Daniel Woodrell | Country-Noir³

Dieser Beitrag ist mal keine Rezension, wie Ihr sie bei uns kennt. Keine über ein einzelnes Buch, kein 3 Geschichten- 3 Eindrücke und auch keine Reihenempfehlung.
Hier geht es nur um die (von mir gelesenen) Bücher des amerikanischen Autoren Daniel Woodrell und meine Begeisterung darüber.

Treue Seele

Grundsätzlich kann ich sagen, wenn mich ein einzelner schreibender Mensch mit einem Buch „gefangen“ hat, dann will ich auch alle anderen lesen. Es ist mir auch vollkommen egal, ob es eine Reihe ist oder wie bei diesem Autor, vollkommen unabhängige Einzelbände. Hat mich einmal der Stil gepackt, der Inhalt überzeugt und mich das Buch mit einem „Hach“ weglegen lassen, bin ich eine sehr treue Leserin. Dies führt unweigerlich dazu auch weitere Werke des Autoren/der Autorin lesen zu müssen. Ja, es ist ein MUSS, anders kann ich es gar nicht beschreiben. So ist es mir mit Cynan Jones ergangen, mit Margret Atwood und Friedrich Ani. Nur um ein paar Beispiele zu nennen.

Mein erstes Buch von Woodrell war „Winters Knochen“ (hatte mir Janna geschenkt) und bis heute habe ich es nicht rezensiert. Warum? Da lag noch der Film dazu bei mir, den musste ich ja noch anschauen – hätte einen perfekten Buch-trifft-Film-Beitrag gegeben. Hat es aber nicht! Warum? Ich hatte „Tomatenrot“ entdeckt, gekauft und gelesen. Auch bei dem Buch war der „Hach“-Effekt da und es hätte ja jetzt gepasst eine Doppelrezension zu schreiben, aber nein, ich musste das Buch ja in einen Dreier packen (ärgere ich mich jetzt noch drüber). Also blieb „Winters Knochen“ weiterhin liegen. Vor gar nicht langer Zeit zog dann „Der Tod von Sweet Mister“ ein und als ich dieses Buch gelesen und danach weggelegt hatte, war da wieder dieses unwahrscheinliche Gefühl von Vermissung. Denn mit diesen Büchern kam es mir immer so vor, als würde ich auch die Personen darinnen mit weglegen, dabei hatten sie einfach Aufmerksamkeit verdient und sollten nicht irgendwo herumliegen und in Vergessenheit geraten. Deswegen vielleicht auch dieser Beitrag, denn Woodrells Bücher sind ganz weit weg vom Mainstream, vermutlich kennen die wenigsten diesen begnadeten Autor und mit großer Sicherheit werden die allermeisten mit dem Stil gar nichts anfangen können.

Keines dieser drei Bücher hat einen Bezug zueinander. Außer, dass alle in Missouri ihre Handlung haben. Die Ozarks, eine Hochlandregion, in der eigentlich nichts los ist oder sich finden lässt außer Viehzucht, Geflügelfarmen, Forstarbeiten und Sägemühlen. Die Menschen in Woodrells Bücher sind keine Helden, ganz im Gegenteil sogar, die meisten sind absolute Verlierer, Tunichtgute, Kleinkriminelle oder Drecksschweine. Dazwischen finden sich aber diese besonderen Charaktere, die man übrigens auch nicht unbedingt alle mögen muss, die aber aufgrund ihrer schonungslosen Darstellung richtig an einem kleben bleiben. Dadurch passt für mich diese Bezeichnung Country-Noir auch so ungemein gut. Dunkle, schmutzige Geschichten, die in einer ländlichen Gegend ihre Handlung haben.
Melancholische Stimmungen, deren Traurigkeit sich beim Lesen fast schon überträgt.

Der Status der sozial benachteiligten hängt ihnen, den Charakteren, an. Ärmliche Verhältnisse, Hunger, Arbeitslosigkeit, Drogen, Alkohol, Gewalt – eine Gefüge aus Schicksalen, die sich alle im Kreis drehen, irgendwo einen Ausgang suchen und dabei ständig auf irgendwelche Hindernisse stoßen oder sich dabei selbst im Wege stehen. Ostentativ packt der Autor seine Charaktere in abgewrackte Häuser, einsame Gegenden oder, wie in „Der Tod von Sweet Mister“ direkt neben eine Friedhof. Zeig mir wo du wohnst und ich zeige dir wer du bist!

Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Tatsache, dass es immer Kinder, Jugendliche oder junge Heranwachsende sind, deren Geschichten man folgt.
Ich-Perspektiven, die aufzeigen wie perspektivlos doch alles ist. Es ist ein Blick zu den Außenseitern, denen das Glück nicht holt war, die weder ein intaktes Familienhaus noch eine einigermaßen vernünftig funktionierende Familie haben.

In „Winters Knochen“ hat die 16jährige Ree ihre Mühsal mit einer psychisch erkrankten Mutter, kümmert sich dennoch aufopfernd um sie und die zwei jüngeren Brüdern, die auf dem besten Wege sind von eben diesem abzukommen. Der Vater, kaum bis gar nicht anwesend, verdingt sich überall im Land, kocht Meth, sitzt regelmäßig im Knast, säuft mehr als ihm gut tut und beschert damit der Familie ein finanzielles Desaster. Als wäre das alles nicht schon schlimm genug, droht nun der Rausschmiss aus dem kleinen Haus. Dafür muss Ree ihren Vater finden, denn sonst wird die Kaution fällig. Kein leichtes Unterfangen in einer Gegend die geprägt ist von Zwietracht und einem Schlag Menschen, der an alles denkt, nur nicht an seinen Nächsten.

Die filmische Umsetzung mit Jennifer Lawrence als Ree empfand ich als sehr gelungen. Die Ozarks nicht nur zu erlesen, sondern zu sehen hat mich fasziniert. Das Wissen um all das was geschieht wurde kein Stück getrübt, denn diese Bilder der Landschaft riefen immer wieder Erinnerungen an das Buch auf. Der Film bleibt dem Buch weitestgehend treu, was mit Sicherheit auch an der Kürze dessen liegt. Woodrell schreibt nicht ausschweifend, sondern auf den Punkt.

„Den ganzen Morgen über schien es, als würden Geigenspieler, die sich irgendwo versteckten, langsame, gedankenschwere Lieder fideln.
(S. 174)

In „Der Tod von Sweet Mister „ erzählt der 13jährige Shug um sein Leben mit Mutter Glenda und dem Stiefvater Red. Diese Frau, noch immer eine Schönheit und stolz, trinkt zu viel von ihrem „Tee“, was sie zu einem Opfer ihrer selbst macht. Red ist voll ausgesprochen krimineller Energie und so ganz nebenbei ein narzisstisches Ekelpaket. Shug will es allen recht machen, hängt an der Mutter auf eine fast schon ödipale Art. Er ordnet sich unter, tut was Red verlangt und dabei macht er Erfahrungen, die nicht nur für seinen Körper schmerzhaft sind. Als ein Fremder auftaucht, Glenda den Kopf verdreht und dem vermeintlichen Rivalen Red auf den Leib rückt, wandelt sich Shug. Er, der immer der Sweet Mister war, löst sich von dieser Bezeichnung und entwickelt eine Obsession, an deren oberster Stelle nur seine Mutter steht, koste es was es wolle. Kein leichtes Buch und ein schweres Thema, welches allerdings sehr behutsam beschrieben wird.

Die Flasche, in der ich mein Leben lang all die Schreie verkorkt hatte, zerbarst.
(S. 187)

„Tomatenrot“ hatte ich bereits mit diesen Worten beschrieben:
Wie kann man so eine böse Geschichte nur so herzlich erzählen. Schon beim Einstieg in die Story musste ich so grinsen, nicht weil es so immens lustig war, sondern die Beschreibungen einer total abgedrehten Situation, so plastisch vor mir erschienen. Meine Güte was für Typen und Gestalten. Was für Looser und Möchtegernhelden. Was für eine Gemeinschaft und was für eine sich anbahnende Katastrophe. Chancenlose die alles beim Schopfe packen was sich bietet und doch immer wieder daneben greifen, sich verheddern und verzetteln und so aus Chaos noch mehr Chaos machen.
Auch dieses Buch ist mit seinen 222 Seiten eher kurz, aber wie heißt es so schön „in der Kürze liegt die Würze“ und jede Seite trifft den Ton und jede Zeile erhöht die Lautstärke, wobei selbst oder besonders das Geflüsterte schreit.
Last but not least: Eine Story um solche, die ganz unten gelandet sind und dabei so manch anderen noch mit hinunter ziehen. Eine Tragödie, die so absurd liebevoll geschildert ist und doch einen ganz tiefen Blick auf die dramatischen Umstände aufzeigt. Es geht nicht nur unter die Haut, es kriecht auch den Nacken hinauf.

Wir alle hier auf Erden hängen unserem heiß geliebten Blödsinn nach und unternehmen alles mögliche, um daran zu glauben.
(S. 89)


Die zwei Taschenbücher,
die nun mein Regal zieren, sind aus dem Heyne-Verlag. Wobei ich zugeben muss, dass die Hardcover aus dem Liebeskind-Verlag doch deutlich mehr Anziehungskraft auf mich haben. Bei „Winters Knochen“ ist man beim Cover wenigstens gleich geblieben.


Es gibt noch einige Bücher mehr vom Autoren und ich werde nicht umhinkommen, wenigstens noch „In Almas Augen“ zu lesen. Der Klappentext ist auch wieder so einer, der mich magisch anzieht:

Die Geschichte vergisst das Ungesühnte nicht. Missouri, Sommer 1929. In einer Kleinstadt sterben 42 Menschen, als es eines Nachts bei einer Tanzveranstaltung zu einer gewaltigen Explosion kommt. Es gibt viele Gerüchte über die Tragödie, doch die wahren Ursachen kommen nie ans Tageslicht, und als kurz darauf die Große Depression über das Land hereinbricht, scheint alles zu verblassen. Nur eine Person lassen die Ereignisse nicht los, die Haushälterin Alma DeGeer Dunahew. Sie hat ihre Schwester Ruby in den Flammen verloren und glaubt nicht an einen Unfall. Aber als sie Nachforschungen anstellt und dabei an der fragilen Ordnung der Stadt rüttelt, wird Alma mehr und mehr ausgegrenzt. Sie verliert ihre Arbeit und entfremdet sich von ihrer Familie. Erst vierzig Jahre später wird sie ihre eigene Wahrheit über jene Nacht enthüllen. Über ihre schöne, verführerische Schwester, die sich damals auf eine verhängnisvolle Affäre einließ, und einen Sommer, der niemals endete.

Die Bücher von Daniel Woodrell sind keine spannungsgeladenen Abenteuer. Es geht ruhig, leise, bedächtig zu. Ab und an knallt es mal, fließt Blut, stirbt ein Mensch. Das sind diese Geschichten, in denen man versinkt, Seite um Seite in die menschlichen Abgründe und deren Folgen.

Die Cover der Bücher, mit ihren endlosen Weiten, der Einsamkeit und den aufziehenden dunklen Wolken sind prädestiniert für die plastische Darstellung der Charaktere. Dabei benutzt der Autor gar nicht so viele Beschreibungen oder Details. Es obliegt der Leserschaft, sich durch die meist weniger als 200 Seiten umfassenden Bücher zu tasten und dabei mehr als deutlich zu spüren was sich darinnen verbirgt – ganz viel Seele nämlich!

Kennt Ihr Bücher von Daniel Woodrell?
Oder möchtet Ihr sie jetzt kennenlernen?

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Gunnar
Gast

Sehr schöner Beitrag. Daniel Woodrell ist aber auch wirklich großartig. „In Almas Augen“ lohnt sich ebenfalls sehr.
Am allerbesten hat mir „Winters Knochen“ gefallen. Diese düsterne Stimmung und mittendrin diese unglaublich starke Ree Dolly.

Viele Grüße
Gunnar