„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Inhalt laut Klappentext

Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt.
Mit geschlossenen Augen hätte Eva damals den Weg zu Pims Bauernhof radeln können. Sie könnte es heute noch, obwohl sie viele Jahre nicht in Bovenmeer gewesen ist. Hier wurde sie zwischen Rapsfeldern und Pferdekoppeln erwachsen. Hier liegt auch die Wurzel all ihrer aufgestauten Traurigkeit.
Dreizehn Jahre nach dem Sommer, an den sie nie wieder zu denken wagte, kehrt Eva zurück in ihr Dorf – mit einem großen Eisblock im Kofferraum.

Ich muss Euch was erzählen. Es brennt mir unter den Nägeln und ich habe Worte auf der Zunge liegen, von denen ich nie dachte, dass sie es aus meinem Mund herausschaffen.
Mein Bauch schmerzt und das Herz ist mir schwer geworden.
Meine Gedanken drehen Kreise und ich weiß gar nicht wie ich all diese Empfindungen loswerden soll.
Dabei fehlen mir eigentlich die Worte um es zu beschreiben.
Das alles nur wegen diesem einen Buch und ich warne Euch direkt einmal vor, denn es ist nicht ohne, Oh Nein, das ist es wirklich nicht.

Es geht um diese Eva, liebevoll Eefje genannt, wobei so viel Liebe hat sie gar nicht erfahren. Jedenfalls nicht von ihren Eltern, die waren viel zu sehr mit sich und ihren Geistern beschäftigt, genau deswegen hatten sie nichts besseres zu tun als sich in beharrlicher Regelmäßigkeit zu besaufen und ihren drei Kindern damit ihre Kindheit zu nehmen. Stellt Euch vor wie ätzend das sein muss, das ganze Dorf weiß es, aber allen ist es schnurz piep egal. Die Kinder sind mehr oder weniger auf sich gestellt und da soll man sich wundern das so etwas dabei herauskommt? Das Verhalten der Erwachsenen spiegelt sich in dem der Kinder wieder und dabei gibt es keinerlei Gewinner, nur Verlierer und das sind die Opfer und die Täter.
Die Autorin bringt das so gnadenlos ehrlich rüber, dass ich mehr als einmal kopfschüttelnd da saß. Besonders die Jüngste in der Familie, Tesje, tat  mir so unendlich leid.

Leid, dessen Zeugin ich war, das ich mir ansah, bis es auch mein Leid wurde. Durch Teilen nimmt die Intensität ab, wird es für beide erträglicher.
(S. 88)

Nochmal zu dieser Eva. Sie ist unterwegs, eingeladen zu einem Geburtstag, dessen Geburtstagskind schon lange tot ist. Jan, eigentlich gar kein Freund von ihr, sondern der Bruder von Pim und der war ihr Freund. Irgendwann einmal, als sie noch unbeschwert in den Sommer hineinlebten und auf dem großen Bauernhof Unsinn trieben oder schwimmen gingen. Mit im Bunde war Laurens – die drei Musketiere nannten sie sich. Einer für alle und so. Doch dann kam Jans Tod dazwischen und meine Güte, es dauerte ewig bis ich erfuhr was diesem denn widerfahren ist.
Evas Reise zu dieser „Party“ ist gleichzeitig auch eine Erinnerung an die Jahre der gemeinsamen Freundschaften, der Zeit des Kind sein und allem voran des langsamen, aber stetigen erwachsen werden. Das die zwei Jungs Pim und Laurens dabei auf eine Art Entdeckungstour gehen und alle altersmäßig in Frage kommenden Mädels in Kategorien unterteilen, um diese mittels einem Rätsel zu erforschen, wird ausgerechnet ihrer besten Freundin Eva zum Verhängnis. Sie weiß es ja selbst, das da etwas daneben läuft aber mit diesen Folgen hätte sie niemals gerechnet. Ich auch nicht, wenn ich ehrlich bin habe ich es aber so oder so ähnlich befürchtet.

Ich passte nicht mehr so hinein, wie ich immer hineingepasst hatte. Ich war das Duplomännchen im Legohaus.
(S. 287)

Und es schmilzt“ hat mich total in seinen Bann gezogen. Vieles was ich da lesen musste will ich eigentlich gar nicht lesen. Nicht weil es mich erröten lassen würde, sondern es so persönlich war. Ungeschönt und ehrlich.
Es gibt eine explizite Stelle im Buch für die ich sogar eine Trigger- Warnung aussprechen möchte.
Denn ich bin mir sicher, dass man genau das nicht in diesem Buch erwartet, wenn man nur den Klappentext kennt.
Es hat mich geschmerzt, in Gedanken und fast schon körperlich.
Aber man wird ja vorgewarnt. Es gibt genügend Hinweise.

Diese Geschichte erfordert Geduld und Durchhaltevermögen und ist keine für zwischendurch. Es geht bergauf und bergab, um Ecken und Kurven, durch Sonnenschein und trüben Regen.
Dreh- und Angelpunkt ist dieser kleine Ort und seine Menschen. Mütter und Väter und jede Menge Kinder. Genau dieses hat mich am Buch gehalten. All die kleinen Dinge in Evas Erzählungen, die sich zusammenfügen und durch die Rückblicke ein einziges großes Ganzes ergibt. Eine sich anbahnende Tragödie, ein Drama das seines Gleichen sucht und einem wirklich viel abverlangt.

Letztendlich war der Unterschied zwischen Weinen und Lachen gar nicht so groß. Sie verhielten sich zueinander wie Weggehen und Heimkommen – auch dafür braucht es lediglich ein Haus.
(S. 367)

Wenn Ihr es jetzt lesen möchtet, tut es, aber – ich habe Euch gewarnt!
Manchmal müssen es die unbequemen Geschichten sein, die sich festsetzen. Und diese Geschichte ist sehr unbequem. Ich liebe und hasse sie gleichzeitig, weil es so unsagbar ehrlich ist, was man da erliest. Seite um Seite, auf der Fahrt zusammen mit Eefje nach Hause, bis der Eisblock schmilzt!

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★

– Andere Lesermeinungen –
Julia von „Leselust

Buchdetails
Titel: Und es schmilzt
Buchreihe: Einzelband 
Autorin: Lize Spit
Übersetzt aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
Verlag: S. Fischer Verlag
ISBN: 978-3-10-397282-5 [Hardcover, 512 Seiten, 22,00 €]
— Rezensionsexemplar —
       

24 Kommentare

  1. Ich scheine mittlerweile scheinbar die Einzige zu sein, die das Buch noch nicht gelesen hat (obwohl es schon in meinem Regal steht). Deine Rezension macht große Lust auf das Buch, und vielleicht muss ich meinen Lesestapel doch noch ein bisschen umschichten… 🙂

    1. Ich kann dich beruhigen 😉 Ich (das Ja von KeJas-BlogBuch) habe das Buch auch noch nicht gelesen – nicht mal im Besitz … aber Kerstins, sowie auch bspw. Julias (Leselust) Rezensionen reizen seeehr!

      Hab noch einen feinen Abend!

    2. Hey
      ich glaube es haben gaaaanz viele noch nicht gelesen und mir geht es mit gaaaanz vielen anderen Büchern auch so 🙂
      Liebe Grüße und einen schönen Sonntag für dich
      Kerstin

  2. Hi
    WOW Krass das du dem Buch fünf Sterne gegeben hast, kann es sogar etwas verstehen, ich war auch hin und her gerissen, letztlich wurden es nur drei, weil mir das Buch zu heftig und brutal und einfach zu hart war. Ich hab das Buch immer noch im Gefühl, ja klingt seltsam, aber das Buch hat bei mir Spuren neu aufgerissen, neu entstehen lassen und es ist ein Buch das unter die Haut geht und das man so schnell da nicht mehr weg bekommt, selbst wenn ich das Buch schon längst beendet habe, schon andere besprochen und gelesen habe, so ist es noch in mir drin, und lässt mich nicht los.
    Das schafft selten ein Buch.
    Danke für deine coole Rezension, die mir sehr gut gefällt.
    Liebe Grüße
    Nicole

    1. Hallo Nicole
      ich konnte gar nicht anders genau aus dem Grund der dich auch noch beschäftigt, das Buch hat einfach weh getan und wird ewig hängen bleiben. Ich muss mal vorbeikommen und deine Meinung lesen.
      Liebe Grüße und einen schönen Sonntag für dich
      Kerstin

  3. Liebe Kerstin,
    Deine Rezension ist so gut und trifft den Nagel auf den Kopf. So habe ich es auch empfunden. Dieses Leid, die Vernachlässigung, und alle sehen weg. Wie kann man Kindern so etwas nur antun? Diese Gleichgültigkeit kommt durch den recht distanzierten Schreibstil sehr gut rüber, finde ich.
    Und auch bei der Trigger Warnung kann ich dir nur zustimmen. Das erwartet man rein vom Klappentext wirklich nicht. Das finde ich auch etwas heftig. Daher auch die eingeschränkte Leseempfehlung.
    Du hast übrigens so sehr passende Zitate rausgesucht! Hat mir beim Lesen der Rezension sehr gut gefallen.
    Vielen Dank auch für Verlinkung. 🙂
    Ganz liebe Grüße und einen schönen Sonntag noch. :* Julia

    1. Hallo liebe Julia
      du triffst es auch absolut.Das Buch zeigt so wichtige Themen auf und nimmt kein Blatt vor den Mund. Es war heftig aber irgendwie auch richtig gut. Wird mir lange nachgehen.
      Liebe Grüße und eine schöne Woche
      Kerstin

  4. Liebe Kerstin,

    hab vielen Dank für diese emotionale und sehr persönliche Rezension, die mir gerade daadurch, dass sie so persönlich war, einen Eindruck vermittelt hat, wie das Buch auf den Leser wirkt. Das hat mich echt neugierig (und ein bisschen vorsichtig) gemacht. Natürlich bleibt das Buch auf meiner Leseliste und ich wappne mich schon mal davor, durch den emotionalen Wolf gedreht zu werden.

    LG Gabi

    1. Hey Gabi
      mach dich auf etwas gefasst das du so niemals erwarten wirst. Ich bin mir sicher das es nicht alle mögen werden.
      Es ist schon anderes und auch besonders
      Liebe Grüße und jetzt bin ich echt gespannt wenn du es mal gelesen hast
      Kerstin

  5. Guten Morgen!

    Jetzt konnte ich endlich deine Rezension dazu lesen, habe das Buch selbst gestern abend beendet. Du triffst es wirklich sehr gut! Ich bin auch noch immer etwas neben der Spur und muss erst einmal meine Gedanken ordnen, bevor ich diese wiedergeben kann. Was für ein Buch!

    1. Was für ein Buch! Ja, das trifft es absolut. Dieses reiht sich bei denen ein die mir sehr lange im Gedächtnis bleiben.
      Ich komme mal rüber schauen welche Worte du in deiner Rezension triffst.
      Liebe Grüße
      Kerstin

  6. Vielen Dank für Deine Rezension. Ich habe jetzt schon viel über dieses Buch gelesen, aber Deine Rezension hat mich jetzt richtig angefixt. Ich ärgere mich gerade, dass ich es gestern nicht mitgenommen habe… Das werde ich jetzt wohl nachholen.
    LG Anja

    1. Hey Anja
      ich ärgere mich auch jedesmal wenn ich bei einem Buch gezögert habe und kurz darauf eine Rezension lese die mir sagt ‚hättest du mal‘ aber zum Glück hab ich es nicht allzu weit bis zur Buchhandlung; -)
      Liebe Grüße und wenn du es gelesen hast sag mal Bescheid
      Hab eine gute Restwoche
      Kerstin

  7. Feine Kritik, aber ich glaub aufgrund des Inhalts möchte ich es derzeit nicht lesen 🙁
    Da muss wohl erst der passende Zeitpunkt her. Vielleicht ist er ja da, wenn es als TB erscheint 🙂

    1. Danke dir – der Zeitpunkt hatte bei mir gepasst. Hatte eh miese Laune, da kam es genau richtig
      ; -)
      Es ist sehr ungewohnt und irgendwie anders, was mich aber letztendlich doch so begeistert hat
      Warte ab bis zum TB und dann will ich wissen was du dazu sagst.
      Liebe Grüße und komm gut in das Wochenende
      Kerstin

      1. Danke dir :3 Ich bin auch gespannt, vllt leih ichs mir ja sogar vor den TB-Erscheinungstermin ma in der Biblio aus 😀

  8. Hallo Kerstin,

    eine tolle Rezension, die irgendwie Lust auf das Buch macht und irgendwie nicht.

    Nachdem mich „Geständnisse“ (was ihr beide auch gelesen habt) so runtergezogen hat und ich mir habe sagen lassen, dass es in „Und es schmilzt“ (auch) keine positiven Entwicklungen gibt und alles unendlich traurig ist, sollte ich es wohl eher nicht lesen. Ich glaube das, was mich an dem Buch interessiert ist eher voyeuristischer Natur (so wurde es an einigen Stellen auf anderen Seiten auch besprochen) und das ist eigentlich ein Grund, das Buch nicht zu lesen.

    Deine Rezension zeigt aber sehr gut auf, dass man das Buch nicht jedem zumuten kann. Ich denke dieser Aspekt ist gerade bei diesem Buch sehr erwähnenswert.

    Viele Grüße,

    Jemima

    1. Hallo Jemima,
      also das Buch zieht runter, ganz gewaltig sogar. Man sollte sich darauf einstellen das es ganz langsam von statten geht aber dadurch ist es noch viel heftiger.
      Da Geständnisse schon nicht so deins war würde ich ehrlich sagen ‚lass es‘
      Wünsche dir eine schöne Restwoche
      Liebe Grüße
      Kerstin

  9. Grad kommentierte ich noch bei Buchperlenblog, dass ich auf ihre Rezension gespannt bin und schon kommst Du daher und überzeugst mich, dass das Buch doch mit auf meine Leseliste sollte. Was eine Rezension. Danke dafür. Ich glaub, jetzt komm ich um das Buch nicht mehr drum rum.

    1. Hey
      da freue ich mich aber das meine Rezension dich voll erwischt hat 🙂
      Solltest du es lesen sag mal Bescheid, bin ja immer sehr gespannt wie andere solche Geschichten empfinden
      Liebe Grüße und eine schöne Restwoche noch
      Kerstin

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