3 Geschichten – 3 Eindrücke | Haruki Murakami

Heute stellt Euch Janna drei Erzählungen vor

1 Autor – 1 Illustratorin – 1 Verlag


Die unheimliche Bibliothek

Nr. 1 bei den Kurzmeinungen und meine zweite Erzählung, die ich von Murakami gelesen habe. Eine abstrakte Geschichte. Das muss man mögen und ich mag so etwas! Ein wenig zu kurz. Aber wunderschön illustriert – die fast gruselig anhauchenden Zeichnungen verbinden sich wundervoll mit der eher düsteren Geschichte.
Ein Junge möchte seine Bücher zurückgeben und findet sich im Labyrinth, weit unterhalb der Bibliothek wieder.

Aus einem Zimmer kam jemand und nahm mich an der Hand. Ein kleiner Mann in der Gestalt eines Schafes.
(Seite 16)

Immer tiefer taucht er ein in die dunklen Gänge und steht am Ende inmitten eines Verlieses. Angekettet. Ein Schafsmann und ein Mädchen ohne Stimmenbänder, das mit ihm spricht. Und der Alte, der Mann, der sie alle gefangen hält. Vielmehr sollte ich nicht zum Inhalt verraten.

Erzählungen oder Novellen sind kurz, sie müssen geschrieben werden können. Bei dieser Geschichte schwankte ich zunächst etwas, doch das Ende lässt einige Gedanken entstehen, worum es sich in dem Büchlein handelt. Eine Junge eingesperrt, eine Mutter die vor Angst zergeht, so zu mindestens befürchtete der Junge es. Sie scheint laut seiner Erzählung eine sorgenvolle Mutter zu sein. Somit bieten sich direkt zwei Interpretationsmöglichkeiten.

SPOILER
(In weißer Schrift, bitte den Abschnitt markieren, um es zu lesen)

Die Mutter stirbt am Ende. Man könnte also vermuten, die Handlung würde den Tod thematisieren. Die Ängste des Kindes, sein Umgang mit der Situation. Der Alte symbolisiert den Tod, das Mädchen die Mutter, der Schafsmann seine Hoffnung. Das dunkelste Kapitel seines jungen Lebens, ein Verlies.

Oder aber die Unterdrückung des Jungen, da seine Mutter tagtäglich besorgt um ihn ist. Dies nimmt ihm den Freiraum sich zu entfalten, er fühlt sich eingesperrt, will dem entfliehen, aber doch seiner Mutter gefallen. Denn auch wenn der Alte ihn einsperrt, dem Jungen der Tod bevorsteht, so erfreut er sich am Lob des Alten. Für mich wäre dies ebenso stimmig zur Geschichte, verträgt sich aber nicht mit dem Tod der Mutter am Ende.

SPOILER ENDE

Wenn man abstrakte Geschichten mag und sich auch gerne schöne Illustrationen anschaut, ist mit dem Büchlein gut bedient. Wer offenen Fragen und einem fantasievollen Handlungsstrang nicht viel abgewinnen kann, wird keine Freude daran haben.

Wertung: ★★★★☆
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Titel: Die unheimliche Bibliothek
Buchreihe: Einzelband
Autor: Haruki Murakami
Illustratorin: Kat Menschik
Verlag: DuMont

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Birthday Girl

Auch wenn diese Erzählung in der Mitte meiner drei Kurzmeinungen auftaucht, so war es mein erster Murakami überhaupt! Vielleicht ein Fehler? Die Novelle war nicht ganz das, was ich mir versprochen hatte und besteht in der zweiten Hälfte aus einem Nachwort des Autors. Für Fans bestimmt wundervoll, für mich als Anfängerin etwas enttäuschend.

Dennoch hatte diese Geschichte einen kleinen Zauber und vor allem wunderschöne Illustrationen. Ich habe die Geschichte der jungen Frau gerne gelesen, doch das Ende ließ mich etwas allein zurück. Eine Frau die an ihrem Geburtstag arbeitet und an diesem Tag zum ersten und auch zum letzten Mal den Inhaber des Restaurants, in dem sie kellnert, sieht. Und was sich in diesem Moment zuträgt ist fast märchenhaft und doch bitter.

Ein Mensch wird nie mehr, als er ist.
(Seite 59)

Es ist eine Ahnung, was dem Autor beim Schreiben durch den Kopf ging. Etwas das ich an Geschichten mag, mir aber hier dennoch nicht ausreicht. Ich bin zwiegespalten, denn es ist besonders das Ende, das mir nicht zusagte. Was wie ein kleines Märchen wirkt und doch bitter schmeckt, konnte ich jedoch nicht in seiner Gänze greifen. Vorsichtig sein, mit dem was man will und sich wünscht? Mit Bedacht seine Ziele verfolgen? Ich weiß es nicht, denn die letzten zwei Seiten verunsicherten mich dahingehend wieder stark.

Wertung: ★★★☆☆
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Titel: Birthday Girl
Buchreihe: Einzelband
Autor: Haruki Murakami
Illustratorin: Kat Menschik
Verlag: DuMont

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Schlaf

Eine einnehmende Erzählung mit wundervollen Illustrationen, wäre da nicht das Ende …

Es ist der siebzehnte Tag ohne Schlaf.
(Seite 5)

Eine Frau die in ihrem Studium-Alter unter Schlaflosigkeit litt. Der Tag zehrte an ihr, die Umgebung nahm sie wie durch einen Schleier wahr. Dann kam der Tag des erlösenden Schlafes.

Heute ist sie verheiratet, Mutter eines Sohnes und seit über zwei Wochen Schlaflos. Sie beginnt sich zu hinterfragen, ihre damalige Leidenschaft zu suchen. Sie beobachtet ihren Mann und beginnt auch ihn, ihre Zuneigung zu ihm zu hinterfragen. Selbst ihr Sohn bringt sie ins Wanken.
Zwischen all dem Un-Sinn des Jetzt, findet sie sich wieder, spürt sich neu, taucht ab und immer mehr weg – weg von sozialem Miteinander. Doch je mehr sie sich von der letzten Nacht des Schlafes entfernt, umso einfacher fällt ihr der Alltag.

Bis dahin hatte der Autor mich in vollem Umfang abgeholt und eingenommen. Ich war fasziniert von seiner Novelle, las mich von Zeile zu Zeile, gebannt auf das, was am Ende auf mich wartete. Und dann … dann war es da. Ganz abrupt, unstimmig zum vorherigen Verlauf. Interpretation wird, wie auch schon in den zwei vorherigen Novellen, den Leser*innen überlassen. Doch für mich passen die Geschichte und ihr Ende nicht ganz zusammen.

Wertung: ★★★★☆
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Titel: Schlaf
Buchreihe: Einzelband
Autor: Haruki Murakami
Illustratorin: Kat Menschik
Verlag: DuMont

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Tiefseezeilen
Gast

Hi,

ob ich wohl ein Murakami Fan bin? Ich mag seine Bücher, habe aber nur ein paar gelesen. Darunter war das Buch „Von Männern, die keine Frauen haben“ – mehrere Erzählungen, was ich sehr empfehlen kann, wie auch der kurze Roman Sputnik Sweetheart.

Ein sehr schöner Beitrag zu den Novellen und ich hab auch schon auf ein paar von ihnen ein Auge geworfen. Es gibt auch in der englischen Sprache sehr schöne Ausgaben dazu, da bin ich nun schwer am überlegen, welche ich mir holen sollte! :D

Viele liebe Grüße
Ani

Shirisu
Gast

Hey! :)

Oh, die klingen alle super interessant!
„Die unheimliche Bibliothek“ spricht mich glaub ich am meisten an, aber auch „Schlaf“ klingt sehr interessant.

Ich mag Manga und Comics sehr gern (oh, ich hab da noch so viel ungelesenes… ), les aber auch gern „normale“ Bücher – aber die mit Bildern haben es mir dann doch mehr angetan… :D
Und die Cover entscheiden bei mir oft schon sehr viel, wenn mich das nicht anspricht, dann nehm ich das Buch meist gar nicht erst in die Hand… ^^‘

Aber dafür sind solche Rezensionen dann super! :)
Danke dafür <3

Liebe Grüße,
Shirisu

Buchperlenblog
Gast

Huhu!
Eine schöne Sache sind diese illustrierten Novellen und Kurzgeschichten. Irgendwie greife ich da auch lieber dazu, als wenn sie Blanko wären. Birthday Girl habe ich auch gelesen und im Nachhinein ging es mir genauso wie dir, irgendwie war es nicht ganz das, was ich erwartet habe, aber dennoch hat mich die Geschichte für kurze Zeit mitgenommen. Die beiden anderen kenne ich noch nicht, könnte mir aber dank deiner Meinung vorstellen, da auf jeden Fall mal reinzublättern.

Alles liebe!
Gabriela