„Das Echo der Bäume“ | Sara Nović


Aufgabe Nummer 11 der Challenge #WirLesenFrauen
Eva-Maria Obermann sagt:

„Lest einen Gegenwartsroman einer Autorin“

Es sollte weder Krimi oder Thriller sein, keine Schnulze, keine Fantastik, kein Kinder- oder Jugendbuch. Zuerst dachte ich noch „oha, das wird schwer“, wurde es aber nicht, denn es gibt jede Menge Gegenwartsromane und dieses hier hat mich schwer beeindruckt.


Inhalt laut Verlag:

„Ana, hör mir zu. Wir werden ein Spiel spielen, Okay? Alles, was du tun musst, ist, ganz nah bei mir zu bleiben, sehr nah. Wenn ich dann in die Grube falle, lässt du dich auch fallen. Mach einfach die Augen zu und halte deinen Körper ganz gerade. Aber es funktioniert nur, wenn wir beide genau im selben Moment fallen. Hast du verstanden?“ Dies sind die letzten Worte, an die sich die 10-jährige Ana erinnert, als sie vom Waldboden aufsteht. Sie hat durch einen Trick überlebt, doch ihr Vater und ihre Mutter sind tot. Es ist 1991, in der Nähe von Zagreb, in einem Land, in dem Nachbarn zu Feinden geworden sind. Ana gelingt die Flucht nach Amerika, zusammen mit ihrer kleinen Schwester Rahela, die noch ein Baby ist. Rahela wächst sorglos heran, doch Ana kann nicht vergessen. Bis sie eines Tages beschließt, zurückzukehren in das heutige Kroatien, an den Ort, der für sie noch immer voller Wunder ist und der einmal ihre Heimat war …

Stell dir vor es ist Krieg!

Eigentlich sollte es unvorstellbar sein und doch ist es noch gar nicht so lange her, dass inmitten Europas, gegen Ende des 20. Jahrhunderts, ein Krieg ausbrach.
1991 beginnt inmitten des Balkans eine ganze Serie an Kriegen und genau mit diesem Jahr beginnt auch das Buch und die Geschichte der gerade einmal 10jährigen Ana.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert und springt in diesen von der Vergangenheit in die Gegenwart und wieder zurück, ist aber immer übersichtlich. Die Schilderungen zu den Kriegshandlungen sind verhalten, es liest sich eher zwischen den Zeilen was geschah und geschieht. Somit finden sich, trotz all der stattgefundenen Grausamkeiten, keine unnötigen gewaltverherrlichende Situationen im Buch wieder.

„Das Echo der Bäume“ ist eher ein leises Buch mit einem flüssigen und gut zu lesenden Stil, dessen Inhalt aber definitiv unter die Haut geht. Durch den Bezug auf den Balkan-Krieg zähle ich es auch zu den Büchern, deren Geschichten nicht vergessen werden dürfen. Dieser Krieg ist quasi um die Ecke geschehen und ich kann mich noch sehr gut erinnern, an die TV-Berichte, die Reportagen und Berichte.

Teil I des Buches „Sie fielen beide“
Ana, die gerne mit Jungs Fahrrad fährt und Fußball spielt, erzählt aus ihrer Sicht und aus ihrem Leben. Der Vater gutherzig und liebevoll. Die Mutter fürsorglich und immer vorausschauend. Die kleine Schwester Rahela, ein Baby noch, ist schwer krank. Alle zusammen leben sie in einem Mehrparteienhaus in Zagreb. Die Wohnung ist klein aber gemütlich und auch wenn Ana nicht mal ein eigenes Bett hat, ist es doch ungemein wichtig dass der Vater ihr Abends etwas vorliest oder singt, wenn sie sich auf dem Sofa zur Nachtruhe begibt.
Ana ist eine gute Schülerin, höflich, zuvorkommend und neugierig auf das Leben – und dann kommt der Krieg in ihr Leben. Schleichend scheint er noch in der Ferne zu sein und doch bestimmt er das tägliche Leben. Alles ist knapp, die Lebensmittel, das Wasser, Medikamente. Dafür gibt es immer mehr an Nachrichten und Informationen, live und in Farbe aus dem heimischen TV-Gerät. Ein Krieg zum Miterleben, für diejenigen die nicht in diesem Land leben. Anas Schilderungen sind trotz oder gerade wegen der kindlichen Unwissenheit sehr bedrückend. Die heulenden Sirenen und die Aufenthalte im Luftschutzbunker, die Barrikaden und Soldaten. Scheinbare Spielplätze für die Kinder, die sich noch ihres Kindseins bewusst sind. Dennoch spürt und erlebt man diese Furcht, die immer mehr zunimmt, auch in den Handlungen der Erwachsenen. So kommt es zu einer Situation, die Anas Leben auf eine solch grausame und erschütternde Weise ändert, wie es keinem Menschen widerfahren sollte.

In Kroatien hatte der Krieg einen Kontrollverlust bedeutet, er hatte jeden Gedanken, jedes Handeln, ja sogar den Schlaf beherrscht.
(S. 116)

Teil II des Buches „Schlafwandlerin“
Ein Jahrzehnt ist vergangen und man findet sich mit Ana in New York wieder. Wie sie dort hin gekommen ist erfährt man wieder durch ihre Worte und Schilderungen. Eine junge Frau mittlerweile, die sich in dieser großen Stadt hilflos vorkommt, da sie ihrer Wurzeln komplett entrissen wurde. Zwar ist ihre Schwester hier an ihrer Seite und doch ist Ana furchtbar alleine.
Was sich immer mehr herauslesen lässt, ist diese Qual des nicht vergessen können. Das Wissen um die Zeit während des Krieges, alles was sich in ihr Gedächtnis eingeprägt hat und wie groß ihr Verlust ist. Schmerzliche Erinnerungen, Tagträume, die einen Alptraum offenbaren und zeigen, dass alles was erlebt wurde in irgendeiner Form hängen bleibt. Doch Ana schweigt über all dies, bleibt still und leise, obwohl in ihrem Kopf alles schreit.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass sie zurück möchte in ihre Heimat. Vielleicht um etwas zu finden, das sie verloren hat oder das zu begraben, was sie nicht mehr loswird.

Je mehr ich log, desto besser passte ich mich an.
(S. 142)

Bildquelle btb (Random House)

Teil III des Buches „Geheimhaus“
In diesem Teil springt Ana wieder zurück in die Zeit der 10jährigen. Es ist die Fortsetzung des 1. Teils. Viel möchte ich hierzu gar nicht erzählen, da es unweigerlich zu einem Spoiler führen würde.
In diesem Teil wird der Krieg dargestellt. Es zeigt das Leben derer die sich verschanzt haben, die Widerstand leisten und tagtäglich um ihr Leben kämpfen. Mittendrinnen Kinder, eines davon Ana.
Dieser Teil gibt auch Auskunft darüber wie Ana aus dem Land gelangte, wer ihr half und wie sie zu ihrer kleinen Schwester fand.

Es sind sehr eindringliche Schilderungen, die mir durch den Stil der Autorin sehr unter die Haut gingen. Der Krieg an sich ist ein fester Bestandteil und auch wenn alles wieder aus dieser kindlichen Sicht geschildert wird, merkt man immer mehr wie sehr all diese Erlebnisse prägen. Wenn aus einem Gehen plötzlich ein unkontrolliertes Laufen wird, um den Minen auszuweichen oder die Funktion eines Maschinengewehrs zur Routine wird, stellt sich mir die Frage, wie all das wieder aus den Köpfen derer, die genau dies erlebt haben, wieder verschwinden kann.

Hier hat die Autorin mittels Ana gezeigt, dass es eben nicht verschwindet, niemals. Es bleibt, der Krieg und all die Erlebnisse fressen sich fest.

Teil IV des Buches „Das Echo der Bäume“
Der deutsche Titel des Buches findet sich in diesem Abschnitt wieder.
Es ist der Abschluss und gleichzeitig ein Neuanfang.
Ana, die sich zurück nach Kroatien begibt, einen alten guten Freund wieder trifft und die Orte ihrer Kindheit aufsucht. Es ist ein Versuch zu verarbeiten und wieder lässt sich herauslesen, dass manche Dinge einfach nicht verarbeitet werden können. Heimat, die eine war und vielleicht noch immer ist.
Es ist dieses Echo, das nie verhallt und sei es noch so leise, es bleibt. Wie die Bäume, die damals schon standen, deren Wurzeln all das Blut der Ermordeten aufsogen und noch immer stehen und alles gesehen und gehört haben.

Wir sinnierten gemeinsam über die Frage, wie lange es wohl dauern würde, bis der Krieg in Vergessenheit geraten würde.
(
S. 302)

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★

– Weitere Eindrücke –
Literaturblog Sabine Ibing • 


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Buchdetails 
Titel: Das Echo der Bäume
Buchreihe: Einzelband 
Autorin: Sara Nović
Übersetzerin: Judith Schwaab 

Verlag: btb [Random House]  


Wer mehr von und über unsere, für diese Challenge gelesenen oder geplanten Bücher wissen möchte – hier geht es zum Beitrag:

#WirLesenFrauen

Dort gibt es alle 12 Aufgaben zu sichten und ob wir schon die ein oder andere erfüllt haben.

Bildquelle: Penguin Random House

Zur Autorin:
Sara Nović, geboren 1987, studierte an der Columbia University Literatur und Übersetzung. Sie arbeitet als Lektorin beim „Blunderbuss“-Magazin und unterrichtet kreatives Schreiben. „Das Echo der Bäume“ ist ihr erster Roman, der sich auf Anhieb in 14 Länder verkauft hat. Sara Nović lebt in Philadelphia, Pennsylvania.

Winner: American Library Association’s Alex Award.
Finalist: LA Times Book Prize and Goodreads Choice Awards.
Longlist: Center for Fiction’s First Novel Prize, the International Dublin Literary Award,
​and the Baileys Prize for Women’s Fiction.
Named one of the year’s best books by Booklist, Bookpage and Electric Literature.

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monerl
Gast

Liebe Kerstin, ich freue mich sehr, dass du das Buch nun endlich auch gelesen hast. Zudem hat es dir auch noch gefallen! Die alles entscheidende Szene zu Beginn ist richtig krass, oder? Als ich sie damals gelesen hatte, musste ich schlucken und das Buch kurz zur Seite legen, um die Bilder vor Augen wegzubekommen. Für mich ist dieses Buch ja noch etwas mehr, da ich über die Wurzeln meiner Eltern mit Kroatien ja verbunden bin und auch den Krieg und die Flucht vieler Menschen, auch die der Familie meines Vaters, mitbekommen habe. Es gibt wenige Bücher zum Jugoslawienkrieg. Dieses hier… Read more »