„Wir sind die Adler“ von Michael Gruenbaum & Todd Hasak-Lowy

Inhalt laut Klappentext

„Einer der letzten, die noch davon erzählen können
Michael – Mischa – erlebt eine behütete Kindheit in Prag. Er spielt gern Fußball, der Vater ist erfolgreicher Anwalt. Doch als Mischa gerade 8 Jahre alt ist, marschieren die Deutschen ein. Die Repressionen nehmen zu, bis zur Gründung des Prager Ghettos, in dem Mischa mit seiner Familie landet. Aber das ist nicht die Endstation: 1942 wird er mit Mutter und Schwester ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. Dort lebt er mit vierzig anderen Jungen in einem Schlafsaal unter der Leitung von Franta, der die Jungen heimlich unterrichtet – Vaterfigur, Beschützer und Mentor zugleich. Die Kinder bilden eine verschworene Gemeinschaft, viele wachsen Mischa ans Herz wie Brüder. Doch über allem schwebt stets die Angst, in einen der Züge gesetzt zu werden, die an einen Ort namens Auschwitz fahren …“

„Gorila, Pavel, Robin, Majošek, Felix, Pudlina, Grizzly, Eli, Jila, Erich, Jindřich, Koko, Leo, Kalisek, Kuzma. Alle verschwunden… Und eine ganze Menge anderer, deren Namen ich schon vergessen habe.“

Mit diesem Buch und der Geschichte darinnen, hat der Autor Todd Hasak-Lowy sechs Jahre aus dem Leben Mischas (Michael) erzählt.
Sechs Jahre einer Kindheit, die von heute auf morgen in ihrer Unbeschwertheit endete.
Sechs lange Jahre, in denen Kinder schneller erwachsen werden mussten, ob sie es verstanden oder nicht. 

Dieser biografische Roman wurde zwar von Todd geschrieben, aber er lässt Mischa selbst erzählen.
Dadurch sieht man alles mit diesen Kinderaugen, hört was Mischa hört und denkt mit ihm, in den kindlichen Gedanken eines achtjährigen Jungen.
Das hat für eine enorme Authentizität gesorgt. Heute wissen wir, was all diese Vorschriften und Verbote bedeuteten und was die furchtbaren Folgen waren.
Doch für dieses Kind Mischa und all die Tausend andere, waren es in diesen Momenten immer Situationen, die nicht verständlich waren, die sie nicht erklären konnten. Warum durften sie nicht mehr in den Park? Warum war es verboten, vorne in der Straßenbahn mitzufahren?  Warum gab es immer weniger Lebensmittel? Weshalb waren die anderen Kinder so gemein zu ihm? Wofür war dieser gelbe Stern gut und warum, warum nur, wird der Vater von diesen Männern abgeholt?

Mischas Gedankengänge und Emotionen, all die Erlebnisse werden in der Form der Gegenwart erzählt.
Alles was geschrieben steht, passiert just in dem Moment und auch wenn zwischen den einzelnen Episoden mehrere Monate liegen, fühlt es sich an als würde man gemeinsam mit Mischa alles „live“erleben.

„Aber ihr seid keine Jungen. Nicht mehr. Nicht nach den letzten Jahren. Die Nazis haben euch auch das genommen. Sie haben euch die letzten Jahre eurer Kindheit gestohlen.“

Prag war Mischas Heimatstadt, doch mit dem Einzug der Nationalsozialisten und den beginnenden Sanktionen gegen das jüdische Volk, wurde es immer mehr ein fremder Ort. Eine anfänglich schleichende Veränderung die von Tag zu Tag heftiger wurde. Mit dem Einzug in das Ghetto – in eine winzige Wohnung, unterversorgt mit allem was wichtig ist, hat sich auch Mischa verändert.
Er legt sein kindliches Denken immer mehr ab und man spürt mit jeder weiteren Zeile was ihn und alle in seinem Umfeld prägt – Angst.

„Es wäre doch schon ziemlich schwierig, einen Ort zu finden, der noch schlimmer ist als dieser, oder?“

Theresienstadt – Mischas neues „zu Hause“, eine Stube für 40 Jungs in seinem Alter. Das Durchgangslager kommt anfänglich gar nicht als solches rüber. Mischas Erzählungen drehen sich viel um den Zusammenhalt der Adler – seinen Stubenkollegen, wenn man Kinder denn so nennen will. Aber genau dieser Zusammenhalt rettet Leben – auch wenn es von den 40 letztendlich nur 11 überlebt haben. 11 Kinder die eine Zukunft bekamen und mit dieser Vergangeheit leben mussten. Als die Deportationen nach Auschwitz beginnen. scheinen alle noch furchtlos zu sein aber man merkt deutlich das diese Stimmung kippt, auch bei Mischa.

Was mir an diesem Buch so besonders gefiel waren die fehlenden Details – auf die ich eigentlich großen Wert lege – aber gerade bei Büchern zum Thema Nationalsozialismus gibt es Dinge die man nicht bis in alle Einzelheiten erfahren muss. Man weiß es einfach. Doch hier, aus der Sicht dieses Kindes ist alles so anders. Die Gestalten die ihm zum Ende des Buches entgegenkommen, diese ausgemergelten Wesen, kaum erkennbar ob Mann oder Frau, sprechen eine ganz eindeutige Sprache von den Gräultaten der Nazis und doch verzichtet das Buch hier auf Gewaltexzesse ohne dabei zu verharmlosen.

Genau aus diesem Grunde ist das Buch auch für Jugendlich sehr zu empfehlen. Ein heranführen an die Thematik der Judenverfolgung, der Ghettos, der Deportationen, der KZs und dem Tod. Aber auch ein aufzeigen von Mut und Stärke, von Überlebenswillen und der Kraft der Gemeinschaft, selbst bei den schwächsten, den Kindern. Dennoch sollte es ein gemeinsames Lesen sein, da es durchaus traurige Szenen gibt oder Stellen die hinterfragte werden müssen und sollten.

Absolut empfehlenswert, sehr berührend – die Geschichte um die Adler und alle die gemeinsam mit ihnen diese schrecklichen Jahre verbringen mussten.

 „Versprecht mir, dass ihr euch erinnert werdet. Versprecht es mir.“

Rezension verfasst von © Kerstin

    Buchdetails
Titel: Wir sind die Adler – Eine Kindheit in Theresienstadt
Buchreihe: Einzelband

Autor: Todd Hasak-Lowy mit Michael Gruenbaum
Verlag: Kindler [Rowohlt]

ISBN: 978-3-463-40679-4 [gebundene Ausgabe, 352 Seiten, 19,95 €]

6 Kommentare

  1. Huhu!

    Eine ganz tolle Rezension, und das klingt nach einem wahnsinnig bewegenden Buch, wobei es sicher auch ganz schön an die Nieren geht…

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

    1. Hey Mikka,
      ich hab es schon entdeckt und gleich mein Kommi dagelassen, danke Dir nochmal ganz lieb.
      Das Buch ist wirklich sehr schön, trotz des Themas und es hat mich sehr berührt
      Liebe Grüße
      Kerstin

  2. Hallo Kerstin,
    deine Rezension berührt sehr, genau wie der Klappentext.
    Danke fürs vorstellen, ich werde es mir auf die Wunschliste setzen.
    Liebe Grüße
    Ela

    1. Hallo liebe Ela,
      das Buch ich wirklich sehr empfehlen. Es ist trotz des Themas eigentlich ein sehr lebensbejahendes Buch.
      Liebe Grüße
      Kerstin

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