3 Geschichten – 3 Eindrücke | #WeRemember

Der 27. Januar ist
der Internationale Tag des Gedenkens
an die Opfer des Holocaust

Dieser Gedenktag wurde im Jahr 2005 von den Vereinten Nationen zum Gedenken an den Holocaust und den 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau eingeführt.

In der Thematik um die furchtbaren Gräuel und vor allem der Opfer der nationalsozialistischen Gewalttaten steht neben #WeRemember auch der Hashtag #widerdasVergessen auf unserem Blog, deshalb stelle ich Euch heute drei Bücher vor, die trotz des gemeinsamen Themas doch völlig unterschiedliche Geschichten spiegeln.

„Die Erinnerung ist wie das Wasser: Sie ist lebensnotwendig und sie sucht sich ihre eigenen Wege in neue Räume und zu anderen Menschen. Sie ist immer konkret: Sie hat Gesichter vor Augen, und Orte, Gerüche und Geräusche. Sie hat kein Verfallsdatum und sie ist nicht per Beschluss für bearbeitet oder für beendet zu erklären.
Auch deshalb wollen wir als Opfer und sollen wir als Opfer nicht vergessen werden.“

Noach Flug sel. A.  (1925-2011, Auschwitz-Überlebender und Präsident des IAK)


Die bewegende Geschichte einer jungen Frau, die 1942 als Jüdin in Berlin untertaucht. 
Über 50 Jahre danach erzählt Marie Jalowicz Simon erstmals ihre ganze Geschichte. 77 Tonbänder entstehen – sie sind die Grundlage dieses einzigartigen Zeitdokuments.

Offen und schonungslos schildert Marie Jalowicz, was es heißt, sich Tag für Tag im nationalsozialistischen Berlin durchzuschlagen: Sie braucht falsche Papiere, sichere Verstecke und sie braucht Menschen, die ihr helfen. Vergeblich versucht sie, durch eine Scheinheirat mit einem Chinesen zu entkommen oder über Bulgarien nach Palästina zu fliehen. Sie findet Unterschlupf im Artistenmilieu und lebt mit einem holländischen Fremdarbeiter zusammen. Immer wieder retten sie ihr ungewöhnlicher Mut und ihre Schlagfertigkeit – der authentische Bericht einer außergewöhnlichen jungen Frau, deren unbedingter Lebenswille sich durch nichts brechen ließ.

Historischer Roman
„Untergetaucht“
~ Marie Jalowicz Simon ~

Dieses Buch beginnt mit Maries Suche nach einer sicheren Unterkunft. In einer Kneipe bekommt sie einen Tipp und kann so bei dem sogenannten „Gummidirektor“ einziehen. Ein überzeugter Nazi, der nichts darüber weiß wo sie herkommt, geschweige denn das sie eine Jüdin ist. Es braucht bis zur Seite 192 um all die Irrungen und Wirrungen zu schildern, wie Marie genau dort unterkam. hat man in diesen ersten Kapiteln schon begriffen, dass es alles andere als leicht war in dem überfüllten Berlin irgendwo eine sichere Unterkunft zu finden, wird es auf den folgenden Seiten immer beklemmender. Die Sanktionen gegen die jüdische Bevölkerung nehmen zu, es verschwinden immer mehr aus Maries Umfeld, die Menschen sind zunehmender Maßen verängstigt und man weiß kaum mehr, wem man noch trauen kann oder darf.

Die Ich-Form lässt einen teilhaben an Maries Leben und der Zeit des Nationalsozialismus. Die noch junge Frau ahnt recht schnell, dass die Deportationen keine Umsiedlung sind, sondern eine Reise in den Tod. Somit beschließt sie unterzutauchen, eine der sogenannten U-Boote zu werden. Keine Existenz mehr im eigentlichen Sinne und auch kein Versteckspiel, denn es ging weit mehr darum nicht aufzufallen, sondern ständig die richtigen Kontakte zu knüpfen und immer wieder neue sichere Ort zu finden. Ein sehr schwieriges Unterfangen, als Jüdin im Berlin des 2. Weltkrieges.

Maries Schilderungen hatten etwas ganz furchtbar unpersönliches. Vielleicht war dies die einzige Möglichkeit darüber zu sprechen, da die Grundlage dieses Buches von Marie selbst eingesprochene Tonbandaufnahmen sind.
Fast emotionslos schildert sie ihre Unternehmungen und Begegnungen. Wie sie es schaffte durch denen oder jene eine andere Unterkunft zu finden. Die langen einsamen Tage und Nächte, gezwungen still zu sein, damit die Nachbarn nichts mitbekommen. Falsche Identitäten, Ausreden, Zufluchten. Angst vor dem Erkannt werden, Furcht vor Denunziationen und immer wieder die Erkenntnis, das kaum einer etwas gibt ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Diese gefühlt emotionslose Schilderungen hatten dennoch etwas ganz besonderes. Es war wie ein Abschotten vor der Gewissheit, dass sie als eine der wenigen irrsinniges Glück hatte. In ihren Erzählungen werden immer wieder neue Menschen hinzugefügt, Unmengen an Namen, Berufen, Orten und Situationen und bei ganz vielen endete Marie mit der knappen Bemerkung „sie ist umgekommen“, „er starb in Auschwitz“, „ich habe sie nie wieder gesehen“. Das waren diese Sätze, die aufzeigten, dass all die Menschen um sie herum eine enorme Rolle spielten, so klein diese auch war. Das geteilte Stück Brot, das Leihen der Kennkarte, der Versuch Marie bei einer Bekannten unterzubringen. Erlebnisse mit Familienangehörigen, ihre Macken, Schrullen und Besonderheiten kommen ebenso zur Sprache.

Marie hat diesen, mir fremden Menschen, nicht nur Namen sondern auch Gesichter gegeben und damit ein Stückweit derer Leben unvergessen gemacht.
Ein wichtiges Buch, welches aufzeigt dass es viele gab, die bereit waren zu helfen, auch wenn es eine Gefahr für das eigenen Leben darstellte.

Wertung: ★★★★★

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Buchdetails
Titel: Untergetaucht
Buchreihe: Einzelband 
Autorin: Marie Jalowicz Simon
Verlag: Fischer Verlag

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Vier Menschen, vier Lebensläufe, vier Schicksale:
Der radikale Berliner Antisemit Wilhelm Kube wird als Generalkommissar in das okkupierte Minsk abgeschoben. Die weißrussische Partisanin Jelena soll dort seine Geliebte werden, ihn ausspionieren und töten. Kubes Frau Anita, blind für die Taten ihres Mannes, schließt Freundschaft mit dem Feind. Der Berliner Jude Gustav wird in das Minsker Ghetto deportiert, wo ihn der Tod erwartet. Die Leben der vier kreuzen sich verhängnisvoll und enden 1943 in einer Katastrophe.

 

Historischer Roman
„Der Jude, der Nazi und seine Mörderin“
~ Paul Kohl ~

Dieses Buch ist in seinem Aufbau sehr gelungen. Die vier im Klappentext genannten Personen werden immer in abwechselnder Reihenfolge benannt. Die große Schrift und die Nennung der Orte und Jahreszahlen helfen einem enorm sich zurecht zu finden. Ich habe bis dato wenig über das okkupierte Minsk gelesen und hier hat der Autor mich sehr positiv überrascht, da er all diese historischen Hintergründe, reale Personen und Begebenheiten in einem romartigen, sehr spannenden und doch auch informativen Stil erzählte.

Alles beginnt schleichend und besonders Kube ist ein Mensch, dessen Gesinnung mit zunehmendem Maße drastischer wird. Ein Versager auf ganzer Linie, der aber genau das wett machen will und auch wird, mit seiner unvorstellbaren Grausamkeit als Besatzer in Minsk. Seine Frau, so unverdorben am Anfang entpuppt sich als die typische Ehefrau, deren größte Sorge es ist, dass ihr Mann die im zugeteilten Aufgaben nicht erfüllen kann. Mehr als nur eine Mitläuferin und damit fast genauso schlimm wie ihr Mann und viele andere.

Jelenas Lebensweg bis sie zur Partisanin wird, ist auch auf eine sehr spannende Art erzählt. Diese Frau habe ich ob ihres Mutes und ihrer Unerschrockenheit sehr ins Herz geschlossen. Sie zeigte auf, dass man an seinem Schicksal nicht zugrunde gehen muss, sondern kämpfen kann. Ein Kampf der unweigerlich mit dem töten anderer Menschen endet. Eine Widerständlerin, die Paroli bietet und um ihr Land und ihre Freiheit kämpft.

Gustavs Geschichte im Buch ist mit die traurigste, auch da der Klappentext schon alles verrät. Seine Leben als junger Mann, seine Chancen als er in einem Buchladen anfangen kann zu arbeiten und die Liebe zu einer hübschen jungen Frau werden zunichte gemacht – einzig da er Jude ist.

Alles zusammen ein sehr wichtiges Buch, da hier komplett andere Sichtweisen und Schicksale erzählt werden. Mit Sicherheit wurde das ein oder andere fiktive eingebunden aber doch ist alles mit erschreckenden historischen Hintergründen verknüpft.

Wertung: ★★★★★

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Buchdetails |  
Titel: Der Jude, der Nazi und seine Mörderin
Buchreihe: Einzelband  
Autor: Paul Kohl
Verlag: Emons

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1942 wurde Lale Sokolov nach Auschwitz deportiert.
Seine Aufgabe war es, Häftlingsnummern auf die Unterarme seiner Mitgefangenen zu tätowieren, jene Nummern, die später zu den eindringlichsten Mahnungen gegen das Vergessen gehören würden. Er nutzte seine besondere Rolle und kämpfte gegen die Unmenschlichkeit des Lagers, vielen rettete er das Leben.

Dann, eines Tages, tätowierte er den Arm eines jungen Mädchens – und verliebte sich auf den ersten Blick in Gita. Eine Liebesgeschichte begann, an deren Ende das Unglaubliche wahr werden sollte: Sie überlebten beide.

Historischer Roman
„Der Tätowierer von Auschwitz“
~ Heather Morris ~

Bei der Geschichte des Lale Sokolov zeigt sich, dass selbst in den fruchtbarsten Zeiten und unter schlimmsten Umständen etwas so zartes wie eine Liebe wachsen kann. Eine Liebe in Auschwitz, dem Vernichtungslager in dem Tausende und Abertausende dahinsiechten und ermordet wurden, begegnen sich Lale und Gita. Beide sind wegen ihres jüdischen Glaubens mit vielen anderen in den Transporten angekommen. Lale ist die Hauptperson in diesem Buch. Seine Arbeit als Tätowierer der neu ankommenden Menschen rettet ihm das Leben und verursacht bei ihm doch viel mehr als ein schlechtes Gewissen. Durch die Nummerierung auf den Unterarmen der Menschen, verlieren diese nicht nur ihre Namen, sondern damit ihre Existenz und Würde.

Das Buch hat einen starken Bezug nur auf Lale. Seine gelegentlichen Treffen mit Gila werden angesprochen und seine Arbeit als Tätowierer.
Dazwischen immer wieder seine „Beschaffungen“ von Lebensmittel, Schokolade und auch Medikamenten. Letztere besonders als Gila schwer erkrankt. Das Nachwort der Autorin geht explizit darauf ein und schildert ein Stückweit wie Lale nach der zeit in Auschwitz darunter litt, mitsamt seiner Familie. Ein Mann, der durch die Maschinerie des Nationalsozialismus zum Opfer wurde und ob seiner Arbeit als Tätowierer einen Schaden nicht unbedingt am Leib aber doch an seiner Seele nahm (abgesehen davon, was er wie viele andere auch, sehen und ertragen musste).

Irgendwie fehlte mir aber etwas in diesem Buch, der Stil hat ganz stark etwas von einer Dokumentation und wirkte auf mich abgehakt und unpersönlich. Im Gegensatz zu „Untergetaucht“, in dem auch recht emotionslos erzählt wurde, hat es mich hier sogar gestört. Vielleicht liegt es daran, das diese doch sehr persönliche Geschichte durch die Sicht einer dritten Person erzählt wurde.

Wertung: ★★★★☆

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Buchdetails |
Titel: Der Tätowierer von Auschwitz
Buchreihe: Einzelband 
Autorin: Heather Morris
Verlag: Piper


Wir lesen und hören viele Bücher & Hörbücher. Da wir nicht täglich eine Rezension schreiben möchten und können, haben wir uns entschlossen, zukünftig immer mal drei Geschichten mittels einer Kurzmeinung darzustellen.

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-Leselust Bücherblog-
Gast

Liebe Kerstin,
Toll, dass du dich immer wieder dieses Themas annimmst und zu dem Gedenktag einen Beitrag verfasst hast. Das finde ich echt richtig gut.
Das Buch „Der Tätowierer von Auschwitz“ hat mich ja sehr bewegt. Wohl besonders in Kombination mit meinem Besuch der Gedenkstätte. Die Beschreibungen in dem Buch zu lesen und dann tatsächlich an diesem Ort zu stehen und die Wege, Wachtürme und Baracken wiederzuerkennen, das war wirklich krass.
Die anderen beiden Bücher kenne ich noch nicht. Aber „Der Jude, der Nazi und seine Mörderin“ werde ich mal im Hinterkopf behalten, bis ich wieder Kraft für dieses Thema habe.
Liebe Grüße, Julia

Christin
Gast

Feine Tipps – aus Sicht des Nicht-Vergessens – ich kannte nur das letzte Buch vom Titel, bin aber jetzt vor allem von dem zweiten Buch angefixt. Glaub da halt ich mal meine Augen offen!
Danke dir/euch :D