„Das Birnenfeld“ | Nana Ekvtimishvili

Das Buch wurde mir vom Suhrkamp Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Inhalt laut Verlag:

Der Geschichtslehrer muss sterben, die Kinder sollen über das Birnenfeld in die Freiheit rennen – das ist Lelas Plan. Im Internat für geistig behinderte Kinder in Tbilisi, einem Relikt aus Sowjetzeiten, hat das zornige Mädchen die Rolle der Beschützerin übernommen. Die Lehrerinnen sind mit den »Debilen« überfordert. Behindert sind die wenigsten ihrer Schützlinge, im Stich gelassen, abgehängt sind sie alle.
So mörderisch Lelas Hass auf den Geschichtslehrer, so schwesterlich ihr Verhältnis zu Irakli: Sie begleitet ihn in eine Hochhauswohnung in der Nachbarschaft, wo er einmal in der Woche mit seiner Mutter in Griechenland telefonieren darf. Irakli will nicht wahrhaben, was Lela längst weiß: Seine Mutter wird nie zurückkehren, sie wird ihn auch nicht zu sich holen. Lela zwingt ihn, Englisch zu lernen, unterstützt seine Hoffnung, nach Amerika zu gehen. Ein Traum, der eines Tages, als ein Ehepaar aus den Südstaaten anreist, wahrzuwerden droht …

Vergesst Wano, diesen Geschichtslehrer – er ist ein Schwein!
Haltet Euch lieber an Lela, diese wunderbare junge Frau, die mit ihren gerade mal 18 Jahren mehr Fürsorge, Empathie und Verständnis an den Tag legt, als alle anderen Erwachsenen im Buch zusammen.
Lela ist das Buch und das Buch ist Lela.
Einst selbst eines der Kinder, die in diesem Internat aufwachsen. Kein Elite-Internat, sondern ein Abgabeort derer, die ihren Kindern nichts mehr geben können oder wollen. So haben sie wenigstens ein Dach über dem Kopf, eine warme Mahlzeit am Tag und regelmäßigen Schulunterricht. Was dazwischen geschieht, darüber wird geschwiegen, aber man erliest es sich mit jeder weiteren Seite.
Debile werden sie genannt. Dabei sind es einfach nur Kinder, die dort leben und irgendwann das Internat wieder verlassen.

Im Internat gab es keine Abschiedsrituale….Sie merkten es erst wenn ihnen jemand fehlte.
(S. 66)

Das Internat und alles andere in diesem Buch ist so plastisch dargestellt, dass man sich wie ein Teil davon anfühlt. Egal ob man mit Lela auf der Feuertreppe sitzt oder mit ihr im Nachbarhaus nach einem funktionierenden Telefon sucht. Sie hat mich mehr als einmal erschrocken mit ihren Aussagen und Erzählungen, ihren Handlungen und ganz tiefen eigenen Gedanken. Ihre Zuneigung zu all den Kindern, die da sind oder jemals dort waren ist unerschrocken und so würde sie nicht nur alles für sie tun, sondern macht es auch. Irakli, ein verstockter Neunjähriger, kommt ganz besonders dafür in Frage. Für ihn ergibt sich eine einmalige Chance und Lela will, dass er sie bekommt. Auch, damit es endlich mal wieder einen Helden gibt, einen aus ihren Reihen, der es geschafft hat, dem vorhandenen und unweigerlich weitergehenden Elend zu entfliehen. Dafür bringt Lela Opfer, die man nicht bringen sollte.

Jetzt komme ich aber zu diesem Birnenfeld – im Titel so passend und als Metapher für dieses Internat großartig und mit viel Herz gewählt.
Dieses Birnenfeld, unweit des Zuhauses der Kinder, steht auf einem immer nassen Gelände. Der Boden sumpfig und die Bäume verkrüppelt. Kein schöner Anblick und doch übt es eine Faszination aus. Jedes Jahr tragen die gebeugten Bäume ihre Früchte und doch sind sie ungenießbar. Vielleicht ist der Weg zu diesen Bäumen zu beschwerlich, vielleicht hat man einfach immer den falschen Baum gewählt. Irgendwo in der Masse der knorrigen alten Gebilde findet sich bestimmt diese eine ganz besondere.

Wenn sie taugen würden, wären sie längst weg!
(S. 148)

Mit diesem Buch hat die Autorin Nana Ekvtimishvili Georgien der 1990er Jahre gezeigt. Ein gebeuteltes Land auf dem Weg in die Selbstständigkeit, vollgepackt mit alten Traditionen, zugestellt mit vorgegebenen Hindernissen, behangen mit traumatischen Kriegserlebnissen und aus diesem Paket das alle mit sich tragen, fallen die Kinder, die keiner will oder braucht.
Irakli, mit seinen spitzen Ohren. Kolja, der mit dem Kopf zuckt und immer so schwere Füße hat. Felix, der eine Fahrradfelge bändigen konnte. Axana, die lispelte. Waska, der immer lächelte. So viele und noch viel viel mehr halten Einzug in dieser Geschichte und so schnell wie mancher kommt, so schnell ist er auch wieder weg.
Manche gehen freiwillig, andere weil sie alt genug sind und dann solche, wie Sergo.

„Das Birnenfeld“ ist in einer einfachen und doch sehr berührenden Sprache gehalten. Es ist wie ein Abenteuer, das man zusammen mit Lela und all den Kindern erlebt, aber es ist eben kein Spiel, dafür ist es dann stellenweise doch zu hart und grausam – wie das Leben eben sein kann!
Ich habe es geliebt mit ihnen die Kirschen zu klauen und gemeinsam am Kindertisch bei der Hochzeit zu schlemmen. Ich habe mit Lela gebibbert, dass es auch klappt mit Iraklis Reise und war wie sie traurig ob der Gewissheit dass seine Mutter einfach abgehauen ist.

Ein trauriges Buch und doch hat es mich nicht hinuntergezogen, ganz im Gegenteil sogar, ich feiere es. Die Ehrlichkeit darinnen und den ungeschönten Ton. Die Bilder in meinem Kopf, die es auslöste und den Wunsch noch viel zu erfahren über dieses kleine Land.
Dann gab es noch etwas darinnen das alles andere übertrumpft – Lebensfreude pur.
Jeden weiteren Tag auch in diesem Internat, trotz oder wegen der Unzulänglichkeiten und Zustände.
Dieses marode Gebäude mit seinen fünf Stockwerken, dem Birnenfeld, dem großen Hof, der Lücke im Zaun, der großen Küche, dem Raum, dessen Balkon einfach so abgebrochen war….ach ja, vergesst Wano nicht!

…sei nicht traurig mein Schatz, es wird bestimmt alles wieder gut…
(S. 91)

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★


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Buchdetails
Titel: Das Birnenfeld
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Nana Ekvtimishvili
Verlag
: Suhrkamp
— Rezensionsexemplar —

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-Leselust Bücherblog-
Gast

Liebe Kerstin,
Das Buch klingt irgendwie anders, als ich erwartet habe. Aber was du schreibst spricht mich trotzdem sehr an. Und dann hast du ja auch noch so eine gute Bewertung vergeben. Hab das Buch gleich mal auf meine Wunschliste gesetzt. :)
Liebe Grüße und einen guten Start in die Woche wünsche ich dir.
Julia