schon zum Sterben abgeschoben wurde, hat sie mir unheimlich nahe gebracht. Rechts und links sterben die Menschen und sie begleitet alle. Kurze Momentaufnahmen, mit Schilderungen zu den Erkrankungen/Verletzungen und den Menschen dahinter. Augenblicke die ganz tief gehen auch wenn die immer nur kurz sind. Ihre Verletzung, nach dem Krieg erlitten, hindert sie aber nicht daran weiter zu machen und sich zu wehren. Sie will raus aus dem Land, dafür nutzt sie Kontakte und pflegt ganz besondere Freundschaften. Cleverness ist ihre Waffe und sie weiß es sehr gezielt einzusetzen. Doch ohne die zahlreiche Hilfe anderer wäre sie niemals so weit gekommen. Somit ist dieses Buch auch eines all derer die Luce begegneten, die ihre Spuren hinterließen und damit dieses Gesamtbild prägten.

Das die Dinge sich so ereignet hatten, habe ich später sogar vor mir selbst geleugnet.
(S. 316)

Die Zeitspanne in der Luce durch die Lager zog ist vom Februar 1944 bis Februar 1945. Von ihrem freiwilligen Auftakt bei den IG Farben bis hin zur Deportation nach Dachau. Zu dem Zeitpunkt wird sie beim Versuch Verschüttete zu retten, schwerst verletzt. Eine Querschnittlähmung einhergehend mit zahlreichen anderen Verletzungen machen sie hilflos und doch kämpft sie sich ins Leben zurück.

Ich empfand keine Angst mehr.
(S. 340)

„Der Umweg“ ist wieder ein Buch voller Emotionen und Gedanken. Es ist eine Reise durch ein zerstörtes zerbombtes Land und verlorener Träume. Die Sprache ist auf ihre Art sehr ungezwungen. Es findet sich der Tod ebenso wie das Leben darinnen. Es wird geliebt und gehasst. Trotz der Schwere des Themas findet sich im Buch auch eine Leichtigkeit und Luce hat mich mehr als einmal zum Lächeln gebracht.

Es gibt viele Bücher zu der Thematik um das dritte Reich. Schicksale der Denunzierten und Deportierten, der Vertrieben und Flüchtenden. Zeitzeugenberichte zu den Vernichtungslagern und Schilderungen um das tägliche Überleben in den Sonderkommandos. Bücher voller Leid und Grausamkeiten, manchmal hart an der Grenzen des Erträglichen und während manche sagen es ist genug erzählt, bin ich der Meinung, dass es immer und immer wieder in Erinnerung gebracht werden muss. Die unzähligen Toten schweigen und haben doch so viel zu sagen!

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★

Es ist mir immer eine Herzensangelegenheit Wider das Vergessen anzusprechen, die Challenge findet bei Sabrina des Blog Lesefreude statt.


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Buchdetails
Titel: Der Umweg
Buchreihe: Einzelband 
Autorin: Luce d´Eramo
Verlag: Klett Cotta 
— Rezensionsexemplar —

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Cathy
Gast

Das klingt absolut lesenswert, wenn auch sicherlich keine leichte Kost.

Anja aka Ana
Gast

Liebe Kerstin,
sicherlich ein großartiges Buch und Deine Rezension spricht Bände und vermittelt, dass es Dir sehr gut gefallen hat.

Ich werde es mal auf die Merkliste setzen.

LG Anja