„DAVOR und DANACH“ | Nicky Singer

Das Buch wurde mir über „vorablesen“ vom Dressler-Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Inhalt laut Verlag:

Was zählt, wenn die Welt am Abgrund steht? Verändern Klimawandel und Flucht unsere Menschlichkeit?

Die 14-jährige Mhairi lebt in einer Welt in der es zu viele Menschen gibt und Wasser nur noch im Norden zu finden ist. Sie besitzt zwei Dinge: einen Revolver und ihre Papiere. Ihr einziges Ziel ist es, zu überleben. Dank ihrer Papiere wird es Mhairi bis in den Norden schaffen. Hoffentlich. Doch dann trifft sie kurz vor dem Grenzpunkt einem kleinen Jungen. Ist sie bereit, alles für ihn zu riskieren?

Schmerzlich schön

Und wer bin ich, dass ich wüsste, was für ein Schmerz das ist?
(S. 83)

Ein Jugendbuch muss (für meinen Lesegeschmack) schon einiges bieten, um mich zu überzeugen. Durch die Leseprobe war mir schnell klar, dass dieses nicht einfach nur ein Buch für Jugendliche und Junggebliebene ist. Dafür war es viel zu poetisch ob der kurzen Sätze und den teils noch verschwommenen Dingen, die sich auf den ersten Seiten zutragen. Eine 14jährige auf der Flucht, vor dem Wetter, Krieg, Soldaten, Hitze und Angst. Komplett alleine auf sich gestellt, fällt ein alter Mann wortwörtlich vor ihre Füße und ein kleiner Junge damit in ihr Leben.

Es kristallisiert sich schnell heraus, das Mhairi bereits in England ist und ihr Fluchtziel, das sichere Schottland. Aber sicher vor was? Dem Wetter, der Trockenheit und dem damit verbundenen einzigen Landstrichen in denen es noch etwas wie Normalität gibt. Aber was ist normal, wenn Millionen von Menschen aus aller Herren Länder hoch in den Norden wollen. Mhairi erzählt alles aus ihrer Sicht, was sie erlebt hat und was sie noch erleben muss. An ihrer Seite war einmal ein anderer Junge, der aber FESTUNG.
Nein, das ist kein Tippfehler. Ich habe ein paar Seiten gebraucht um zu begreifen, was dieses einzelne Wort bedeutet und war umso begeisterter, das die Autorin die negativen Erlebnisse Mhairis in dieses eine Wort packt. Es gibt Dinge die Mhairi nicht aussprechen will oder kann. Dadurch hat sie ihre eigene Festung geschaffen. Ein Schutzort, in den das gepackt wird, was sie nicht ertragen könnte, müsste sie es aussprechen. Damit ist dieses Jugendbuch auch wirklich ab 14 Jahren zu empfehlen. Zwischen den Zeilen liest man aber sehr deutlich heraus, was Mhairi in der FESTUNG einschließt.

Überleben, fällt mir da wieder ein, ist ein längeres Unterfangen.
(S.237)

Mhairi ist ein außergewöhnlicher Charakter. Mit ihrem 14 Jahren noch ein Kind, eine Heranwachsende und doch hat sie schon so viele Gedankengänge, die trotz einer gewissen kindlichen Naivität aufzeigt, was sie schon erleben musste und wodurch sie viel erwachsener ist, als sie sein sollte. Entscheidungen, die sie zu treffen hat, müssen spontan und doch gut bedacht sein.
Es ist einfach alles zu gefährlich. Der Mensch an sich, vor allem wenn es ein Flüchtender ist, hat kaum mehr einen Wert. Es sind zu viele und Mhairi ist eine von ihnen. Eine Schottin auf dem Weg nach Schottland. Sie wird unweigerlich in das ein oder andere Auffanglager kommen und damit auch oftmals in erneute Gefahr. Es scheint nirgend sicher zu sein, selbst an manchem sicheren Ort.

Der kleine Junge, der sie begleitet hat keinen Namen. Mhairi sperrt sich dagegen, sie will alleine gehen und doch folgt er ihr, als würde er ahnen oder spüren, dass sie es eigentlich doch nicht will.
Eine wortlose Beziehung beginnt, denn der Junge spricht nicht. Er ist auch schon einen langen Weg gegangen und er war nicht immer alleine. Sein Traumata offenbart sich im Buch und es schnürt einen den Hals zu, wenn man begreift was ihm geschehen ist.

Diese Geschichte ist fiktiv, sie spielt in der näheren Zukunft und doch gibt es so unendlich viele Parallelen zu heute, gestern und morgen. Heimatlose auf dem Weg in eine bessere Welt.
Vergessen, wenn man sie nicht sieht.
Verachtet, wenn sie der hoffnungslosen Situation in ihrem Land davonrennen. Ungewollt, wenn sie an fremden Türen oder gar an Grenzen klopfen.
Keiner ist bereit ein Stück zur Seite zu rutschen und deshalb schafft man Plätze, auch Lager genannt, mit hohen Mauern oder Zäunen.

Diese Buch empfinde ich als äußerst wertvoll. Es ist wunderschön in der Sprachgestaltung. Einfach gehalten und doch ganz besonders. Liebevoll und anrührend, ohne dabei in Klischees zu verfallen.
Durch die Ich-Form sieht man alles mit Mhairis Augen und hört und schmeckt und spürt alles, was Mhairi sieht, hört, schmeckt und spürt.
Erinnerungen, die sie aufleben lassen und solche die schmerzen und damit in die Festung gehören. Gespräche mit Papa, der auf dem Weg FESTUNG.
Man begegnet mit ihr so manchem Menschen und solche, die keine sind. Einige gehen mir ihr, manche kommen hinzu, andere bleiben auf der Strecke.

„DAVOR und DANACH“ ist nicht unbedingt nur eine Dystopie, dafür gibt es zu viele zeitaktuelle Parallelen. Eine Geschichte die ungemein berührt und ganz tief geht.
Ein ganz deutlicher Fingerzeig auf die Menschlichkeit.
Das Cover ist von der Gestaltung her wunderschön. Zum einen das Motiv mit dem Glitzereffekt, was allerdings nicht darüber täuschen sollte, das in diesem Buch definitiv kein Glitzer zu finden ist. Auch wenn Mhairi und dem kleinen Jungen doch eine ganz besondere Aura umgibt.

Dass Heimat wirklich nicht nur ein Ort ist. Es sind die Menschen. Die Menschen, die du liebst. Die Menschen, die du nicht verlieren willst.
(S. 379)

Nicht jede Geschichte hat ein Happyend. Nicht jedes Leben ist oder wird gut. Es kommt oft darauf an, wer mit einem geht, an der Seite bleibt und auch wenn nichts gesprochen wird, doch unendlich viel zu sagen ist.
Wegen dem Ende weine ich immer noch oder schon wieder. Dennoch – Lesen!

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★


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Buchdetails
Titel: Davor und Danach
Buchreihe: Einzelband – Altersempfehlung ab 14 Jahren
Autorin: Nicky Singer
Verlag: Dressler [Verlagsgruppe Oetinger]
Einbandillustration von Frauke Schneider
— Rezensionsexemplar/ vorablesen —

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14
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Buchbahnhof
Gast

Danke für diese wundervolle Rezension, liebe Kerstin. Jetzt will ich das Buch unbedingt lesen. Du hast es mir wirklich schmackhaft gemacht.
LG
Yvonne

Petra
Gast

Hey du,
deine Rezension ist wirklich toll und macht richtig Lust darauf das Buch zu lesen. Ich war auch direkt neugierig und daher durfte es bei mir auch schon einziehen. Es wird definitiv als nächstes gelesen!
Liebe Grüße, Petra

Jenny
Gast

Woah,
Was eine starke und tolle Rezension!
Das Buch wollte ich sowieso schon lesen, jetzt umso mehr und ich bin so gespannt auf dieses Erlebnis!

Vielen Dank für diese überzeugenden Worte
Jenny

Kate
Gast

Hallöchen,
mit deiner Rezension hast du mich soooo neugierig gemacht! Ich brenne geradezu darauf :D Es steht ganz oben auf meiner Wunschliste, also danke für den Buchtipp!
Liebste Grüße, Kate

Anja aka Ana
Gast

Ohhh liebe Kerstin,
das hört sich gut an. Ich liebe ja dystopische Geschichten und dieses unglaubliche Cover ist mir auch schon aufgefallen.
Danke für Deine wundervolle Rezension und geschickte Auswahl der Zitate.

Da geht mein Herz auf für dieses Buch.

LG Anja

Janna
KeJas-BlogBuch

Diese Cover! *-*
Wusste gar nicht das das zu den Jugendbüchern gehört – tick da ja wie du und bin ganz angetan von dem was du über den Inhalt berichtest! Ein Haben-Will für mein Regal und thematisch klingt es wirklich dank deinen Eindrücken noch reizvoller