3 Geschichten – 3 Eindrücke | Wiebke Lorenz – Jane Harper – Romy Hausmann

Diese Geschichten stellt Euch Kerstin heute vor

Bildquellen: Argon Hörbuchverlag & Hörbuch Hamburg Verlag

Eine Runde Hörbuch-Geschichten von Frauen über Frauen und mit Frauen.
Geschichten über vergangene und aktuelle Schuld, über Sühne, Buße und Moral.

Es ist schwer zu ertragen, aber wahrscheinlich ist es einfach so. Es ist Liebe, ganz gleich wie krank, verdreht und falsch verstanden, bleibt es immer noch Liebe. Liebe, die uns zu Monstern macht. Jeden auf seine Art.
(Zitat aus „Liebes Kind“ von Romy Hausmann)

Thriller/Suspense
„Liebes Kind
~ Romy Hausmann ~

Eine fensterlose Hütte im Wald. Lenas Leben und das ihrer zwei Kinder folgt strengen Regeln: Mahlzeiten, Toilettengänge, Lernzeiten werden minutiös eingehalten. Sauerstoff bekommen sie über einen »Zirkulationsapparat«. Der Vater versorgt seine Familie mit Lebensmitteln, er beschützt sie vor den Gefahren der Welt da draußen, er kümmert sich darum, dass seine Kinder immer eine Mutter haben. Doch eines Tages gelingt ihnen die Flucht – und der Alptraum geht weiter. Denn vieles deutet darauf hin, dass der Entführer sich nun zurückholen will, was ihm gehört.

Mein erster Eindruck: Die ersten Sätze reichten aus! Die Stimmen der Sprecherinnen und Sprecher sind unter meine Haut gekrochen und habe dafür gesorgt, dass sich mir die Nackenhaare stellen. So muss eine Geschichte sein und genau so muss sie intoniert sein! Wahnsinn!

Auf den zweiten Blick: Es ist nie abgerissen. Keine einzige Sekunde habe ich bei dieser Geschichte den Eindruck von Langeweile oder gar Unglaubwürdigkeit empfunden. Die zwei Sprecherinnen und der eine Sprecher haben den Personen im Buch eine ganz gewaltige Authentizität gegeben.

Die geflohene Frau, Lena oder wie auch immer ER sie genannt hatte, erzeugt durch ihre Selbstgespräche eine Aura um Angst, Seelenqual und wahnhafter Vorstellungen, die angesichts des erlebten Alptraumes absolut nachvollziehbar sind. Mit ihr begibt man sich zurück in diese Hütte, zu IHM und den Kindern und erfährt immer mehr was sich dort abgespielt hatte und welch perfide und perverse Spielchen ER mit „seiner“ Familie machte. Doch auch die Zeit nach der Gefangenschaft, in der sie sich zurück zieht und immer tiefer in ihrer Verzweiflung versinkt ist so verdammt ehrlich beschrieben.

Der Vater der vor Jahren verschwundenen Lena, zeigt die Rolle der Familienangehörigen auf. Mit ihm erlebt man die Situationen mit Polizei und vor allem der Presse und der Medien. Aus der geliebten Tochter, dem Opfer, wird eine „du bist selbst Schuld“- Rolle auf den verschwundenen Leib geschrieben. Die Wut und der Hass der Hinterbliebenen spiegelt der Vater wider. Seine Stimme brach sich immer wieder den Weg aus der Aussichtlosigkeit und der Unwissenheit um das Schicksal der Tochter. Sehr stark und sehr emotional gesprochen.

Das Kind, Hannah, komplett abgeschottet ausgewachsen, aber sehr bildungsreich erzogen, ist in ihrer Art fast schon unheimlich. Die Sprecherin hat mich immer wieder aufs Neue umgehauen. Aussagen wie „Man muss immer Bitte und Danke sagen“ scheinen auf den ersten Blick vollkommen belanglos, aber mit der Hintergrundgeschichte bildet es ein riesiges komplexes Werk.

Last but not least: Es hat mich ganz tief hineingezogen und ständig in eine Mischung aus Schrecken, Ernüchterung und Faszination gebracht. Die Perspektivwechsel sind so fließend, die Stimmen absolut genial und der ganze Aufbau um den Beginn im Krankenhaus, den einzelnen Stationen in der Hütte und den jeweiligen Aufenthaltsorten der betroffenen Personen hat viel mehr als einfach nur eine gewisse Spannung. Es spitzt sich ständig zu und immer wenn ich dachte, jetzt wird alles gut, kommt da nochmal etwas um alles andere zu toppen.
Eine absolute Hörempfehlung von mir.

Wertung: ★★★★★
1 Buch – 2 Meinungen: Jannas Kurzmeinung
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Buchdetails 

Titel: Liebes Kind
Buchreihe: Einzelband
Laufzeit: 648 Minuten

Autorin: Romy Hausmann | Sprecher*innen: Leonie Landa, Ulrike C. Tscharre, Heikko Deutschmann
Verlag: Hörbuch Hamburg | [als Print bei dtv]

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Suspense
„The Dry“
~ Jane Harper ~

Die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten lastet wie heißes Blei auf dem ländlichen Städtchen Kiewarra mitten im australischen Nirgendwo. Das Vieh der Farmer stirbt, die Menschen fürchten um ihre Existenz. Als Luke Harding, seine Frau und ihr Sohn Billy erschossen aufgefunden werden, glauben alle, dass der Farmer durchgedreht ist und erweiterten Suizid begangen hat. Aber Sergeant Raco hat seine Zweifel.
Aaron Falk kehrt nach 20 Jahren zum ersten Mal nach Kiewarra zurück – zur Beerdigung seines Jugendfreundes Luke. Bald brechen alte Wunden wieder auf; das Misstrauen wirft seine langen Schatten auf die Kleinstadt. Und die Hitze lässt den Druck steigen …

Meiner erster Eindruck: Der erste Band einer Reihe, die in Australien spielt. Ein Außenseiter in der Rolle des ungewollten Ermittlers und eine alte Geschichte, die sich jetzt, 20 Jahre später, ihren Bann bricht, könnte ja genau meins sein. War es auch. Der Beginn mit einer Beerdigung hatte etwas sehr morbides, aber der ganze Hintergrund drehte sich um Mord und Verdächtigungen.

Auf den zweiten Blick: Aaron Falk ist einer der Typen, die ich gerne lese. Grundsolide, aber mit kleinen Fehlern und Schwächen. Eine Vergangenheit, die ihm das damals junge Leben schwer machte und ihn gezwungener Maßen zum Außenseiter abstempelte und quasi dafür sorgte, dass er seine Heimat Hals über Kopf verlassen musste. Nun als Heimkehrer zieht er Blicke auf sich und bringt die Leserschaft dazu mehr wissen zu wollen. Was ist damals geschehen? Was hatte er damit zu tun und warum ist der aktuelle Tod dieser Familie damit zusammenhängend?

Es war richtig spannend und der Titel im englischen als Trocken und in der deutschen Übersetzung als Hitze empfand ich als sehr passend. Man spürt beides in der Geschichte und wird im australischem Outback förmlich von beidem begleitet. Es spiegelt sich auch in der Geschichte wider. Alle scheinen ausgebrannt zu sein und die Vergangenheit kommt immer wieder zu Vorschein und trägt ihres bei. Aaron, der an der Familientragödie zweifelt, beginnt zu ermitteln und bekommt nur wenig Hilfe. aber es sind eben doch welche an seiner Seite und so formt sich langsam ein Bild dessen was geschehen ist, im Jetzt und auch im Damals. Der Mord an einem jungen Mädchen, mit der Aaron befreundet war und der ihm zum persönlichen Verhängnis wurde, gehört dazu. Da kommt es genau richtig, dass ausgerechnet eine andere Freundin aus Jugendzeiten, Gretchen (was ein toller Name) ihm zur Seite steht, aber irgendwie hat sie, wie viele andere in der Geschichte ein Geheimnis. Ein durchweg spannendes Buch, das komplett durch die Charaktere und die Ermittlungen der ruhigeren Art überzeugte.

Last but not least: Richtig großes Kino und das Buch soll tatsächlich 2019 verfilmt werden. Die Stimmung im Buch transportiert ganz viel von der Schuld der Menschen, den Vorverurteilungen und dem Wegsehen. Familien, die an der Klippe der Existenzgrenze verzweifeln und von denen manche einfach kämpfen und andere aufgeben. Gretchen empfand ich als ungemein starke Frau, die allen Widrigkeiten trotzt und versucht Vergangenes zu begraben um endlich eine Zukunft zu haben. Auch die Frau von Luke Harding wird, obwohl sie tot ist, fast schon wie in einer Hommage erwähnt. Was sich in der Geschichte alles auflöst ist kaum zu überbieten und ich denke, der zweite Teil wird auch von mir gelesen.

Wertung: ★★★★★
1 Buch – 2 Meinungen: Jannas Rezension
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Buchdetails

Titel: The Dry (Hitze)
Buchreihe: 1. Band der Aaron Falk-Reihe
Laufzeit: 7 Stunden 58 Minuten

Autorin: Jane Harper | Sprecher: Götz Otto
Verlag: Argon Hörbuch | [als Print bei Rowohlt ] 2.Band: „Force of Nature“ (Ins Dunkel)

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Suspense
„Einer wird sterben“
~ Wiebke Lorenz ~

Sie ist allein mit ihrer Angst. Und draußen lauert das Paar …
Eines Morgens steht es plötzlich da. Das schwarze Auto. Mitten in der ruhigen Blumenstraße in einem gehobenen Wohnviertel. Darin ein Mann und eine Frau, die reglos dasitzen. Stundenlang, tagelang. Nach und nach macht diese stumme Provokation die Anwohner nervös. Allen voran Stella Johannsen, die sich immer wieder dieselben Fragen stellt: Was wissen sie über die schreckliche Nacht vor sechs Jahren, als Stella und ihr Mann Paul einen schweren Unfall hatten? Einen Unfall, bei dem ein Mensch starb. Sind sie deswegen hier? Was werden sie tun? Und wie viel Zeit bleibt Stella noch?

Mein erster Eindruck: Was für ein geniales Cover! Der Klappentext verspricht ein psychologisches Verwirrspiel um Schuld und was hat es mit den 2 Menschen in dem Auto auf sich? Meine Neugierde ist extrem geweckt, auf die Menschen in dieser kleinen Straße und was sie alle zu verbergen haben.

Auf den zweiten Blick: Ernüchterung pur! Als Print hätte ich es mit Sicherheit nach wenigen Seiten weggelegt, da mich die versprochene Spannung kaum bis gar nicht erreicht hat. Stella, die junge Ehefrau eines Piloten, meist alleine zu Hause und durch den schweren Verkehrsunfall vor sechs Jahre im Gesicht durch eine Narbe entstellt, kam bei mir nicht gut weg. Eine Jammergestalt ohne Perspektive geschweige denn eigene Ziele. Genau das wurde auch durch die sehr jugendhafte Stimme der Sprecherin nicht unbedingt wett gemacht. Ich habe immer eine 20jährige vor mir gesehen und nie eine Frau Anfang 30. Ihre Ängste, eingebettet in die Erinnerungen an die Unfallnacht, brechen immer wieder aus. Eine Art Verfolgungswahn, der durch das plötzlich in der Straße stehende Auto, richtig hoch kocht. Die Nachbarschaft, bestehend aus einem Lehrer, der alle und jeden anzeigt. Ein Apotheker-Ehepaar mitsamt 20jährigem Sohn und der alte Mann, der sich rührend um seine schwer kranke Frau kümmert. Nicht zu vergessen, der riesige Neubau mit noch leer stehenden Wohnungen, die sich nur Leute mit gut gefülltem Geldbeutel leisten können. Die Straße ist eine Sackgasse und so kam mir leider auch die Geschichte vor.

Last but not least: Viele kleine Baustellen in der Geschichte sollten wohl ein großes Etwas werden. Doch mir was das alles zu viel und vor allem, nichts richtig komplettiert, sondern immer nur halbherzig umgesetzt und letztendlich auch recht klischeehaft aufgeklärt. Die Storys um die Anwohner waren allesamt so vorhersehbar und stellenweise sogar unglaubwürdig. Stella und ihr Mann schwimmen im Geld und dennoch war es nicht möglich einen versierten plastischen Chirurgen aufzusuchen? Der beste Freund des Ehemanns ist der Therapeut/Psychologe? Eine Apotheke in der Stadt mit schlechten Verkaufszahlen? Ein 20jähriger der noch als „Junge“ bezeichnet wird? Ein Ehemann, der ständig auf Reisen ist und ein „Frauchen“ die das mitmacht, selbst wegen oder ob der damaligen Schuld? Es war mir so klar auf was alles hinausläuft, selbst die Personen im Auto habe ich recht früh identifiziert. Es gab dafür zwar nur sehr kleine Hinweise, aber sie zu entdecken war nicht schwer. Das Ende war so hausgemacht und brachte mir die Erkenntnis, dass Schuld und Schuld sich gerne zueinander gesellen.

Wertung: ★★☆☆

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Buchdetails 

Titel: Einer wird sterben
Buchreihe: Einzelband
Laufzeit: 7 Stunden, 19 Minuten
Autorin: Wiebke Lorenz | Sprecherin: Christiane Marx
Verlag: Argon Verlag | [als Print bei Fischer Verlag]

Wir lesen und hören viele Bücher & Hörbücher. Da wir nicht täglich eine Rezension schreiben möchten und können, haben wir uns entschlossen, zukünftig immer mal drei Geschichten mittels einer Kurzmeinung darzustellen.

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Sven
Gast
Sven

Ich höre übrigens auch gerade von Wiebke Lorenz „Einer muss sterben“. Ich mag ihre Bücher eigentlich immer sehr. Ich kann nicht sagen, dass dieses langweilig ist, aber von ihr gibt es eindeutig bessere. Ich habe noch 1,5 Stunden zu hören und hoffe nun noch auf eine Überraschung. Ich fühle mich nicht wirklich schlecht unterhalten, aber es stimmt, es könnte mehr Thrill dabei sein.

Irve
Gast

Huhu Kerstin, „Liebes Kind“ hat mich auch aus den Socken gehauen! „Dry“ klingt auch ziemlich spielversprechend und vom letzten Buch nehme ich erstmal Abstand. Das, was du bemängelst, mag ich auch nicht wirklich
Liebe Lauschgrüße,
Heike

Anja aka Ana
Gast
Anja aka Ana

Hallo Janna,
Du legst ja ein Tempo bei den Hörbüchern vor, das ist unglaublich.
Ich höre immer noch Ghost Box, so seit etwas über 14 Tagen…

Danke für Deine Eindrücke, das hat mir sehr gut gefallen, vor allem da ich Liebes Kind auch schon zu Hause liegen habe,
Lorenz, streiche ich erstmal vom Merkzettel und dafür kommt Dry drauf, das ist ein fairer Tausch.

Hab noch eine wundervolle Woche.
LG Anja

Irve
Gast

Hihi, so was ähnliches habe ich gerade auch geschrieben. LG…

Conny´s Bücherbubble
Gast
Conny´s Bücherbubble

Hallo Kerstin,
Puh, ich hatte schon Sorge, dass du Liebes Kind nicht mochtest, denn auf das Buch bin ich schon sehr gespannt. Die anderen beiden sind mir leider unbekannt. Liebe Grüße Conny