“Crossroads” | Jürgen Albers

Inhalt laut Klappentext:

Juni 1940: Der Frühsommer erstrahlt über der britischen Kanalinsel Guernsey. Für den erfahrenen Londoner Inspektor Charles Norcott scheinen die beschaulichen Inseln im Ärmelkanal keine Herausforderung bereit zu halten. Doch das freundliche Sonnenlicht ist trügerisch und beleuchtet die Leiche einer jungen Frau. Kaum haben die Ermittlungen begonnen, als sich bereits neues Unglück zusammenbraut. Die deutsche Wehrmacht hat Frankreich überrannt und besetzt nun auch die britischen Kanalinseln in einem Handstreich. Nach einem zweiten Mord überschlagen sich die Ereignisse. Auf einer kleinen Insel, abgeschnitten und besetzt vom Feind, muss Norcott erkennen, dass er es mit mehr als einem Gegner zu tun hat. Grenzen verwischen sich und die Welt scheint voller Masken. Auch im hellen Sonnenschein bleibt die entscheidende Frage: Hinter welcher Maske steckt ein Freund, hinter welcher der Gegner?

Kriegs-Verwirrungen

74 Kapitel auf 598 Seiten entführen einen auf diese kleine britische Insel, die wegen der Nähe zu Frankreich im 2. Weltkrieg von der deutschen Wehrmacht besetzt wurde. Etwas über einen Monat, im Juni und Juli 1940 folgt man Inspektor Charles Norcott auf dieses Eiland und obwohl man diesen Mann im Vorfeld kein Stück kennt, ist es nach den ersten Seiten fast schon so als wüsste man alles über ihn.

Norcott ist starker Charakter, der aber durch einen traumatischen Verlust geprägt, kaum mehr auf sein eigenes Wohlbefinden oder den Umgang mit Vorgesetzten achtet und deswegen kurzerhand nach Guernsey “versetzt” wurde.
Da zu Beginn der Story schon 15 Monate vergangen sind, hat sich bereits ein Team um ihn gebildet. Allen voran Sergeant Clive Mulgrave, der ihm treu zur Seite steht.
Beide haben den Mord an einer ortsansässigen Frau zu klären und dabei zeigt sich dieses facettenreiche Gesicht des Inspektors. Einerseits still und in sich gekehrt, kann er auch richtig laut und wütend werden. Wobei er dabei immer eine gewisse Contenance behält – typisch britisch Gentlemen like eben. Es gab immer wieder Szenen, bei denen ich aufgrund seines trockenen Humors schmunzeln musste, aber ebenso auch genug Szenen die aufzeigten, was ihn so emotional beschäftigte.

Scheinbar ist der Krieg, der zu dieser Zeit herrscht, noch nicht auf diese Insel vorgedrungen, aber das ändert sich schlagartig und so müssen Norcott und alle auf der Insel verbliebenen sich damit arrangieren.

Das diesem Mann genau dort jemand über den Weg läuft und ihm damit wieder so etwas wie Glücksgefühle beschert ist wunderschön eingebunden. Eine zarte Bande die sich da knüpft und Norcott von seinem selbstzerstörerischen Weg abbringt.

Aber der Krieg veränderte vieles. Er schärfte auf grausige Weise den Blick dafür, wie schnell das Schicksal einem Menschen den Lebensfaden abschnitt.
(S. 117)

Als Besatzungszone ändert sich alles auf der Insel und doch bleibt vieles beim Alten. Norcott ermittelt weiter, auch wenn es schwieriger wird. Zeugen sind von der Insel verschwunden, da sie entweder interniert wurden oder aufs Festland flüchten konnten. Vorschriften und neue Gesetze machen es ihnen allen schwer. Hinzu kommen die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse, die Lebensmittel werden knapp und auch wenn auf Guernsey, dank des mediterranen Klimas vieles angebaut werden kann, bleibt einiges und einige auf der Strecke.

Die Beschreibungen von Orten und Begebenheiten lassen einen auf diese Insel abdriften und man beginnt sich an die Gepflogenheiten zu gewöhnen. Das einem dabei so manch einer ans Herz wächst ist zwangsläufig gegeben. Das Klima, die Strände, Klippen und Möwen, alles bekommt seinen passenden Platz und mehr als einmal hat mich der Autor mit seinen Worten berührt, was in einem Kriminalroman durchaus sein darf.
Ein genial authentisches Setting, welches verleitet sich diese Gegend mal in echt anzuschauen und schwupps war ich dabei Guernsey in Internet mal unter die Lupe zu nehmen. Apropos Lupe – irgendwie verbinde ich das gerade mit Sherlock und Norcott hat zwar keinen Watson, aber er ist clever, emphatisch, vorausschauend, staubtrocken in seinem Humor und herrlich böse kann er auch werden.

Wenngleich sich das tägliche Einerlei unbeeindruckt von den Unbilden des Krieges zeigte, waren viele kleine Dinge schwieriger geworden.
(S. 325)

Im Buch selbst geht es weniger um diese Besatzungszeit an sich, es ist zwar ein sehr wichtiger Bestandteil der Story und ohne diesen wäre die Stimmung auf der Insel, diese Schwierigkeiten bei den ermittelnden Tätigkeiten und so manche anwesende Person nicht existent und dann würde ganz viel fehlen.
Der Hauptaugenmerk liegt einfach auf Norcott, dem Mordfall und wie es sich so ergibt, auch noch auf der ein oder anderen Situation, die sich automatisch daraus entwickelt. Keine wilden und actionreifen Szenerien, alles geht ruhig und bedächtig vor sich. Es sind diese Verbindungen die alles ausmachen, diese Verwirrungen aufgrund des Krieges. Geschickt gemacht und hervorragend platziert auf diesem Stückchen Erde.

Eine eher ruhige Geschichte, die sich nicht an Grausamkeiten orientiert oder Willkür seitens der Besatzer aufzeigt. Es geht darum herauszufinden wer der Mörder ist! Warum diese Frau sterben musste!

Der Autor Jürgen Albers bindet so viele historische Elemente in diesen Kriminalroman ein und es verlangt Disziplin beim Lesen und gewiss auch Interesse an Geschichte. Auch wenn Guernsey nur eine kleine Insel ist, laufen einem dort so viele unterschiedliche Menschen über den Weg und passend zu dem Titel, kreuzen eben all diese Charaktere auch Norcotts Weg.

Wir leben im 20. Jahrhundert, meine Herren. Zeit sich von den Märchen der Cromwell-Ära zu verabschieden, sonst jagen wir demnächst wieder rothaarige Frauen als Hexen.
(S. 447)

Eine Leseempfehlung an alle die es mögen zu rätseln, Spuren zu sichern, Hintergründe aufzudecken und dabei in eine längst vergangene Ära einzudringen, in der man nie weiß wer denn nun auf der Seite der Guten steht und wer eben nicht.

Übrigens, wer dem Autor gerne beim Vorlesen zuhören möchte – im 14. Türchen des #SPbuchkalender findet Ihr eine Audiodatei mit 11 Minuten aus “Crossroad”.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★

– Weitere Eindrücke –
Die Wörterkatze °
Pink Anemone °
Magische Momente in der kleinen Bücherwelt °
Team Buchmagie °


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Buchdetails
Titel: Crossroads 
Buchreihe: 1. Band
Autor: Jürgen Albers
Verlag: Selfpublisher
 
Inspektor Charles Norcott – Reihe
Band 1 ~ “Crossroads”
Band 2 ~ “Erased”

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