3 Geschichten – 3 Eindrücke | Andeas Moser – Daniel Woodrell – Ellen Dunne

Kerstins Dreierlei

Von Dramen und Tragödien!


„Wir leben hier, seit wir geboren sind“ von Andreas Moster

Inhalt: Ein Fremder kommt in das abgelegene Dorf in den Bergen, das vom Kalkabbau lebt. Fünf Freundinnen beobachten Georg Musiel dabei, fünf Mädchen, die kein Kind mehr sind und noch nicht Frau. Musiel soll die Leere des Kalksteinbruchs bestätigen – doch mit dem Steinbruch stirbt das Dorf, und deshalb wird Musiel argwöhnisch beobachtet. Als ein Unfall geschieht, kommen Ereignisse ins Rollen, ein Mädchen verschwindet und die Dorfbewohner müssen sich entscheiden: Folgen sie den Vätern oder wagen sie den Schritt in eine unbekannte Welt?

Mein erster Eindruck: Dieses Buch war ein Lese Tipp vom Kaffeehaussitzer und darauf kann ich mich immer verlassen. Also war ich gespannt, auf diese kurze Geschichte mit seinen 175 Seiten und die Reise in diesen Ort, mit seinem Steinbruch und den 5 Mädchen.

Auf den zweiten Blick: Da kommt dieser unscheinbare Mann in diesen Ort und stellt alles auf den Kopf. Die kleine Geste des Steine umdrehen, auf dieser Mauer, die den Ort vorm Berg und dem Abhang schützen soll. Genau damit löst er eine Lawine aus, in den Köpfen der Menschen und besonders denen dieser 5 Mädchen. Jede ganz besonders auf ihre Art und jede leidet unter einem strengen Vater. Aber auch die Mütter sind damit gestraft und spätestens als die Rede von der Spaltung war und wie sich eine davon jeden morgen neu zusammen setzen musste war klar, dass dort in dem Ort nur die Männer die Macht haben. Sie brechen den Kalk aus dem Bruch und den Willen der Frauen.

Schmerzhaft zu erlesen, was dort zwischen den Zeilen steht und schmerzhafter noch, was diese eingeschworene Gemeinschaft sich und vor allem den Mädchen antut. Generationen, die keinen Ausweg aus der täglichen Tristesse kennen oder gar wagen. Da muss erst ein Fremder kommen um endlich Augen zu öffnen und so nimmt die Katastrophe unweigerlich ihren Lauf.

Last but not least: Diese Geschichte ist eine Wucht! So wenige Seiten, so wenige Worte und doch liest es sich wie ganz gewaltiges Werk. Sätze, die heftig zuschlagen und im nächsten Moment wieder zart streicheln. Eine literarische Explosion, erfüllt vom Staub des Kalksteinbruches, der sich auf alles niederlässt. Wunderschön und beklemmend zugleich. Mehr oder weniger offen am Ende und doch ist alles gesagt!

Wertung: ★★★★★

| Anzeige |
Buchdetails  
Titel: Wir leben hier, seit wir geboren sind
Buchreihe: Einzelband  
Autor: Andreas Moster
Verlag: Eichborn| [Bastei Lübbe]

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
„Schwarze Seele“ von Ellen Dunne

Inhalt: Ein vermisster Ire wird tot aus dem Schwabinger Bach gezogen. Die Lage scheint klar: ein tragischer Unfall. Patsy Logan, deutsch-irische Kommissarin bei der Münchner Kripo, stößt bei den Ermittlungen trotzdem rasch auf Ungereimtheiten. Denn Donal McFadden hatte ebenso viel Charme wie Feinde, und das in seiner engsten Familie.
Aber eine Theorie nach der anderen endet in der Sackgasse. Und während Patsy sich gegen zunehmende interne Widerstände in den Fall verbeißt, beginnt auch ihre vom unerfüllten Kinderwunsch angeschlagene Ehe zu bröckeln. Dann liefert ein zweiter Todesfall einen wichtigen Hinweis. Doch die Wahrheit ist komplizierter – und schockierender – als jede Theorie.

Mein erster Eindruck: Niemals nie hätte ich dieses Buch vom Cover oder dem Klappentext her gekauft, doch da kam PinkAnemone und hat es mir geschenkt. Ein Volltreffer, denn obwohl es bereits der 2. Band um diese Patsy Logan ist, hat es mich so begeistert und überzeugt. Eine Irin als Kommissarin bei der Münchner Kriminalpolizei, da ist aber nichts mit Regionalkrimi, Jux und Schmankeleien.

Auf den zweiten Blick: Rein und durch! Besser kann ich es gar nicht sagen. Die ganze Szenerie um die involvierten Menschen hatte etwas ungemein anziehendes. Ein Toter aus Irland, eine Schwester, eine Exfrau, ein Freund und viel irisches Flair. Dazwischen die Kommissarin, die trotz der eigenen, sehr schwerwiegenden Sorgen, doch immer konsequent ihrem Bauch vertraut, auch wenn es schmerzlich ist. Eine Frau mit Intuition und dem Gespür dass bei dem ein oder anderen etwas nicht stimmt.
Richtig klasse und sehr intelligent gemacht. Ich hatte, wie so oft bei Kriminalromanen, meine üblichen Verdächtigen, aber die Autorin hat es sehr geschickt und vor allem überraschend gedreht. Wer hätte das gedacht? Ich nicht!

Neben all den Ermittlungsarbeiten erfährt man immer wieder Dinge aus der Sicht der anderen, aber nie wer der Täter ist. Es gibt Motive und es gibt Indizien, aber für Patsy ist es einfach alles zu einfach. Das letztendlich so viel dahinter steckt hat selbst sie überrascht und das Ende, auch wenn alles aufgeklärt ist, schreit nach einem dritten Band.

Last but not least: Das ist eine Ermittlerin nach meinem Geschmack. Im Buch wird zwar auch einiges aus ihrem privaten Umfeld erzählt, aber es gehört einfach zu dieser Geschichte. Macht alles persönlicher und reeller. Begebenheiten, die neue auslösen. Situationen, die hinterfragen lassen und manchmal hätte ich sie einfach nur gerne in den Arm genommen.
Sehr spannend und großartig erzählt mit vielen sehr schönen und unter die Haut gehenden Sätzen.

Steine umdrehen. Und weil heute ein großes, überfahrenes Stinktier von Tag war, krochen anstatt Antworten nur noch mehr Fragezeichen unter jedem dieser Steine hervor. (S. 98)

Wertung: ★★★★★

| Anzeige |
Buchdetails 
Titel: Schwarze Seele
Buchreihe: 2. Band der Patsy Logan-Reihe
Autorin: Ellen Dunne
Verlag: Suhrkamp

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
„Tomatenrot“ von Daniel Woodrell

Inhalt: Sammy Barlach ist ein Verlierer, der sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt. Eigentlich will er nur irgendwo dazugehören – und stolpert so zielsicher ins Verderben. Bei einem Einbruch in eine Villa trifft er auf zwei andere, ebenso planlose Wohlstandsplünderer: die neunzehnjährige Jamalee mit ihren kurzen, tomatenroten Haaren und ihren bildschönen jüngeren Bruder Jason. Endlich hat Sammy, was er immer gesucht hat: Familienanschluss – und ein bisschen mehr. Mit der Mutter der beiden, Bev, die sich ihren Unterhalt als Escortdame und gelegentlich als Polizeispitzel verdient, beginnt er eine Affäre, aber auch von Jamalee kann er die Augen nicht lassen. Doch die hat andere Pläne und will hoch hinaus, zumindest raus aus dem Sumpf von Venus Holler. Aus der Tatsache, dass die Hälfte aller Frauen der Stadt hinter Jason her ist, will sie Profit schlagen. Doch dann wird eines Morgens Jasons Leiche gefunden, und erst jetzt offenbart sich, wie tief dieser Sumpf wirklich ist.

Mein erster Eindruck: Bücher aus dem Liebeskind-Verlag sind immer besonders, anders und ziehen mich magisch an. Bei diesem Cover und dem Klappentext, stand es schon längere Zeit auf meiner Wunschliste und dann habe ich halt einfach mal zugeschlagen. Bereut habe ich es kein Stück!

Auf den zweiten Blick: Wie kann man so eine böse Geschichte nur so herzlich erzählen. Schon beim Einstieg in die Story musste ich so grinsen, nicht weil es so immens lustig war, sondern die Beschreibungen einer total abgedrehten Situation, so plastisch vor mir erschienen. Meine Güte was für Typen und Gestalten. Was für Looser und Möchtegernhelden. Was für eine Gemeinschaft und was für eine sich anbahnende Katastrophe. Chancenlose die alles beim Schopfe packen was sich bietet und doch immer wieder daneben greifen, sich verheddern und verzetteln und so aus Chaos noch mehr Chaos machen.
Auch dieses Buch ist mit seinen 222 Seiten eher kurz, aber wie heißt es so schön „in der Kürze liegt die Würze“ und jede Seite trifft den Ton und jede Zeile erhöht die Lautstärke, wobei selbst oder besonders das Geflüsterte schreit.

Last but not least: Eine Story um solche, die ganz unten gelandet sind und dabei so manch anderen noch mit hinunter ziehen. Eine Tragödie, die so absurd liebevoll geschildert ist und doch einen ganz tiefen Blick auf die dramatischen Umstände aufzeigt. Es geht nicht nur unter die Haut, es kriecht auch den Nacken hinauf.

Wir alle hier auf Erden hängen unserem heiß geliebten Blödsinn nach und unternehmen alles mögliche, um daran zu glauben.
(S. 89)

Wertung: ★★★★★

| Anzeige |
Buchdetails 
Titel: Tomatenrot
Buchreihe: Einzelband 
Autor: Daniel Woodrell
Verlag: Liebskind


Welche Geschichte hat Euer Interesse geweckt,
kennt Ihr bereits eine oder mehrere?

Beitrag teilen mit:

5
Ein Blog lebt von der Interaktion, also immer her mit Deinen Gedanken! Wir freuen uns auf Deinen Kommentar & den Austausch mit Dir!

avatar
Christin
Gast

Tomatenrot ist ein tolles Buch, hab ich auch erst gelesen gehabt :3

Bei Ellen Dunne, wollte ich schon aufschreien, NEIN, les von vorne, aber hast es ja selbst gemerkt :D
*sich Notiz macht, muss Ellen Dunne lesen!“

das erste Buch, da muss ich ganz ehrlich sein, das hätte ich bei dem Cover (sorry) wohl nie zur Hand genommen. Das ist eindeutig ein Klapptentext-Buch, wo man sich nicht täuschen lassen darf. Danke für den Hinweis :)

Anja aka Ana
Gast

Huhu,
da hat Ellen ja voll Punkten können bei Dir. Das finde ich klasse und der erste Teil ist sogar noch besser und wie schonmal erwähnt: „Wie Du mir“ ist mein absoluter Favorit von Ihr.

Woodrell spricht mich total an und ich denke, dass wäre auch was für mich.
Danke für dein wundervolles Dreierlei, ein Beitrag, der mir viel Freude gemacht hat.

Ganz herzliche Grüße und einen tollen Abend für Dich
Deine Anja