3 Geschichten – 3 Eindrücke | Patricia Melo – Lindsay Fitzharris – Jax Miller

Kerstins Dreierlei

Von allem etwas


„Leichendieb“ von Patricia Melo

Wertung: ★★★★☆

Ein Päckchen Kokain liegt neben der Leiche eines jungen Mannes. Der Finder beschließt, es zu verkaufen, und verstrickt sich damit in eine Welt aus Betrug und Erpressung.
Um zu überleben, muss er bald schon eine Menge Geld auftreiben. Mit einem perfiden Plan macht er sich an die schwerreichen Eltern der Leiche heran.

Inhalt laut Verlag

Der erste Eindruck:
Diese Geschichte assoziierte ich direkt mit „Krieg der Bastarde“ von Ana Paula Maia, dessen Klappentext so ähnlich war und ebenfalls das Land Brasilien als Handlungsort hatte. Ein Buch das ich als richtig gut empfand und in meiner Rezension demensprechend gut abschnitt.

Auf den zweiten Blick:
Ähnlich, aber eben doch anders. Durch die Ich-Form nimmt man an den Begebenheiten teil und erfährt wie knapp die Grenze zwischen Gut und Böse sein kann.
Ein sehr emotionales Buch, in dem neben Verlusten ganz besonders die Versuchung ganz groß dargestellt ist. Die Autorin hat einen lockeren Stil und festigt dabei immer mehr diese Art Verbundenheit zu den Charakteren. Einen typischen Antagonisten gibt es nicht, denn gefühlt hatten alle Dreck am Stecken.

Ein Abenteuer um Wünsche, die von Belanglosigkeiten bis hin zu Existentiellem reichen. Teils sind die sehr dramatischen Ereignisse, man bedenke dass es sich um Kokain handelt und damit um sehr viel Geld, etwas überzogen dargestellt. Richtig klasse war dieser brasilianische Flair. Die Menschen, ihre Lebensumstände und besonders dieser kleine Ort hatten ganz viel von Krimi Noir. Mafiöse Zustände, Liebe und Hass, Vergebung und Strafe, alles findet seinen Weg in diese Geschichte und zieht einen unweigerlich durch die Seiten.

Last but not least:
Eine herrlich lässige Geschichte, die trotz der Schwere und Bitterkeit des Inhalts, langsam vor sich hin treibt und dabei ein Gefühl von Leichtigkeit hinterlässt, aber nie in Langeweile mündet.

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Titel: Leichendieb
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Patricia Melo
Verlag: Klett Cotta [Tropen]


„Der Horror der frühen Medizin“ von Lindsay Fitz

Wertung: ★★★★☆

Grausig sind die Anfänge der Medizin: Leichenraub, blutige Operationen wie Kirmesspektakel, Arsen, Quecksilber, Heroin als verschriebene Heilmittel. Mitte des 19. Jahrhunderts ist das Unwissen der Ärzte sagenhaft, wie sie praktizieren, ein einziger Albtraum. Bis ein junger Student aus London mit seinen Entdeckungen alles verändert …

Inhalt laut Verlag

Der erste Eindruck:
Historisches geht bei mir ja immer und so manche Rezension hat mich sehr zu diesem Hörbuch verleitet. Den Sprecher kannte ich noch nicht, aber die Hörprobe war überzeugend genug. Was mich erwartete konnte ich nur ahnen, dass allerdings so viele Informationen kommen, haben mich doch sehr positiv überrascht.  Joseph Lister 1844 sein Studium in London b

Auf den zweiten Blick:
Ein bisschen Geplänkel über Land und Leute, insbesondere den Studenten Joseph Lister und dessen Lebenslauf, beginnend mit dem Studium im London der 1844er Jahre war schon ein toller Einstieg.
Namen, Daten, Begebenheiten, in einem Sachbuch ein Muss und auch hier eine Regelmäßigkeit. Die Autorin hat dies alles in einer Geschichte um eben diesen Lister geschrieben und damit einen Blick in die damaligen katastrophalen medizinischen und hygienischen Zuständen in den Krankenhäusern offenbart. Aber auch die Querelen unter den Medizinern und Forschern kommen zur Sprache und haben die Konsequenzen aufgezeigt.

Sehr informativ waren die Einblicke in diese Kinderschuhe, in der die Medizin damals noch steckte. Erste Forschungen und die damit verbundenen Fortschritte, aber oft genug auch katastrophale Fehlentscheidungen, insbesondere für die Patienten.

So mancher der Eingriffe gingen mir an die Substanz, wie musste es den Kranken damals erst gegangen sein. Kein Wunder das die Krankenhäuser eher Todesfallen, anstatt Orte der Genesung waren. Schicksal an Schicksal, eine Tragödie nach der anderen und dazwischen immer Joseph Lister, dessen Wirken und energisches Nachhaken immer weitere Kreise zog und so immens wichtige Auswirkungen auf das Gesundheitssystem hatte. Auch seine Familien, insbesondere der Vater, der als Wegbereiter der optischen Mikroskopie seinen Sohn mehr als formte, sondern einem ganz großen Forscher den Weg bahnte.
Ich habe mir noch nie einen Kopf gemacht, woher „Listerine“ stammt bzw. dessen Ursprung hat, nun weiß ich mehr und bin wieder einmal überrascht, was es so an Selbstverständlichem gibt, aber wie schwer der Weg bis dorthin war.

Last but not least:
Für dieses Buch sollte man Interesse an geschichtlichen Hintergründen haben und vor allem einen starken Magen. Etwas gewundert habe ich mich, dass die Frauen (wenn sie nicht gerade als Patientinnen dahinsiechten) kaum bis gar keine Rolle in diesem Buch haben.

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Titel: Der Horror der frühen Medizin
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Lindsay Fitzharris
Sprecher: Friedhelm Ptok
Laufzeit: 515 Minuten
Verlag: Lübbe Audio


„Freedom`s Child“ von Jax Miller

Wertung: ★★★★☆

Buchcover zu Jax Miller "Freedom´s Child" 
Auf dem Cover ist die Rückenansicht einer Frau. Der Hintergrund ist grau. Die Silhouette der Frau ist mit Wolken und Gelbtönen gefüllt

Niemand weiß, dass sie noch lebt. Nicht mal ihre Kinder. Doch die sind nun in höchster Gefahr.
Sie raucht, sie flucht, sie trinkt. Und lässt sich von niemandem was sagen. Jeder in der Stadt schätzt – oder fürchtet – Freedom Oliver. Keiner kennt ihren wahren Namen, ihr altes Leben: ausgelöscht. Das Leben, in dem sie ihren Mann erschoss, den Schwager ans Messer lieferte und ihre Kinder verlor. Das Leben, das sie für das Zeugenschutzprogramm hinter sich ließ. Nur spät in der Nacht verfolgt Freedom per Facebook, wie Mason und Rebekah erwachsen werden.
Und dann kommt der Tag. Der Tag, an dem ihre Feinde Rache schwören. An dem Rebekah verschwindet. Und Freedom weiß: Sie kann sich nicht länger verstecken, sie muss handeln …

Inhalt laut Verlag

Der erste Eindruck:
Eine Frau im Zeugenschutzprogramm, mit neuem Namen, neuer Identität und einem ganz starken, wenn auch angeknackstem Charakter.
Der Einstieg war schon hammerhart. Freedom Oliver nimmt kein Blatt vor den Mund und stellt sich, ihre Vergangenheit und das aktuelle Geschehen vor.

Auf den zweiten Blick:
Diese Story geht unter die Haut.
Die Autorin hat den Stil, durch das Erzählen von Freedom, alles sehr persönlich wirken zu lassen und glaubt mir, es wird persönlich. Freedoms Geschichte ist außergewöhnlich und ich hatte zuerst befürchtet, es würde in eine von Selbstmitleid triefenden Story ausarten. Was kam war aber etwas ganz anderes.

Die Kapitel wechseln immer zwischen dem (aktuellen) Geschehen und dem, was damals geschah. Freedom gibt Einblicke in ihre Welt vor dem Zeugenschutzprogramm, nennt alles was geschah auf eine sehr schonungslose Art und man sollte sich unbedingt darauf einstellen dass die Thematiken eine große Bandbreite aus Gewalt und Gewalttaten umfasst.
Irgendwie habe ich diese Geschichte mit „Ein Mann sieht rot“ assoziiert, nur das es hier eine Frau ist, die gnadenlos vorgeht und dabei Dinge aufdeckt, deren Auswirkungen ebenso schockierend wie grausam sind. Etwas weniger davon wäre hier mehr gewesen. Der Charakter der Freedom hätte nicht alles benötigt, um so zu wirken wie sie rüber kommt.
Irre gut fand ich die immer wiederkehrenden Einstiegssätze von Freedom, die haben mir mehr als einmal Gänsehaut beschert.

Last but not least:
Nichts für schwache Nerven.
Das Cover wirkt so harmlos, aber das Wort Thriller ist schon sehr zutreffend.
Es wird gemordet, geflucht und vor allem gibt es Unmengen an sehr negativen Gedanken. Freedoms Wunsch ihrem Leben ein Ende zu machen wird immer wieder ausgesprochen, sogar das wie. Die Story entwickelt sich zu furchtbaren Auswüchsen an Missbrauch, Gewalt und Selbstjustiz. Das Ende empfand ich als sehr überdreht, aber es passte irgendwie zu dieser Frau und ihrem Leben.

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Titel: Freedom´s Child
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Jax Miller
Verlag: Rowohlt


Krimi Noir, Sachbuch oder doch lieber der Thriller – was darf es für Euch sein?

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