„Der letzte Überlebende“ von Sam Pivnik

Das Buch wurde mir vom Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.

Inhalt laut Klappentext

„Sam Pivnik war gerade mal 13 Jahre alt, als die Wehrmacht in Polen einmarschierte. Mit der Familie lebte er in einem oberschlesischen Städtchen, der Vater war Schneider und stopfte den Leuten die Hosen. Da wurde aus dem Städtchen ein Ghetto, und Sam, der damals noch »Szlamek« hieß, war mittendrin. Er überlebte – auch das Grauen von Auschwitz, die Selektion durch Mengele, die Zwangsarbeit, den Todesmarsch, den Schiffbruch der Cap Arcona. Unzählige Male entging er dem Tod. All das erlebte Sam in den kurzen Jahren seiner Kindheit und Jugend.

Der Krieg ließ keine Möglichkeit, an ein Morgen zu denken. Und wen interessierte nach dem Krieg das Gestern? Am Ende seines unglaublichen Lebens gelingt es Pivnik, einem der letzten Überlebenden von Auschwitz, über seine Erlebnisse zu sprechen.“

„Sechs Jahre. Sechs Jahre, in denen die Welt still stand und ein Alptraum an ihre Stelle getreten war.“ (S. 212)

Eigentlich fehlen mir die Worte. Es macht mich sprachlos. Es macht mich fassungslos was Menschen ertragen können und ganz gewiss sehr wütend was Menschen anderen Menschen antun. Dieses Buch, die wahre Geschichte eines heute alten Mannes, dessen Überleben als Kind, Jugendlicher und heranwachsender Mann in den erlebten 6 Jahren der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten, nahezu an an ein Wunder grenzt. Aber ich muss darüber sprechen, es hier ‚loswerden‘, einfach weil es wichtig ist niemals zu vergessen. Diese Geschichten müssen mit und trotz all ihrer Grausamkeit immer und immer wieder erzählt werden!

Viele Geschichten um die Konzentrationslager, die Judenverfolgung, der Willkür um die Entscheidung was lebensunwertes Leben ist und was nicht, habe ich bereits gelesen. Sam Pivniks Geschichte aber, ist mit eine der persönlichsten, die ich je gelesen habe.

„Ich weiß das, ich war ja einer von ihnen.“ (S. 215)

Sams Erzählung beginnt im seinem Garten Eden. Alles ist gut, die Familie herzlich und gut situiert, aber nicht reich. Wobei sie schon reich sind, mit ihren vielen Kindern und der kleinen Schneiderei des Vaters. Wie schnell sich alles dreht, aus dem Garten Eden die Hölle wird, erzählt Sam auf eine sehr bildliche Art und Weise. Man lernt so viele seiner Menschen kennen und ehe man sich versieht ist man in dem Ghetto Kamionka angelangt. Die Vorstufe zur Hölle ist erreicht. Represalien, Mord und Totschlag, Willkür der Besatzer und oft genug auch von den ehemaligen Nachbarn. Man weiß was kommt, die Deportation – unweigerlich für alle Juden in dem Ghetto, Männer, Frauen und Kinder. 

„Wir befanden uns in Ausschwitz-Birkenau, dem tödlichsten Vernichtungslager, das sich die Nazis ausgedacht hatten. Hier sangen keine Vögel“ (S. 98)

Sams erzählt, fast kam es mir vor als würde er atemlos erzählen, ein Erlebnis nach dem anderen, als hätte er Angst etwas zu vergessen was ihm wichtig ist oder als würde er der Zeit, die er als alter Mann nicht mehr im Übermaß hat, ein Schnippchen schlagen wollen. So wie auch dem Tod. Sam hatte viel Glück, wenn man angesichts der Perversitäten und Grausamkeiten überhaupt von Glück sprechen kann. Es war wohl eher sein Wille zu überleben, die richtigen Entscheidungen zu treffen und trotz allem was er sah, hörte und erlebte einfach weiterzumachen, weiterzugehen und leben um zu überleben.

„Hier ging es wirklich ums Überleben der Stärksten.“ (S. 179)

Dieses Buch ist grausam. Sams Schilderungen zu den Selektionen, den täglichen Zählappellen, den katastrophalen Zuständen, dem Hunger und dem allgegenwärtigen Tod, sind nicht leicht zu ertragen. Aber wir lesen es ’nur‘, wir können mitleiden und schockiert sein und doch kommt es nicht im entferntesten daran was all diese Menschen ertragen mussten. Es gibt keine Effekthascherei in diesem Buch, gewiss ist es detailiert und Sam spart nirgendwo an seinen Schilderungen – warum auch? So war es, so hat er es erlebt! In Auschwitz, an der Rampe, im Kohlebergwerk, auf den Todesmärschen, auf dem schwimmenden KZ-Lager – der Cap Arcona.

„In der unnatürlichen, verrückten Welt des Völkermordes hatten die Schurken das Sagen. Die Irren leiteten die Anstalt.“ (S. 99)

Selbst die Zeit nach der Befreiung ist geprägt von den Erlebnissen. Der Wunsch eines heimatlosen wieder eine Heimat zu finden, im gelobten Land oder sonst irgendwo auf der Welt kommt sehr deutlich rüber. Ein ehemals kleiner Junge der alles verloren hat. Heimatlos, ohne seine geliebte Familie – alle tot. Sams Kampf ging weiter in dem Befreiungskampf für einen jüdischen Staat, wobei dieser Teil nur einen ganz kleinen Platz im Buch hat und eher Sams Werdegang nach dem 2. Weltkrieg schildert. Wo kam er her und wo ging er hin – der ehemalige KZ-Häftling mit der Nummer 135913?

Habe ich etwas vermisst in diesem Buch? Ja, das habe ich. Denn neben all den Menschen die Sams Weg mitgegangen sind, neben all denen die litten und starben und neben all denen die mordeten und quälten habe ich all die vermisst, die in irgendeiner Form geholfen haben. Ein paar wenige wurden genannt und frage mich „Wo waren all die anderen?“.

Rezension verfasst von © Kerstin

Dieses Buch kann ich nicht mit Sternen bewerten. Es wäre nicht gerecht, egal wie viele ich vergebe.


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Buchdetails
Titel: Der letzte Überlebende
Buchreihe: Einzelband

Autor: Sam Pivnik
Verlag: Theiss [Wissenschaftliche Buchgesellschaft]

4
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Nisnis Büecherliebe
Gast

Liebe Kerstin,

Der letzte Überlebende war auch für mich ein ganz besonderes Buch. Es hat mich zutiefst beeindruckt, traurig gestimmt und auch unendlich wütend gestimmt. Der Inhalt klingt noch lange nach und manche Worte, Sätze und Kapitel erwischen mich immer wieder eiskalt.

Liebe Grüße

Nisnis

-Leselust-
Gast

Eine richtig tolle Rezension, liebe Kerstin. Das Buch war bestimmt keine leichte Lektüre. Um so beeindruckender finde ich es, dass du diesem Thema deine Lesezeit widmest und so zum Kampf gegen das Vergessen beiträgst.
Aus diesem Grund lese auch ich in regelmäßigen Abständen Bücher über die NS Zeit. Die Abstände brauche ich, um dazwischen wieder aufatmen zu können. Es ist eben für die Seele etwas ganz anderes und macht etwas anderes mit einem, ob man einen blutigen Thriller liest, oder ein Buch, das von der wahren Geschichte erzählt.
Ich lass ganz liebe Grüße hier und danke für die schöne Rezension.
Julia