„Der aufblasbare Engel“ | Zaza Burchuladze

Das Buch wurde mir vom Aufbau Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Inhalt laut Verlag:

Das junge georgische Paar Nino und Niko Gorosia führt aus Langeweile in ihrer Küche eine Geisterbeschwörung durch. Und der Geist erscheint wirklich. Es ist Georges Gurdjieff, der große Esoteriker und Scharlatan des 20. Jahrhunderts. Zur Bestürzung der Gorosias macht er keine Anstalten, wieder zu verschwinden.
Als sie ihn bitten, sich an den Haushaltungskosten zu beteiligen, verfällt Gurdjieff auf seine probaten Mittel: Betrug, Kidnapping, Hypnose. Auf einmal scheint alles möglich, nur eine Frage des Glaubens, und die Gorosias träumen vom großen Aufstieg.

Der Geist, den ich rief?

Das ist mit das skurrilste Buch, das ich je gelesen habe. Lange habe ich mich gefragt was der Autor (mir?) mit dieser Geschichte sagen möchte und vielleicht interpretiere ich ja schon wieder viel zu viel hinein.

„Der aufblasbare Engel“ hat mir vor Augen gehalten, dass ich so wenig über das Land Georgien weiß. Über die Kultur, die Religionen und die Menschen.
Ein Land in dem so viel Geschichte steckt und mir doch weitestgehend unbekannt ist.
Mit Sicherheit gibt es in dieser Geschichte hier, sehr viele Dinge die zu Georgien gehören und für eine Außenstehende wie mich allerlei Fragen aufwirft. Dennoch, unterhalten hat es mich bestens, eben weil es so skurril und abgedreht war und weil es mich in einer kurzweiligen Form in diese kleine Wohnung mitgenommen hat.

So einer konnte sich für alles ausgeben, egal ob Heiliger oder Mörder, Herr oder Knecht.
(S. 52)

Von wem hier die Rede ist? Von diesem herauf beschworenen Geist. Gurdjeff, den man auch Guru nennen darf, oder Rayman, man sich letztendlich doch auf Ray einigt. Ein alter Herr, der plötzlich auftaucht und das Leben von Nino und ihrem Mann Niko gewaltig auf den Kopf stellt. Viel ist dazu nicht nötig, ihr Leben ist nämlich öde und trist, eingefahren im Alltagsallerlei und so ein bisschen auch festgefahren. Dieser „Geist“ kann nun aber nicht mehr verschwinden, er versucht es, ernsthaft, aber es klappt einfach nicht. Also machen die drei das Beste daraus und Hund Foucault genießt diese neue Dreifaltigkeit.

Manchmal ist ein Traum auch einfach nur ein Traum, und es ist sinnlos, versteckte Zeichen und Botschaften in ihm zu suchen.
(S. 102)

Träume sind Schäume, oder so ähnlich und warum sollte es bei Nino und Niko nicht anders als bei anderen sein. Sie träumen von der schönen Wohnung, doch dafür fehlt das Geld, auch weil Niko kaum bis gar nichts arbeitet und sich lieber den Genüssen des Essens hingibt (meine Güte war ich froh als endlich dieses Eclair im Kühlschrank verschwand). Zum Glück gibt es ja nun den „Geist“ und dessen Idee einen Mann zu entführen, wird nicht lange diskutiert. Was dabei herauskommt ist dann aber so dermaßen unerwartet und wirklich schräg, dass ich so ganz kurz gezweifelt habe. Der Autor lässt seine Personen im Buch regelmäßig abdriften in alte Erinnerungen und Erlebnisse und ich wusste nicht immer ob das jetzt ein Traum ist oder ein Wunsch.
Aber da war es dann wieder – diese Sache mit der Interpretation!

…aber es wurde soviel von Eiern gesprochen, dass seine Gedanken sich vollkommen ineinander verquirlten und wie Pastila* miteinander verklebten.
(S. 115)

Der größte Teil der Handlung findet in dieser Wohnung statt. Küche, Wohnzimmer, Abstellkammer, Bad und Schlafzimmer. Eine Tasse ohne Henkel und den ein oder anderen Müll. Es riecht des Öfteren unangenehm, was am Hund liegen könnte oder an diesem Entführungsopfer, das dann doch so langsam aber sicher anfängt vor sich hinzustinken. Nicht das man jetzt meint es wäre ein Mord begangen worden!

Das Lösegeld hat es gegeben, die neue Wohnung auch, ob aber alle glücklich sind steht auf einem anderen Stern, oder im Kaffeesatz.

Jetzt aber, meine ganz eigene Interpretation und ich hoffe der Autor wird es niemals lesen (aber warum sollte er hier das lesen?) – wahrscheinlich bekommt er dann einen Lachanfall.
„Der aufblasbare Engel“ hat seine Handlung im Georgien der heutigen Zeit. Die Moderne hat Einzug gehalten, Kriege haben das Land und damit auch die Menschen geformt. Traditionen verschwinden immer mehr, damit auch zum Teil die Träume der Menschen. Legenden und Sagen waren einst die Gute Nachgeschichten. Korruption ist allgegenwärtig, freie Meinungsäußerungen sind nur bedingt gewollt.
So standen Nino und Niko für all die Bequemlichkeit schnell etwas zu bekommen ohne etwas dafür tun zu müssen. Die Arbeit erledigen andere und egal wie sie es tun, man macht mit ohne zu hinterfragen.
Gurdjieff war der Heilsbringer, der Typ der sagt wie es läuft, sich selbst über andere stellt und einfach macht.
Das Entführungsopfer ist die typische Maschine Mensch. Tu was ich dir sage und als Belohnung schmiere ich dir Fett ums Maul. Krass – es wirkt öfters als gedacht.
Wunder soll es ja geben.

Das es diese Gurdjieff wirklich gab, steht außer Frage – man kann ihn und seine Geschichte nachlesen. Als ich sein Bild sah, war ich verblüfft ob er präzisen Beschreibung Burchuladzes. So erging es mir mit nahezu allem und allen im Buch. Seine bildhaften Beschreibungen lassen einen sehr intensiv an der Geschichte teilnehmen.

Das ganze Buch ist auch optisch sehr gelungen. Schon in das Cover hatte ich mich schockverliebt. Selbst im Inneren erwartet einen eine klare Abgrenzung der einzelnen Kapitel – die hier allerdings „Akt“ genannt werden. Wunderschön kann ich da nur sagen. „Der aufblasbare Engel“ ist so ein Buch das man im Kopf behält.

Es wird eine Zeitlang dauern, bis ich Pilzen keine genaue Betrachtung mehr schenken werde und bei jeder Folge von Dr. House muss ich jetzt an dieses Buch denken.

*russische Süßigkeit

Rezension erstellt von Kerstin
★★★★☆

 Auch hier gilt – wer „Eine Reise nach Georgien“ unternehmen möchte um Land, Leute, Autorinnen und Autoren kennenzulernen, ist herzlich eingeladen.


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Buchdetails
Titel: Der aufblasbare Engel
Buchreihe: Einzelband 
Autor: Zaza Burchuladze 
Verlag: Blumenbar [Aufbau Verlag] 
— Rezensionsexemplar —

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Pink Anemone
Gast

Hallo Kerstin,
Das Cover habe ich ja schon auf Insta bewundert. Die Info über den Autor, vor allem, dass seine Bücher verbrannt und verbannt wurden, macht mich auf das Buch noch viel neugieriger. Daher freue ich mich jetzt schon auf Deine Rezension.

Bussi,
Conny