„Das Erbe“ | R. R. Sul

Das Buch wurde mir vom dtv Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Distanzierte Intensität

Was wird aus einem Menschen, dem von klein auf eingeflüstert wird, er sei unheilbar krank? Als Kind schlief Wolf tagsüber, nachts war er wach. Die Wohnung durfte er nur mit einem Motorradhelm verlassen – er habe die Mondscheinkrankheit, behauptete die Mutter. Als ein Arzt ihre Lüge aufdeckt, bringt sie sich um. Heute, als Erwachsener, lebt Wolf zurückgezogen in seiner Wohnung, die Wände verkleidet mit Puzzles. Ein Mann taucht auf, der sagt, er sei sein Bruder. Freddy wirkt rätselhaft auf Wolf, ein Mensch ohne moralischen Kompass, trotzdem nimmt Wolf sich seiner an. Und wird erneut hineingezogen in einen bedrohlichen Kampf um die Wahrheit seines eigenen Lebens.

Inhalt laut Verlag

Mit einem Brief beginnt die Geschichte. Eine Geschichte bei dem der Autor anonym bleiben möchte. Seine Familiengeschichte?
Ob das Buch Fiktion ist, auf wahren Begebenheiten beruht oder es wirklich die geschriebenen Worte von Wolf sind, bleibt offen.

Die Geschichte las sich nicht wie ein Debüt. Ob der Mensch hinter dem Pseudonym bereits Erfahrungen hat oder einfach sehr talentiert ist, lässt sich nicht beantworten, aber das Buch lässt sich mehr als angenehm lesen. Die Emotionen werden nachvollziehbar transportiert und besonders die Kindheit von Wolf wird gelungen skizziert.

Ihre Angst vor Krankheiten war so groß, dass sie schon krank war, bevor sie krank wurde. Oder eben ich.

Seite 9

„Das Erbe“ ist ein Erbe auf vielen Ebenen. Sei es das Buch selbst, die Familiengeschichte darin, wenn man dem Brief Glauben schenken mag. Das Erbe, welches Wolf hinterlassen wird, nachdem seine Mutter und dann sein Großvater verstarben. Das Leben, das er führte, wie er es führte, aufgrund seiner Kindheit. Das plötzliche Erscheinen seines Halbbruders und die Veränderungen die er mitbrachte. Das Leben das Wolf sich selbst später aufbaute und einriss. Oder die feine aber präsente Stimme seiner Mutter, die trotz ihres Todes Wolfs Leben mit den passenden Sprüchen betitelt. All das ist das Erbe.

Die Geschichte ist jedoch nicht die von Wolfs Mutter und doch ist sie der Beginn von allem weiterem. Auf nur wenigen Seiten wird beschrieben, wie sein Leben mit einer psychisch erkrankten Mutter verlief. Wie ein Mann kam und alles veränderte. Und wie dieser Mann ging, ohne etwas wirklich verändert zu haben.
Dann kam Wolf zu seinem Großvater, so lange bis er ganz allein war. Verlassen vom Stiefvater, von der Mutter, vom Großvater.

Was nur um Kleinen skizziert wird, hat Auswirkung auf Wolfs gesamtes Leben. Es zerstört die Beziehung zu der einzigen Frau die er liebt. Er baut nie die Beziehung zu seinem Halbbruder auf, die er sich so sehr ersehnt.

Bereits nach wenigen Seiten wird deutlich, dass es sich um ein beklemmendes Buch handelt, um ein Leben das die Folgen der Kindheit mit sich trägt. Die Erkrankung seiner Mutter ist nicht im Fokus des Buches, aber immer präsent. Mich nahm Wolfs Leben ein, es berührte mich jedoch nicht in seinem Ganzen. Der Beginn fesselte, skizzierte die Zerbrechlichkeit. Doch im weiteren Verlauf bleibt mir der Protagonist etwas fern, wobei ich denke dass dies nicht am Autor liegt, sondern am Protagonisten. Wolf ist nicht in der Lage seine Gefühle so zu transportieren wie es sich Lina, seine Freundin, wünschen würde. Körperliche Zuneigung hat er selbst nie erfahren.

Da Wolf aus der Ich-Perspektive heraus erzählt, war ich Nahe an seinen Gedanken, Ängsten und Freuden. Als Kind, als Mann. Dennoch schwand die Intensität meinerseits mit dem Verlauf der Geschichte. Ich bin mir unsicher, ob der Autor es genau darauf angelegt hat, aber es war zu mindestens einer der Punkte, die mich auch nach dem Auslesen noch beschäftigten. Fand ich im späteren Verlauf keinen Zugang mehr oder war es Absicht, dass Wolf nur distanziert zu erlesen ist?

Das was sich im späteren Verlauf ereignete, was alle in Angst und Schrecken versetze, ergab für mich auch nach beenden des Buches leider keinen Sinn. Ebenso Freddys Rolle, die letzten Worte über ihn auf Seite 98. Diesen Punkt kann ich jedoch nicht ausführen, ohne der Geschichte etwas vorweg zu nehmen, zumal es auch weitere Ereignisse gibt, die mich gedanklich stolpern ließen:

SPOILER

In weißer Schrift geschrieben, bitte den folgenden weißen Abschnitt zum Lesen markieren

Auf Seite 98 sagt Wolf „Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah, bevor er abtauchte“, doch das stimmt nicht. Freddy wird wieder Teil seines Lebens. Wolf hat Sex mit Freddys Frau und ist am Ende des Buches mit Freddy wieder in der Hütte. Ich muss gestehen, ich bin verwirrt! Was soll mir Wolfs Verhalten sagen? Und was bedeutet der Satz auf Seite 98?

Zuerst glaubte ich, dass Wolf sich Freddy nur herbeisehnt, Freddy nicht wirklich bei ihm ist. Das Wolf sich Freddy in seinem späteren Leben einbildet. Doch dies passt nicht zu den Ereignissen. Freddys Frau spricht mit Wolf. Freddy taucht bei der Weihnachtsfeier auf. Er ist da, präsent. Somit passte diese Theorie nicht hinein.

Ebenso erschließen sich mir die Todesanzeigen nicht. Warum an Linas und Wolfs Geburtstag? Warum eine Todesanzeige von Karl, der noch lebte – an Augustins Geburtstag? Freddy leugnet bis zuletzt. Und er habe selbst zwei der drei Todesanzeigen zugeschickt bekommen. Was soll ich damit anfangen?

SPOILER ENDE

Ich mag es, wenn ich als Leserin gefordert werde. Ich liebe Metaphern, bei denen ich mir die Bedeutung selbst erschließen muss. Die oben als Spoiler gekennzeichnete Kritik versperrte mir jedoch etwas den Zugang, denn der Hintergrund dieser Ereignisse erschloss sich mir nicht. In manchen Geschichten dienen sie der eigenen Interpretationsmöglichkeit, hier jedoch verwirrte es mich mehr, als das es mich gedanklich beschäftigte.

Und dann sind da die letzten Zeilen. Die Worte mit dem das Buch endet. Mein erster Impuls war, alles nochmals durchzublättern. Die Lücken zu suchen, die Zusammenhänge im Ganzen zu betrachten. Ich wusste nicht wohin mit meinen Gedanken zum Buch und ich war unsicher, wie es mir letztendlich gefiel. Die Geschichte überwältigte mich beim Lesen nicht und doch nahm sie mich ein. Eine distanzierte Intensität.

Rezension verfasst von © Janna
★★★★☆


– Weitere Eindrücke –
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Buchdetails
Titel: Das Erbe
– Einzelband
Autor: R. R. Sul
Verlag: dtv
— Rezensionsexemplar –

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LeseWelle
Gast

Hallo Janna,
eine schöne Rezension hast du da geschrieben, aber trotzdem wüsste ich jetzt nicht ob ich das Buch lesen möchte oder nicht.
Ich habe es schon öfter in der Hand gehalten und die Idee interessiert mich schon irgendwie, aber wenn du beschreibst, dass dir der Zugang zu Wolf fehlte oder das sich dir einige Dinge nicht erschlossen, klingt jetzt nicht so als würde ich es lesen wollen.
Aber wie schon oben erwähnt, deine Rezension gefällt mir sehr gut. :-*
Diana

-Leselust Bücherblog-
Gast

Liebe Janna,
Eine spannende Rezension. Nach deinen Worten hätte ich gedacht, dass dir das Buch insgesamt nicht ganz so gut gefallen hat und war dann doch überrascht von deiner 4-Sterne Bewertung. Das Thema klingt mega interessant. Schade, dass die Umsetzung an der ein oder anderen Stelle scheinbar zu wünschen übrig lässt. Aber da es dir ja insgesamt doch sehr gut gefallen hat, behalte ich das Buch mal im Hinterkopf. :)
Liebste Grüße. Julia