„Der Reisende“ | Ulrich Alexander Boschwitz

Das Buch wurde mir vom Klett-Cotta-Verlag, im Rahmen einer Verlosung bei Vorablesen, kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Inhalt laut Verlag

Deutschland im November 1938. Otto Silbermanns Verwandte und Freunde sind verhaftet oder verschwunden. Er selbst versucht, unsichtbar zu bleiben, nimmt Zug um Zug, reist quer durchs Land. Inmitten des Ausnahmezustands. Er beobachtet die Gleichgültigkeit der Masse, das Mitleid einiger Weniger. Und auch die eigene Angst.

Bild by Kerstin

Angst fressen Seele auf!

In dieses Buch und die Geschichte springt man einfach so rein. So wie Otto Silbermann in etwas hineingeraten ist, das ihn auf den ersten Blick etwas verwundert. Wunderliches Gebahren der Menschen, Wilkür gepaart mit Ignoranz und unterstrichen durch Verachtung und Gewalt – von jetzt auf sofort. Wunder – geschehen hin und wieder und oft genug auch nicht! Ottos Hals-über-Kopf-Flucht, aus dem eigenen Haus, der eigenen Stadt, dem eigenen Leben, gestaltet sich in so rasanter Weise und man sitzt mit ihm – zwar nicht in einem Boot – aber dafür im gleichen Zug. Die Gedanken die er denkt, übertragen sich auf die eigenen und so folgt man Otto und flieht vor den Individuen, die das Wort Mensch nicht mehr verdienen.

Eben ist mir nun endgültig der Krieg erklärt worden und jetzt bin ich allein – in Feindesland
(S. 35)

Könnte ein Buch schwitzen, würde man aus jeder Pore der einzelnen Seiten spüren, was womöglich auch der Autor Ulrich Alexander Boschwitz für sich selbst spürte – Angst. Unverhohlene Angst, Zweifel, Sorge. Stellenweise Wut, sogar auf sich selbst, auf die eigene Hilflosigkeit und auf die verweigerte Hilfe der anderen. Otto, alleine auf sich gestellt, in Zügen voller Menschen, die von hier nach da fahren. Alle haben ein Ziel, nur Otto eben nicht. Keine Optionen, keine Chancen. Alles was er versucht ist zum Scheitern verurteilt, so wie er verurteilt wurde, weil es ein Jude ist. Eines von vielen Opfern inmitten von unzähligen Schuldigen. Die wenigen Ausnahmen, denen er begegnet, spiegeln seine Verzweiflung.

So aber spannt man sich und fällt wieder zusammen, rennt hin und her und kommt doch keinen einzigen Schritt weiter.
(S. 147)

Der Autor Ulrich Alexander Boschwitz starb fernab von Deutschland, aber doch durch deutsche Hand. Es war ein U-Boot das sein Leben mittels einem Torpedo im Alter von 27 Jahren beendete. Seine Geschichte „Der Reisende“ war zu dem Zeitpunkt bereits in England erscheinen. Die erste deutsche Ausgabe ist allerdings, auch dank dem Herausgeber Peter Graf, nun nach fast 80 Jahren erstmals erscheinen.

Ein wertvolles Stück Zeitgeschichte, mit einer klaren Sprache und literarisch bemerkenswert. Emotionen und Gedanken des Reisenden kommen auf eine bedrückende Art und Weise zu Tage und es zeigt wie sehr der Mensch, plötzlich komplett auf sich alleine gestellt, in einer ihm feindselig gegenüberstehenden Gesellschaft, den Verstand verliert.

Ich bin nur für das ordentliche Leben gemacht, nicht für das außerordentliche
(S. 204)

Eben noch normaler Alltag, verdreht sich die Welt. Aus Nachbarn werden mögliche Feinde, der fremde Mensch gegenüber könnte ein Denunziant sein. Wenn selbst engste Angehörige zur Gefahr werden, was soll man da tun? Flucht, wo keine Möglichkeit besteht. Der Zug als einziger Ausweg, da die Grenzen unüberwindbar sind? Tagein, Tagaus, das Rattern der Räder, die dahin ziehende Landschaft. Erste Klasse oder zweiter reisen? Auffallen vermeiden, Koffer sind hinderlich, Geld hilft nur bedingt. Einsteigen, aussteigen, umsteigen. Unentwegt, immer weiter und doch kein Ankommen.

Bild by Kerstin

Die Wirkung des geschriebenen Wortes ist enorm. Unwillkürlich überträgt sich diese Furcht allem und jeden gegenüber auf einen selbst. Was hätte ich getan? Unmöglich zu beantworten. Eine Situation die so unerklärlich ist und doch nach Antworten schreit.

Es ist wahrlich zum Verrücktwerden!

Das ist keine Frage der Angst, noch nicht einmal eine der Moral, das ist eine Frage der Intelligent und des Verantwortungsgefühl.
(S. 224)

Der Autor hat, als er dieses Buch schrieb, die ganze Tragweite um Pogrome, Judenverfolgung, Rassenlehre, Euthanasie und die furchtbaren Folgen für Millionen Menschen nicht wissen können. Das ausgerechnet Züge in den Jahren nach Ottos Geschichte eine so grausame Rolle übernehmen werden, konnte er auch nicht ahnen. Dadurch hat die Tragik nochmals eine ganz besondere Note erfahren. Ein Drama, das als Klassiker, hoffentlich auch in Deutschland viele neue LeserInnen erfährt.

Mein Prädikat: besonders wertvoll!

#WiderdasVergessen
#GegendasVergessen
#weremember

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★


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Buchdetails
Titel: Der Reisende
Buchreihe: Einzelband
Autor: Ulrich Alexander Boschwitz | Herausgeber: Peter Graf
Verlag: Klett-Cotta
— Rezensionsexemplar —

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lesefreude
Gast
lesefreude

Hallo!

Da bekomme ich schon beim Lesen deiner Rezension Gänsehaut. Eine Welt in der man niemand mehr trauen kann und jedem mit Argwohn begegnen muss. Was für eine grauenhafte Vorstellung und dabei noch das kleinste Übel.
Die tragische Rolle des Zugs macht das Buch noch spannender.
Liebe Grüße
Sabrina