„Der Freund der Toten“ | Jess Kidd

Jahreshighlight 2019

Inhalt laut Verlag:

Der charmante Gelegenheitsdieb und Hippie Mahony glaubte immer, seine Mutter habe ihn aus Desinteresse 1950 in einem Waisenhaus in Dublin abgegeben. Sechsundzwanzig Jahre später erhält er einen Brief, der ein ganz anderes, ein brutales Licht auf die Geschichte seiner Mutter wirft. Mahony reist daraufhin in seinen Geburtsort, um herauszufinden, was damals wirklich geschah. Sein geradezu unheimlich vertrautes Gesicht beunruhigt die Bewohner von Anfang an. Mahony schürt Aufregung bei den Frauen, Neugierde bei den Männern und Misstrauen bei den Frommen. Bei der Aufklärung des mysteriösen Verschwindens seiner Mutter hilft ihm die alte Mrs Cauley, eine ehemalige Schauspielerin. Furchtlos, wie sie ist, macht die Alte nichts lieber, als in den Heimlichkeiten und Wunden anderer herumzustochern. Sie ist fest davon überzeugt, dass Mahonys Mutter ermordet wurde. Das ungleiche Paar heckt einen raffinierten Plan aus, um die Dorfbewohner zum Reden zu bringen. Auch wenn einige alles daran setzen, dass Mahony die Wahrheit nicht herausfindet, trifft er in dem Ort auf die eine oder andere exzentrische Person, die ihm hilft. Dass es sich dabei manchmal auch um einen Toten handelt, scheint Mahony nicht weiter zu stören …

Sei still. Die Toten kommen näher.
Sie ringen entschuldigend die Hände. Sie warten darauf, dass er die Augen aufschlägt, damit sie gesehen werden.
Sie wollen nur gesehen werden.

(Seite 46)

Sie sind um Dich herum. Sie begleiten Dich. Spürst du den leichten Windhauch in Deinem Nacken? Zieht sich manchmal eine zarte Gänsehaut über Deinen Körper? Da sind sie. Du siehst sie nicht, aber Du spürst ihre Nähe. Sie können Dir Angst machen. Und sie können Dich beschützen. Dich in ihre Arme nehmen und vor den Gefahren verbergen.

So beginnt dieser Roman. Eine junge Frau. Ein Baby. Ein gewalttätiger Mann. Und der Wald mit all seinen Geistern. Mahony, damals ein Baby, würde ohne diesen Schutz heute nicht mehr leben. Seine Mutter hatte nicht dieses Glück, sie starb unter den Schlägen des Mannes. Und so kommt es, das Mahony nach über zwanzig Jahren in seine Heimat zurückkehrt. Dieser irische ungewaschene Mann, der die Herzen der Damen im Sturm erobert. Und der die Geister zurückkehren lässt. Ein Dorf voller Toter. Ein Dorf voller Geheimnisse. Ein Dorf in dem ich noch länger hätte verweilen können.

Fast wie ein Märchen erzählt, brachte mich die Geschichte zum Lachen und zum Weinen. Sie berührte mich auf verschiedenen Ebenen und ließ mich vollständig eintauchen in die wundervollen Beschreibungen und mitunter kuriosen Szenerien. Ich habe mich schlichtweg verliebt in einzelne Protagonist*innen und der Abschied viel mir nicht leicht! Selten hat mich ein Roman so gefangen genommen, ich bin absolut begeistert – selbst wenn es Kritikpunkte gäbe, für mich nehmen sie absolut keinen Stellwert ein, da mich die Autorin verzaubert hat. Mit ihrer Geschichte, ihrem Dorf und den dort lebenden Protagonist*innen – abgesehen von einer Person.

Bereits im Prolog wird deutlich, dass der Mörder einer von ihnen ist, jemand aus dem Dorf. Ein Mann der in der Menge nicht auffällt. Ein Mann welcher 26 Jahre lang ungestraft mit einem Mord davon kam. Doch nun kehrt Mahony zurück. Und er kommt nicht allein. Er weckt die Toten. Die Menschen und die Tiere. Und ehrlich, haltet ein Taschentuch bereit, die Seiten 318 und 319 forderten mir einiges ab! Es sind nur zwei Seiten, aber die Autorin erschütterte mich, traf mich dort wo es wehtun sollte. Mit wenigen aber sehr bildgewaltigen Worten skizziert sie die letzten Momente eines Tiers, mit dem ich litt!

Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen gespielt. Die 70er, die Gegenwart. Und die Vergangenheit, die 40er und 50er, ihre Geschichte, die Geschichte von Mahonys Mutter. Orla. Ein Mädchen das für Geld Sex anbietet. Eine minderjährige Mutter. Ein Mädchen das sich nicht anpassen wollte. Ein Mädchen das allein war. Bis ihr Sohn geboren wurde und sie somit das ganze Dorf gänzlich gegen sich aufbrachte. Ganz besonders die eigene Mutter.
Doch so intensiv dieser Roman ist, so zauberhaft und humorvoll ist die Geschichte! Jess Kidd hat genau den richtigen Ton gefunden und all die verschiedenen Facetten, die mir innerhalb dieser Seiten begegneten, miteinander verwoben.

Mrs. Cauley, eine ältere Dame, die erste Freundin für Mahony. Und was für eine Freundin! Taff und intelligent! Sie war Schauspielerin und leitet das alljährliche Theaterstück des Dorfes, bis sie es für Mahony umfunktioniert und das Vorsprechen zum Verhör aller Dorfbewohner*innen wird. Und auch sonst ist die alte Dame nicht auf den Mund gefallen und war mir somit direkt sympathisch! Definitiv mein Liebling. Sowie ihre Begleitung, welcher treu an ihrer Seite ist, über den Tod hinaus und zunächst etwas skeptisch dem neuen und obendrauf noch lebenden Mann gegenüber steht. Doch Mahony kann niemand lange widerstehen. Ganz besonders die Toten nicht.
Natürlich hat Mahony auch weitere neue Freunde, die an seiner Seite sind,  Lebende und Tote. Das kleine Mädchen, welches ihm den Weg weist, als er die Orientierung verlor. Ein Mädchen das nur er sehen und hören kann.
Bridget Doosey, die ebenso wenig auf den Mund gefallen ist wie ihre Freundin Mrs. Cauley. Shauna Burke, Besitzerin des Hotels Rathmore House und auch sie verfällt Mahonys Scharm. Man möchte fast glauben, Mahonys bezirzt alles und jeden. Nun ja, so Unrecht hat man damit auch nicht. Doch was an Schwärmereien und Liebesgeschichten auf mich wartete, konnte mich verzaubern. Es ist anders, intensiver und nicht so klischeebehaftet.

Das ist „der Freund der Toten“ – anders und intensiver, bedingt durch den unverwechselbaren und märchenhaften Erzählstil der Autorin. Wie kann ich diesen wundervollen, poetischen Schreibstil beschreiben, die Art, wie die Autorin Mahonys Geschichte erzählt?!
Einnehmend. Bezaubernd. Bildgewaltig. Wunderschön.
Schlagworte die zutreffen und doch mein wundervolles Leseerlebnis nicht einfangen können! Die Autorin hat mich begeistert, von der ersten bis zur letzten Zeile und ich bin entzückt, dass es noch weitere Bücher ihrer Toten gibt. Auch wenn die Geschichten und Protagonist*innen nichts miteinander verbindet, so haben sie eines gemein: die Toten, die sie sehen.

Rezension verfasst von © Janna
★★★★★


– Weitere Eindrücke –
Hochhorst •
AstroLibrium •

Buchdetails | Anzeige |
Titel: Der Freund der Toten
Buchreihe: 1. Band
Autorin: Jess Kidd
Verlag: DuMont
Toten-Reihe / Inhaltlich unabhängig voneinander
Band 1 ~ „Der Freund der Toten“
Band 2 ~ „Heilige und andere Tote“
Band 3 ~ „Die Ewigkeit in einem Glas“ (erscheint voraussichtlich November 2019)

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Pink Anemone
Gast

Ich sag nur eins: „Du machst mich und meine WL fertig!!“ XD

Kerstin
KeJas-BlogBuch

Och menno Janna, jetzt will ich das Buch auch lesen, dabei schimpft mein SuB schon
Aber du hast das genial geschildert und ich möchte wissen was da so besonderes ist. Taschentücher habe ich eh immer da *geht sich jetzt ein Buch kaufen*

Buchperlenblog
Gast

Huhu Janna!
Wahnsinn, eine so mitreißende Rezension! Das Buch steht schon sehr lange auf meiner Wunschliste und du hast mich gerade total darin bestärkt, dass ich es mir unbedingt zulegen sollte. Die märchenhafte Dorfatmosphäre, die du da beschreibst, klingt ganz nach etwas für mich.

Liebe Grüße!
Gabriela