„Bösland“ | Bernhard Aichner [Kerstin]

Inhalt laut Verlag:

Sommer 1987. Auf dem Dachboden eines Bauernhauses wird ein Mädchen brutal ermordet. Ein dreizehnjähriger Junge schlägt sieben Mal mit einem Golfschläger auf seine Mitschülerin ein und richtet ein Blutbad an. Dreißig Jahre lang bleibt diese Geschichte im Verborgenen, bis sie plötzlich mit voller Wucht zurückkommt und alles mit sich reißt: Der Junge von damals mordet wieder …

Und es war Sommer…

1987: Ben ist 10 Jahre alt, als er seinen Vater auf dem Dachboden findet. Tod und damit nicht mehr in der Lage seinen Sohn zu misshandeln und das ausgerechnet im „BÖSLAND“. Der Ort, vor dem sich Ben immer fürchtete, da er dort seine Schläge bekam. Für nichts und für noch viel weniger. Doch nach dem Tod des Vater wird aus BÖSLAND, diesem Dachgeschoss, ein Zufluchtsort an dem er, zusammen mit seinem Freund Kux, Dummheiten machen kann. Gemeinsam schlagen sie die Zeit des gemeinsam Heranwachsens tot und irgendwann findet man das Mädchen Matilde an genau diesem Ort, erschlagen.
Ben landet in der Psychiatrie und mit ihm alle Erinnerungen an diesen einen verhängnisvollen Tag, an dem ein Dreizehnjähriger zum Mörder wurde.

Ein ganzes Leben liegt zwischen dem, was jetzt ist, und dem, was damals passiert ist.
(S. 164)

Das Buch startet direkt auf dem Dachboden mit Bens Erzählung zum Tod seines Vaters, der täglichen Misshandlungen, der Ignoranz seiner Mutter und dem Neubeginn seines kindlichen Lebens, auch durch die Freundschaft mit dem Arztsohn Kux. Während man eben noch auf dem Dachboden der Vergangenheit Bens war, springt man in die Gegenwart zu einer Therapiesitzung mit der Therapeutin Therese.
Durch die Dialoge, die in der typischen Aichner Art keine Anführungszeichen benötigen, erfährt man immer mehr aus Bens Leben. Seine Zeit in der Psychiatrie, seine Kindheit, seine kurze Jugend und dann die Zeit des Neustarts nach der Entlassung, vorübergehend in einer betreute Wohngruppe, um 20 Jahre nach der Tat, als erwachsener Mann ein eigenständiges Leben zu führen.
Alles, was einen während dieser Seiten, der Therapiesitzungen und Dialoge begleitet, ist diese eine fehlende Erinnerung an die Tat und genau damit wusste ich sofort wie der Hase lief.

Zuerst war mir nicht wohl bei dem Gedanken daran, dass der Autor es sich so einfach machte, zu vorhersehbar, zu viel fehlende Spannung für einen Thriller und ein absolut ungewohntes „Feeling“ beim Lesen.
Die kurzen Sätze fehlten mir. Die Ein-Wort-Aussagen. Die auf den Punkt gebrachten Erkenntnisse, Geständnisse, Lebensbeichten, Emotionen aller Arten und dann hier, in diesem Buch, war es anders, neuer.
Das war für mich der endgültige Abschied der Totenfrau-Trilogie und ein Stückweit auch von der Max Broll-Reihe. Das war ein anderer Aichner und doch wieder war es genau der gleiche. Es war nicht besser, es war aber auch nicht schlechter. Eher ungewohnt, aber man kann sich so schnell an Dinge gewöhnen, die einem guttun, dass bemerkt auch Ben in der Geschichte und er nutzt es aus, fast schon schamlos.

Bens Reise in sein altes Zuhause, die Begegnung mit der Mutter und vor allem das Wiedersehen mit seinem Freund Kux haben den unverkennbaren Stil wieder ans Tageslicht gebracht und damit auch so manche der verschwundenen Erinnerungen.
Hier begann das Spiel der Charaktere. Erst ein Miteinander, dann ein Gegeneinander. Ein ausloten von Situationen, ein herantasten, ausprobieren, manipulieren und ganz wichtig, ein Erkennen!

 So viele unerfüllte Wünsche, die wieder einen dummen Jungen aus mir machten.
(S. 171)

Bernhard Aichner hat wieder gespielt, mit mir als Leserin, den Charakteren und den Wörtern. Diesen Stil kann man nicht nachmachen, er ist so eigen und unverkennbar. Vieles wird nur umwoben aber nicht direkt angesprochen, so muss man es sich selbst erlesen auf was es hinauslaufen soll. Wieder einmal hat mich ein Buch aus der Feder des Autoren gepackt und ganz tief hineingezogen, sodass ich gar nicht mehr aus dieser Welt heraus wollte, egal wie grausam agiert wurde oder was sich da alles an menschlichen Abgründen auftat.

Das Schicksal der Matilde war ein Vorbote auf das was da noch kommt. Entgegengesetzt meiner anfänglichen Befürchtung, ich würde schon alles erahnen, wurde ich eines besseren belehrt, das nenne ich eine Plot Twist!

„BÖSLAND“ ist düster, voller trauriger und schicksalsträchtiger Geschehnisse. Ein Ort, der sich überträgt auf diesen einstigen Jungen Ben, der ihn als Erwachsener mit sich herumschleppt, egal wohin er auch reist und einen damit unweigerlich mitnimmt.

Ich wollte, dass irgendjemand kam und die mächtigen Bilder aus meinem Kopf nahm, sie hochhob und davontrug.
(S. 301)

Auch in diesem Buch sind es wieder die wenigen Charaktere, die alles ausmachen.
Die damaligen Kinder und die heutigen Erwachsenen. Sie scheinen wenig verändert und sind es doch.
Etwas, das mich irre störte und auch jetzt noch beschäftigt ist diese Mutter. Gewiss, der Vater war ein Monster und sein Verhalten hat ein Kind bis ins Erwachsenenleben geprägt. Seine Rolle, auch wenn sie nur kurz war, bleibt das ganz buch über bestehen. Man merkt es ganz deutlich an den Verhaltensweisen von Ben. Aber diese Mutter, dieses Nichtstun und Stillhalten – meine Güte, ich bin mir gerade nicht sicher, wer von beiden schlimmer war. Sie und ihre Rolle in der ganzen Geschichte, kam mir viel zu kurz. Irgendwie sind es die Frauen in dem Buch, die nicht so gut daherkommen, denn auch Kux Ehefrau empfand bis zum Schluss hin als sehr negativ dargestellt. Das kleine liebe Frauchen, die sich duckt und alles erträgt. Der Hintergrund ihrer Herkunft war mir zu aufgesetzt, als würde es nur so gehen. Dabei war genau in dieser Etappe etwas das mich richtig interessierte, aber ganz schnell abgespeist wurde – maaaan – ich kann das jetzt nicht schreiben ohne zu spoilern. Egal, nein, eigentlich nicht egal! Da macht der Autor Bemerkungen und legt sie ad acta, obwohl sie einen ganz wichtigen Hintergrund bildeten.

Du allein bestimmst was du aus deinem Leben machst.
(S. 276)

Da bin ich mir nicht so ganz sicher – es gibt zu viele Faktoren die greifen.
Zu viele Variablen, zu viele Zufälle und ab und an auch so etwas wie Schicksal.
BÖSLAND hält von allem etwas parat. Eine durchaus faszinierend böse Reise.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★

1 Buch – 2 Meinungen | Jannas Rezension

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Buchdetails

Titel: Bösland
Buchreihe: Einzelband
Autor: Bernhard Aichner
Verlag: btb (Random House)

7
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Diana
Gast

Hallo Kerstin,
ich habe gerade eure (von dir und Janna) beiden Rezensionen gelesen und ich muss sagen, ich kann beide nachvollziehen. Und beide sind toll, allerdings fühle ich mich doch etwas näher bei Janna, denn sie hat in ihrer Rezension Dinge geschrieben, die ich genauso empfunden habe.
Aber ich finde es immer spannend auch andere Ansichten zu lesen und ich finde es schön, dass dir das Buch gefallen hat. Ich war etwas unsicher, was ich davon halten soll.
Liebe Grüße
Diana von lese-welle.de

Anja aka Ana
Gast
Anja aka Ana

Liebe Kerstin,

Für mich war Bösland ein echtes Highlight.
Es freut mich, dass es Dir auch gefallen hat.

GLG
Anja