Rezension

„Uns geht`s allen total gut“ von Daryl Gregory

Viel Tiefe zwischen den Zeilen


Das war leider ein sehr kurzes, schnelles Lesevergnügen! Aber eines welches sich lohnt, denn diese kleine Geschichte lässt trotz Vorgaben viel Interpretationsfreiraum!

Eine Fantasy-Geschichte im Umfeld unserer Realität.
Psychologin Dr. Jan Sayer entwickelt ein Konzept für eine Gruppentherapie und lädt einige ihrer Patienten dazu ein – drei Männer und zwei Frauen die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ein Gruppe mit einem Raum (wörtlich und sinnbildlich gesprochen) für die Wahrheit – eine Wahrheit welche die Welt nicht versteht und nie verstehen wird … verstehen kann …

„Willkommen in der Therapiegruppe für Opfer übernatürlicher Gewalttaten – nehmen Sie Platz!“
(‚Über dieses Buch‘, 99% des Buches)

In elf Kapitel wird über den Verlauf der Gruppe berichtet, mit kleinen zukünftigen Ausblicken welche die Neugierde auf den weiteren Verlauf erhöhen. Die Kapitel werden in der ersten Person Plural (Wir) eingeleitet um dann den Hauptcharakter des Abschnittes in der dritten Person darzustellen. Ein Punkt welcher mich zunächst irritierte, eben weil ich mich fragte aus der Sicht welcher Person geschildert wird. Doch davon sollte man sich nicht ablenken lassen, denn es wird keine Antwort geben – nicht im klassischen Sinne. Es sind die kurzen Gedanken der Gruppe. Nicht mehr und nicht weniger, es zeigt Schritt für Schritt wie sie zusammen wachsen – gewollt oder ungewollt.

Nacheinander erfährt man die Geschichte hinter den einzelnen Protagonisten und es dauert ein wenig, bis wirklich alle Erlebnisse geschildert werden. Nach und nach werden einzelne Gruppenfindungsphasen durchlaufen um am Ende einen Zusammenhang entstehen zu lassen, eine Verbundenheit.
Ich kann mir vorstellen das andere LeserInnen nicht mit den Charakteren sympathisieren, denn sie sind jeder für sich speziell. Sie alle haben ein Trauma, sie alle haben unterschiedliche Wege damit umzugehen. Und sie alle ecken an in der Welt außerhalb dieser vier Wände.

Kleine Interpretation fernab der Phantasie

Ja, es ist im Genre „Fantasy“ angesiedelt und der Verlauf der Geschichte führt auch dort hin – eine andere Welt, eine wartende Welt. Und doch ist so viel Freiraum für Interpretationen bezüglich unserer gegenwärtigen, realen, Welt.

Eine Gruppe unbekannter Menschen, jeder interpretiert den anderen, jeder ist skeptisch. Eine Gruppe die ähnliches erlebt hat und dadurch zusammen wächst, obwohl sie außerhalb dieses Raumes wohl nie ein Wort miteinander gewechselt hätten. Es entsteht eine Gruppendynamik in der jeder seinen Platz finden will und doch für sich alleine ist. Sie öffnen sich ohne sich selbst vollständig zu entblößen, testen sich aus und die Charaktere beginnen, sich mit ihrem Gegenüber auseinanderzusetzen. Aus einer kleinen Gruppe entstehen weitere kleinere Parteien. Auch wenn der Autor die Protagonisten mit einer fremden Welt in Berührung kommen lässt, so skizziert er die Gruppendynamik und die psychologische Ebene einer solchen Zusammensetzung in Bezug zur Realität. Die Fantasy-Geschichte nimmt zum Ende hin einen großen Raum ein und doch ist diese nicht der Mittelpunkt des Buches. Es ist die Beziehung untereinander und zueinander.

Der Autor skizziert die Charaktere nicht als Sympathieträger und doch taucht man ein in diese Geschichte, in ihre Welt, in ihre Wahrheiten. Oder genau deshalb? Ich hätte noch hundert weitere Seiten über diese Gruppe lesen können. Eine Gruppe in der nicht nur die Menschen außerhalb des Raumes sehen, was sie sehen wollen. Auch die Gruppe selbst tut dies zu Beginn, tun genau das was sie bei den Menschen die die Augen verschließen kritisieren. Aber ist nicht genau das unsere Realität?! Denn wo kann man besser kritisieren als weit von sich entfernt. Ob ich oder auch Ihr solch eine Person seid, sei dahingestellt, denn gesellschaftlich ist dies hoch vertreten – und der einfachste Weg. Doch die Gruppe muss sich im Verlauf der Geschichte der Wahrheit stellen, sich selbst wahrnehmen und als das sehen, was sie sind. Über ihren eignen Schatten springen und zusammenwachsen.

Es mag sein das ich zu psychologisch an die Geschichte herangehe, aber das ist doch das Feine an bestimmten Büchern, die Möglichkeit frei zu interpretieren! Habt Ihr die Geschichte bereits gelesen, seht gewisse Aspekte gleich?

Mir gefiel diese Gruppe, ihre Konstellation, sowie die einzelnen Geschichten. Ob hineininterpretiert oder einfach als Fantasy-Geschichte gelesene wird – Hauptsache man saß mit Harrison, Greta & Co. in der Gruppentherapie der besonderen Art!

Rezension verfasst von © Janna

         Buchdetails
Titel: Uns geht`s allen total gut
Buchreihe: Einzelband

AutorIn: Daryl Gregory 
Verlag: Fischer TOR

ISBN: 978-3-10-490255-5 [E-Book]
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Laut Verlag wird es diese Geschichte nicht als Printausgabe geben |

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