3 Geschichten – 3 Eindrücke | Erich Hackl – Moya Simons – Tino Hemmann

Diese Bücher stellt Euch Kerstin heute vor

Menschen (s) Kinder & deren Schicksale
Drei Kinder, drei Schicksale. Keines wie das andere und doch gleich!
#GegenDasVergessen
#WiderDasVergessen

Die einen waren es nicht wert, weil ihre Hautfarbe zu dunkel war. Die anderen waren es nicht wert, da ihr Glauben und ihre Religion nicht passte. Und dann gab es noch solche, die es nicht wert waren, weil sie krank, behindert oder verhaltensauffällig waren. Was sie nicht wert waren? DAS LEBEN!


ERZÄHLUNG
„Abschied von Sidonie“
~ Erich Hackl ~
Wertung: ★★★★★

Sidonie, geboren 1933, Roma
Auf 128 Seiten folgt man der kleinen Sidonie, die, abgelegt vor einem Krankenhaus und wegen ihres Äußeren als „Zigeneunerin“ abgestempelt, dennoch eine liebenswerte Pflegefamilie findet. Eine Mutter und ein Vater, die Sidi in ihrer Familie und ihrem Herzen aufnehmen.
Steyr, ein Ort in Östereich. Die Nationalsozialisten marschieren ein und genügend der Einheimischen haben mit deren Gedankengut keine Probleme. Dabei sollte die Menschen ihre reale Probleme vorne anstellen.

Der Krieg fordert seine Opfer, aber er ruft auch den Widerstand hervor. Männer und Frauen, die gegen das System arbeiten und sich und ihre Familien damit in Teufelsküche bringen. Dennoch machen sie weiter und helfen, organisieren, kämpfen im Untergrund. Sidonie wächst währenddessen wohlbehütet auf. Sie gehört dazu, auch wenn sie eben „anders“ ist. Im Laufe der Jahre kommt, was kommen muss. Neben den verächtlichen Stimmen, dass sie nicht hierhin gehört und doch zu ihrer Sippe zurück muss, arbeitet im Hintergrund die Maschinerie.
Rückführung zur Mutter, einer vollkommen fremden Frau, nicht aus Liebe zum Kind, sondern den Kosten geschuldet. Herausgerissen aus der Familie, die sie aufgezogen hat. Schmerz, unendlicher Schmerz bei Vater und Mutter. Lebenslang.

Bestialität des Anstandes

Es hätte anders kommen können und genau das zeigt der Autor auf. Es hätte Mut gebraucht einem kleinen Kind ein gutes Zeugnis auszustellen. Es hätte Stimmen gebraucht, die für es einstanden.
Der Ton im Buch ist sachlich und nüchtern, anfänglich. Dann irgendwann merkt man, dass es an die Substanz des Autoren ging. Wut über das Nichtstun, der Feigheit gegenüber einem Kind. Anstandslose Menschen. Egoismus versteckt hinter fadenscheiniger Moral.
Eine mehr als traurige Geschichte, die einer Anklage gleichkommt gegenüber der Gleichgültigkeit der Menschen.

Sidonie Adlersburg, vergast in Auschwitz 1943

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Buchdetails   
Titel: Abschied von Sidonie
Buchreihe: Einzelband
Autor: Erich Hackl – Verlag: Diogenes 

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Jugendbuch ~ ab 12 Jahren
„Ein Flüstern in der Nacht“
~ Moya Simons ~
Wertung: ★★★★★

Rachel, geboren 1932 in Leipzig (der Charakter ist fiktiv, steht aber stellvertretend), Jüdin
Das Jugendbuch erzählt die Geschichte von Rachel und ihrer Familie. Der Vater ein angesehener Arzt, der Familie geht es gut. Doch dann kommt das dritte Reich und damit nimmt das Unheil seinen Lauf. Der Vater darf nicht mehr praktizieren, Lebensmittel dürfen nur zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten gekauft werden. Der Judenstern muss getragen werden. Es kommt zu willkürlicher gewalt gegenüber Freunden und Bekannten und dann muss die Familie aus ihrer Wohnung in eines der absolut überfüllten Judenhäuser ziehen. Rachels Verständnis ist geprägt von kindlicher Neugier und dem Nichtverstehen können. Die Zeiten werden schlimmer und schlimmer und dann kommt der Tag, an dem das Judenhaus geräumt wird!

Die Autorin hat für dieses Jugendbuch einen sehr guten Ton getroffen. Es gibt immer wieder, in der Geschichte eingefügte und dadurch gut erklärte Begebenheiten, die die Leser so an dieses Kapitel des dritten Reiches und der damit verbundenen Judenverfolgung heranführen. Dabei verzichtet die Autorin auf Gewaltexzesse oder detaillierte grausame Darstellungen. Dennoch kommt zur Sprache was geschieht.

Sehr wichtig empfand ich die immer wieder erwähnten Menschen, die Rachel und ihrer Familie zur Seite standen auch wenn es gefährlich war. So die Frau, von der sie regelmäßig Lebensmittel bekamen. Der Soldat der wegsah und somit Rachel nicht verriet. Oder das ältere Ehepaar das Rachel versteckte, trotz der damit verbundenen Lebensgefahr. Sehr wichtige Charaktere in diesem Buch, die aufzeigen, dass eben nicht alle alles geduldet haben und somit helfen konnten.

Eine Geschichte um das Verlassenwerden, um Ängste und Sorgen, um Verlust, Zusammenhalt und Familiensinn. Eine Geschichte über das Sterben und das Morden. Aber auch eine Geschichte über Hoffnung, Mut und Zuversicht.

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Buchdetails 
Titel: Ein Flüstern in der Nacht
Buchreihe: Einzelband  
Autorin: Moya Simons
Verlag: cbj | [Random House] ~ nur noch gebraucht erhältlich

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Historischer Roman/Erzählung
„HUGO – der unwerte Schatz“
~ Tino Hemmann ~
Wertung: ★★★★★

Hugo, geboren Heiligabend 1931 in Leipzig (der Charakter ist fiktiv, steht aber stellvertretend)- verhaltensauffällig 
Dieses Hörbuch hatte mich vom ersten Ton an. Musikalische Untermalungen habe ich so noch nicht bei einem Hörbuch erlebt. Kurze Einspieler, mal leise, mal poltern, mal brüllend, mal zart. Kein Buch zum Abschalten, dafür ist die Thematik viel zu schwer. Die Geschichte berührt ungemein und macht tieftraurig. Doch mehr noch führt sie zu Sprachlosigkeit angesichts des Wissen, dass es sich so oder so ähnlich tatsächlich zugetragen hat. In den Heilanstalten, den Waisenheimen, in den Kliniken. Es hat mich so wütend gemacht.
Die Geschichte um den kleinen Hugo ist fiktiv, die Hintergründe allerdings nicht.
Kinderfachabteilungen in denen mit ganz klarem Ziel gemordet wurde. Kinder-Euthanasie!

Hugos Geschichte beginnt mit seiner Geburt. Ein Junge, findet der Vater gar nicht so gut, die Mutter hat sich zu fügen. Blond und blauäugig, wie der Nachbar. Das merkt auch der Vater und so lässt er seinen Frust, ungehemmt durch Alkohol an dem Kind, dem Säugling aus. Brutal und schonungslos. Die Mutter? Weiß es, aber sie hat sich ja zu fügen. So entwickelt Hugo sehr schnell einen Schutzmechanismus, sein Fritz entsteht. Sein Bruder im Geiste, der alles ertragen kann und fortan in und mit Hugo lebt. Das fällt auf, denn er fällt damit aus der Rolle.
Glück für Hugo das er gute Erwachsene an seiner Seite hat, die merken was los ist und das er äußerst intelligent ist.
Der jüdischen Kaufmann, der Lehrer, ein Arzt. Alle fördern Hugo und helfen ihm durch die schwere Zeit.

Doch es gibt andere Stimmen. Solche die sagen er sei gestört, anders eben. Ein Arzt will mit allen Mitteln Hugo erforschen oder besser gesagt, er will ihn töten um an das kindliche Gehirn zu kommen. So beginnt eine Odyssee für Hugo. Dem Vater ist es eh egal, weg mit dem Balg und die Mutter, naja, wissen wir ja, fügt sich eben.

Der Autor führt uns durch das Leipziger Leben, durch Hugos Kindheit, die Schulzeit, so manchem Ausflug. Er lässt den Leser mit Hugo in der Klinik untersuchen und wunderliche Träume und Abenteuer bestehen. Doch mit jedem weitern Kapitel wird es beklemmender. Es droht Gefahr für diesen kleinen Schatz, der so viel ist, aber definitiv nicht unwert. All die Begegnungen die erfolgen, all die Männer, Frauen und Kinder, bereichern die Geschichte und doch gibt es solche, von denen man nicht will, dass sie Hugo treffen.

Hoffnung keimt immer wieder auf. Durch die helfenden Menschen geht es gut, lange sogar, immer wieder und so verlebt Hugo eine Kindheit, die einerseits geprägt ist von Angst aber andererseits auch von purer Lebensfreude.
Sein Wissen, sein Wissen wollen, ist stark ausgeprägt und so macht er immer wieder Erfahrungen, die kein Kind machen sollte. Dennoch erfährt er eben auch Liebe und Zuneigung und genau das macht diese Geschichte immer wieder so besonders und vor allen Dingen erträglich.

Man ahnt wie es ausgeht, es war mir so schwer um das Herz und am liebsten hätte ich aufgehört. Aber es gab diese Kinder und es gab auch diese Ungeheuer, die das Wort Mensch nicht verdienen. Tausende mussten sterben, weil sie anders waren. Die Täter sind nahezu alle ungeschoren davon gekommen. Für mich eindeutig ein Versagen der Justiz. Verschleppung und Verschleierung in ungezählten Mordfällen. Viele konnten nach Kriegsende weiter als Arzt oder in der Forschung arbeiten, unbehelligt und als „unbelastet“ entnazifiziert.  Es hat niemanden interessiert – diese Kinder hatten keine Lobby!

Erst Jahrzehnte später wurde die ersten Mahn-& Denkmäler errichtet.
Dieses Buch zähle ich dazu. Ein schriftliches Mahnmal!
Geschichte in der Geschichte und sehr wichtig, damit sie nicht vergessen werden! All diese Kinder, egal wie sie hießen. Hugo, Fritz, Anna, Klaus, Hans, Peter….

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Buchdetails 
Titel: Hugo – Der unwerte Schatz
Buchreihe: Einzelband
Autor: Tino Hemmann | Sprecher: Bodo Henkel
Verlag: Thono Audio Verlag


Wir lesen und hören viele Bücher & Hörbücher. Da wir nicht täglich eine Rezension schreiben möchten und können, haben wir uns entschlossen, zukünftig immer mal 3 Bücher mittels einer Kurzmeinung darzustellen. Dafür haben wir keine festen Termine eingeplant, sondern machen es immer so wie es am besten passt.

 

12 Kommentare

  1. Hallo!

    Drei so schwer Schicksal in einem Beitrag…

    Besonders „Sidonie“ liebe ich von ganzem Herzen. Ich habe ihn Steyr studiert, kenne die Stadt dementsprechend recht gut. Das macht die ganzen Geschehnisse irgendwie noch eine Spur bedrückender. Kurz nachdem ich das Buch gelesen habe, war ich selbst in Auschwitz. Ich bin der beschriebenen Baracke gestanden und konnte förmliche Spüren wie Sidonie neben mir steht und hoffnungslos, resignierend in die Ferne starrt.

    Liebe Grüße
    Sabrina

    1. Hallo liebe Sabrina
      ja, jedes einzelne Schicksal geht unter die Haut. Wenn man dann die Orte auch noch persönlich kennt oder real gesehen hat kommt das alles bestimmt noch viel heftiger rüber. So unendlich traurig und deswegen so wichtig das diese Geschichten erzählt werden.
      Eine tolle Challenge die du da initiiert hast. Ich werde da weiterhin dabei bleiben.
      Liebe Grüße und komm gut in den 1. Mai
      Kerstin :-*

  2. Oh je, 3 schwere Bücher #GegenDasVergessen und gerade deshalb so wichtig! Ich freue mich sehr, dass auch du die Geschichte von Sidonie gelesen hast! Sie hatte mich ganz arg berührt, sodass ich mir nach dem Lesen sogleich das Buch „Materialien zum Abschied von Sidonie“ gekauft habe, um noch mehr über sie und ihr Leben und die Familie zu lesen. Sehr empfehlenswert!

    Die anderen beiden Bücher kenne ich nicht, aber das letzte (Hörbuch) werde ich mir kaufen und hören. Deine Worte zum Buch haben mich sehr berührt, sodass ich es unbedingt ebenso hören möchte. Habe soeben bei Audible nachgeschaut und es geladen. Danke, dass ich das Buch bei dir entdecken durfte!

    Gerade gestern habe ich „Weil sie das Leben liebten“ von Charlotte Roth beendet und bin noch dabei meine Worte für die Rezi zu sammeln. Auch hier ging es um den Völkermonrd an den Sint/Roma. Sehr beeindruckend und intensiv erzählt die Autorin davon, so, wie ich es von ihr gewohnt bin. Am Ende fehlt einem erstmal die Sprache, vieles muss verdaut werden. Vielleicht ist das auch ein Buch für dich. (Nach einer Pause 😉 Du musst ja auch mal was leichteres dazwischen lesen, gelle)

    GlG vom monerl

    1. Waaaaa – ich hab doch glatt die Kommis hier übersehen. Entschuldigung.
      Du hast Hugo gehört, das fand ich so toll von dir.
      Danach musste ich echt was total anderes hören aber es ist mir bis jetzt im Kopf geblieben.
      Weil sie das Leben liebten hab ich mir schon angeschaut und auf die Merkliste gesetzt. Bei dir werde ich immer fündig :-*
      Hab einen schönen Abend
      Liebe Grüße
      Kerstin

  3. Puh, so konzentriert drei (repräsentative) Kinderschicksale nacheinander – das ist schon ziemlich bedrückend. Umso schlimmer, dass genau das, was da geschildert wurde, unzählige Male wirklich passiert ist. Und deshalb sollte man auch diese traurigen Bücher lesen und nach wie vor über die schlimmen Schicksale berichten. Danke für diese drei Buchvorstellungen.
    LG Gabi

    1. Bitte entschuldige Gabi, dein Kommi hab ich auch übersehen, lass das ja nicht Janna wissen 😉
      Die drei Bücher waren wirklich nicht ohne. Ich bin danach immer fix und fertig und wütend und gereizt und könnte laut schreien angesichts dieser unmenschlichen Taten.
      Wegen diesem Irrsinn hatten so viele keine Zukunft und deshalb ist es mir wichtig das diese Geschichten erzählt werden.
      Kann nicht jeder lesen, verstehe ich auch aber totgeschwiegen wurde es lange genug
      Komm du gut in den 1. Mai
      Liebe Grüße Kerstin

  4. Hey Kerstin,
    ich fand „Ein Flüstern in der Nacht“ auch sehr bewegend und gut geschrieben.
    „Hugo“ setze ich mir mal auf die Merkliste.
    Danke fürs vorstellen!
    Liebe Grüße
    Ela

    1. Hallo Ela,
      das ist es wirklich zumal es aus der Sicht des Kindes ist.
      Hugo kann ich sehr empfehlen, eine tolle Sprache und es ging mir echt nahe. Es gibt am Ende des HB noch einen Epilog des Autoren in dem viel erklärt wird zu den Kinderfachabteilungen, was sich daraus entwickelte und was so aus den Tätern wurde.
      Liebe Grüße
      Kerstin

  5. Hey 🙂

    Ich erinnere mich noch, dass wir in der Schule „Auroras Anlass“ Hackl gelesen haben, was ich zum Anlass genommen habe, „Abschied von Sidonie“ auf eigene Faust zu lesen. Wenn man solche Dinge liest, will man sich ja am liebsten denken, dass sich der Autor das nur ausgedacht hat, aber die Menschen waren zum Teil wirklich solche Monster. Wilde Bestien, die quasi von der Leine gelassen wurden – und das nur von einem Mann.

    Ich bin ja gerade auf den letzten Seiten von „Maus“ und durch die Zeichnungen werden diese Erlebnisse der Verfolgten sehr, sehr lebendig. Der einzige Trost ist, dass es trotz des ganzen Terrors immer wieder Menschen gegeben hat, die sich mal mehr, mal weniger offen gegen das System gestellt haben …

    Liebe Grüße
    Ascari

    1. Hey Ascari
      schon wahnsinn wie sehr die Menschen ohne eine eigene Meinung zu haben sich diesem Irrwitz angeschlossen haben. Es erschüttert mich jedesmal aufs Neue. Aber wie du sagst, die einzelnen die nicht weggesehen haben sind so wichtig, damals und auch heute.
      Auroras Anlass kenne ich gar nicht. Jetzt hast du mich wieder verleitet danach zu stöbern.
      Danke für dein Kommi und liebe Grüße
      Kerstin

      1. Hackl hat in „Auroras Anlass“ eine ganz andere Geschichte erzählt, aber ich schätze, das hast du mittlerweile schon selbst herausgefunden, oder? 😉

Ein Blog lebt von der Interaktion, also immer her mit Euren Gedanken! Wir freuen uns über Eure Kommentare und den Austausch!

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