3 Geschichten – 3 Eindrücke | Michelle Janßen, E. T. A. Hoffmann, Julia von Rein-Hrubesch

Jannas Dreierlei

Tiefgehend.


„Leahs Geschichte“ von Michelle Janßen

Ich bin ein offenes Buch, dachte Leah und ignorierte die Stimme in ihrem Kopf, die ihr sagte, dass sie eher ein zerbrochener Spiegel war.“
Leah mag keine Menschen. Am liebsten würde sie immer alleine sein. Zwischen dem Wald und ihrer Karriere als Schriftstellerin gelingt ihr das auch weitestgehend. Doch dann zieht jemand in die Wohnung neben ihr ein und Leah weiß einfach, dass er so wie sie ist. Ausgelöst von dieser Erkenntnis, begibt sie sich auf eine gefährliche Reise an den Rand der Realität, um sich selbst zu beweisen, dass sie nicht alleine sein muss.
(Quelle: BoD)

Einnehmend. Berührend. Sich (in kleinen Teilen) wiederfinden. Eine Geschichte mit wenigen Seiten, aber viel Intensität. Und dennoch, oder gerade deswegen, so schwer in eigene Eindrücke zu verfassen.

Leahs Geschichte. Fridas Geschichte. Mittendrin ihr Nachbar, den sie nie kennenlernte. Max.

Leah ist eine zurückgezogene Protagonistin, leise, aber nicht still. In ihrem Inneren trägt sie ihren ganz persönlichen Kampf aus. Die Flucht in eine Vorstellung von sich selbst, von ihrem Nachbarn, von einem anderen Leben. Ehrlichkeit – nicht nur dem Umfeld gegenüber, sondern sich selbst, doch dies gehört zu den größten Herausforderungen des Lebens. Melancholisch aber nicht düster, ließ die Autorin mich abtauchen in ihre Worte. Die bittere Realität und der wahnhafte Rückzug lassen die Grenzen verschwimmen und auch nach dem Lesen des letzten Wortes dieser Kurzgeschichte bleiben die Antworten aus.

Leben und am Leben sein, sind zwei verschiedene Dinge […].
(Seite 24)

Eine einnehmende Geschichte braucht keine 500 Seiten, dies hat die Autorin Michelle Janßen bewiesen und ich bin sehr neugierig auf weitere Geschichten von ihr!

Wertung: ★★★★☆
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Titel: Leahs Geschichte
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Michelle Janßen
Illustratorin: 

Verlag: Books on Demand, BoD [Selfpublisher]

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„Der Sandmann“ von E. T. A. Hoffmann

Nathanael plagen Zweifel, glaubt er doch, in der Gestalt des Wetterglashändlers Coppola den Advokaten Coppelius wiedergetroffen zu haben. Dieser hatte während Nathanaels Kindheit mit dessen Vater alchemistische Experimente durchgeführt, die letztlich zum Tod des Vaters geführt hatten. Nathanael sieht in ihm die Gestalt des Sandmanns, ein Kindheitstrauma, das ihn nun wieder einholt.
(Klappentext)

Ja, ich gebe es ganz offen zu, bis dato kannte ich diese Novelle nicht und ich frage mich nun, warum? Sind es doch genau solche Geschichten, die mich begeistern und faszinieren.

Ich muss gestehen, dass es einige Seiten bei mir brauchte. Die Sprache aus dem 19. Jahrhundert (erstmals ist diese Kurzgeschichte 1816 erschienen), ist uns fremd geworden. Nicht unverständlich, aber anders in ihrer Formulierung, doch ich las mich schnell ein und folgte der Geschichte gespannt.

[…] ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, daß sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf.
(Seite 8)

Ich war fasziniert von der Erzählung über den Sandmann. Doch diese Geschichte ist nicht phantastisch, sie beschreibt den Wahn eines Traumata. Ein Kindheitstrauma, welches Nathanael im erwachsenen Alter wieder einholt und nicht mehr loslässt. Eine dunkle Romantik, das Spiel mit der Angst. Geschrieben in drei Briefen und einer Erzählung, dem Danach. Zunächst versucht sich der Protagonist seiner eigenen Angst zu entziehen, doch wenn sich diese erstmal tief hinein gebohrt hat in die Gedanken, kann man kaum flüchten. Mit den Jahren wird es ein Schatten, doch wenn sie eines Tages wahrhaftig vor einem steht, wenn man glaubt seiner Vergangenheit entgegenzublicken, kann dies vielerlei hervorrufen.

Nicht nur das diese Ausgabe optisch wunderschön ist und die Melancholie der Geschichte gelungen einfängt, auch der Inhalt überzeugte mich in seiner Ganzheit.

Wertung: ★★★★★
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Titel: Der Sandmann
Buchreihe: Einzelband
Autor: E. T. A. Hoffmann
Verlag: Nikol

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„Dein Paradies wächst“ von Julia von Rein-Hrubesch

Sie setzte sich an das Ufer, unten hin, wo es kalt und windig war.
Ich blieb oben stehen und betrachtete sie. Dann betrachtete ich das Wasser, weil sie es auch tat. Und weil ich nichts in ihr sehen konnte, dachte ich, das Wasser würde es tun. Doch es schwieg, genau wie sie.
Ich folgte ihr nicht. Noch durfte ich nicht sehen, wohin sie ging.
Ich erzähle euch von dem Mädchen, das ich traf.
Ich mag Rätsel, ich erfreue mich an ihnen. Das Rätsel, das sie mit sich bringt, ist ein großes, und das macht ihre Geschichte zu einer besonderen.
Ihr wollt wissen, wer ich bin? Nun, das tut nichts zur Sache.
(Quelle: Twentysix)

Ich versinke in Julias Worten! Immer wieder aufs Neue verzaubert sie mich und lässt mich an den Reisen ihrer Protagonist*innen teilhaben. Mit dieser Novelle ist ihr ein kleines Kunstwerk gelungen!

Sie. Ein Wüstenfuchs. Und die begleitende Stimme. Wer sie ist entblättert sich nach und nach innerhalb dieser Geschichte, immer an ihrer Seite, ein treuer Wüstenfuchs. Wer sich hinter der Erzählstimme verbirgt, bleibt ein Geheimnis und doch ist klar, es handelt sich um kein menschliches Wesen. Vielleicht das Schicksal … vielleicht auch etwas ganz anderes. Doch eben diese Frage macht die Atmosphäre aus, ließ mich abtauchen in die Zeilen über Yara, das Mädchen am Wasser.

Es gibt Leser*innen die die Geschichten von Julia nicht in ihrer Gänze greifen können, ebenso Leser*innen die Ruhe und Zeit für ihre Worte brauchen. Ich tauche absolut ein und kann mich dessen kaum entziehen, bis das letzte Wort gelesen ist. Ob ich die Geschichte begreife wie sie begriffen werden will? Bestimmt nicht, doch ist es genau dies, was es so besonders macht. Was ich erlese und empfinde kann sich gänzlich von dem anderer Leser*innen unterscheiden und eben solche Geschichten nehmen mich gefangen, ich tauche hinab an ihren Grund.

[…] ein kleines Mädchen in einer Menschenmasse […], um die Einsamkeit zu spüren.
(Seite 50)

Julia schreibt Geschichten die entführen und ich inhaliere ihre Worte jedes Mal. Das Besondere hierbei ist die Erzählung der Stimme und die Geschichte in der Geschichte. Julias Novelle ist intensiv. Ein kleiner Einblick in ein Leben, eine Reise in das Unaufhaltsame.

Wertung: ★★★★★
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Titel: Dein Paradies wächst
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Julia von Rein-Hrubesch
Illustratorin / Covergestaltung: Esther Wagner

Verlag: Twentysix | [Selfpublisher]


Welche Geschichte hat Euer Interesse geweckt,
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ennt Ihr bereits eine oder mehrere?

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Gabi
Gast

Drei Bücher, die alle für mich völlig neu und unbekannt sind. Aber Deine Kurzmeinungen dazu haben mich neugierig gemacht. Wie schade, dass man nur so wenig Lesezeit hat – offensichtlich gibt’s ne Menge toller Bücher zu entdecken!
LG Gabi

Chrissi
Gast

Habe den Sandmann und Dein Paradies wächst auch noch auf der Wunschliste.
Klingen ja beide auf jeden Fall sehr vielversprechend.
Ich zögere beim Paradies allerdings noch, weil mir „Das Flüstern der Pappeln“ nicht ganz so gut gefallen hat.

Liebe Grüße
Chrissi