„SOG“ von Yrsa Sigurdardóttir

Schmerz verjährt nicht

Inhalt laut Verlag

Zwölf Jahre nach dem Tod und der Vergewaltigung eines Mädchens wird eine Zeitkapsel in Reykjavik gehoben. Darin enthalten: 10 Jahre alte Briefe von Schülern, die beschreiben, wie sie sich Island im Jahre 2016 vorstellen. Darunter findet sich noch etwas anderes: eine unheimliche Botschaft, die akribisch genau die Initialen von zukünftigen Mordopfern auflistet. Kurz danach werden zwei abgetrennte Hände in einem Hot Tub in der Stadt treibend gefunden. Doch noch hat keiner eine Vermisstenanzeige bei der Polizei gestellt. Schon bald taucht die erste verstümmelte Leiche auf, dicht gefolgt von einer zweiten, und es ist klar, dass die Botschaft aus der Zeitkapsel ernst zu nehmen ist.

Endlich ist er da, der von mir langersehnte Folgeband! „DNA“ konnte mich im vergangenen Jahr vollkommen überzeugen und dieses Buch steht seinem Vorgänger in keinster Weise nach.

Die Fälle selbst sind in beiden Büchern in sich abgeschlossen und stehen somit nicht in Verbindung zueinander. Es gibt einen wirklich kurzen aber sehr guten Einblick der privaten Entwicklungen und so kann dieser 2. Band auch für sich allein gelesen werden – es wäre jedoch wirklich schade um die gelungene Geschichte die Euch dann entgehen würde!
Da die Autorin Yrsa Sigurdardóttir ihren Protagonisten, neben den Ermittlungen, viel Raum gibt, bauen in diesem Fall die beiden Bücher aufeinander auf. Somit lassen sich Spoiler zu Band 1 und den beiden Protagonisten Huldar und Freyja nicht gänzlich vermeiden.

Durch den Klappentext ist deutlich herauszulesen das die folgenden Ereignisse und Fälle miteinander verbunden sind. Dies mindert jedoch nicht die Spannung beim Lesen, da sich die ersten Verknüpfen bereits am Anfang ergeben.

2004
Vaka wartet frierend auf ihren Vater. Nachdem sich der Schulhof immer mehr leert, ist sie glücklich eine Mitschülerin zu entdecken. Es war Vakas Idee zu dem Mädchen zu gehen um telefonieren zu können, das Mädchen wirkte jedoch entsetzt. Nur schnell telefonieren, dann ist sie zu Hause, doch das unheimliche Gefühl in diesem fremden Haus erdrückt sie fast.
Kurz darauf wird sie von ihren Eltern als ‚Vermisst‘ gemeldet.

2016
Eine zehn Jahre alte Zeitkapsel mit der Ankündigung einer Mordserie findet sich auf Huldars Schreibtisch wieder. Die Opfer sind nur mit ihren Initialen erwähnt. Zeitgleich findet sich ein abgetrenntes Hände-Paar im Hot Tub (Whirlpool) eines Mannes.

Wie auch im ersten Band, arbeiten Huldar (Polizist) und Freyja (Psychologin) eher ungewollt zusammen – zu mindestens wenn man Freyja fragen würde. Das Verhältnis der beiden ist zu Beginn sehr angespannt. Bei ihrem ersten gemeinsamen Fall bekleideten beiden noch Führungsposition, dies änderte sich nach der Aufklärung in Band 1 und sie wurden degradiert. Während Huldar sich damit abgefunden hat und gar nicht allzu unglücklich darüber ist, wirft Freyja ihm diesen beruflichen Umstand vor. Das anfänglich – doch eher schwer erarbeitete Knistern zwischen ihnen – ist einem fast noch größeren Graben wie bei ihrem ersten beruflichen Aufeinandertreffen gewichen. Doch die Zeit für Vorwürfe und Groll ist nicht gegeben – zu viele Fragen wirft die Morddrohung auf. Und je mehr Freyja und Huldar sich in diesen Ermittlungen einarbeiten, je undurchsichtiger wird es. Keiner weiß etwas, niemand hat etwas gesehen und gehört. Die einzigen Dokumente und Unterlagen die Antworten hätten geben können, sind nicht existent.
Dies erzeugte eine hohe Spannung beim Lesen, wirft Fragen auf, die mich für ihre Antworten durch die Seiten fliegen ließen.

Ja, der Titel „SOG“ ist Leseprogramm, denn das Buch erzeugt einen regelrechten LeseSOG. Nach und nach erhielt ich Antworten und glaubte zu wissen, welche Fäden zusammen gehören. In diesem Glauben befürchtete ich schon eine Auflösung die nachvollziehbar, aber nicht überwältigend ist – weit gefehlt! Es gab einen klitzekleinen Hinweis, dieser jedoch wurde mir erst bewusst, als die Auflösung schwarz auf weiß vor mir stand.

Was ich an der Autorin bewundere ist ihre Kunst der Andeutung! Weder die Morde, noch der Leichenfund werden detailliert beschrieben. Und doch stellt sich direkt das eigene Kopfkino ein. Die Autorin lässt ihre Protagonisten, ihre Empfindungen, sprechen – das Gefühl der Übelkeit, dem unangenehmen Geruch. Im Groben wird genannt um welchen Tötungsakt es sich handelt, der Rest wird der Fantasie des Lesers überlassen. Und diese entstehen zu lassen, ohne zu beschreiben, darin versteht sich Yrsa Sigurdardóttir.

Wieder einmal ein Thriller ohne sich überholende Szenen oder zwanghaftem Spannungsbogen – sehr zu meiner Freude. Der Fall selbst überzeugt! Die Ermittlungen zogen mich in ihren Bann und ich empfand es mehr als angenehm keine Action vorzufinden. Dafür hätte es ein bisschen weniger Baldur sein dürfen – Freyjas Bruder muss leider sinnbildlich dafür herhalten. Mir war es, ähnlich wie im ersten Band, stellenweise zu ausführlich.
Eine Charakter-Skizzierung ist mir ebenso wichtig wie wohl jedem Leser – diese machen die Protagonisten lebendig. Hier jedoch geht es vielmehr um die Lebensumstände, als um eine Entwicklung und so hätte es für mich persönlich etwas knapper ausfallen dürfen. Wobei ich ehrlich gestehen muss, das es amüsant war zu lesen, wie Huldar von einem Fettnäpfchen ins nächste stampft. Sein neuer Kollege Gudlaugur (die isländische Schreibweise ist im Buch zu finden, was ich sehr schön und authentisch finde) war mir bereits zu Beginn sympathisch und ich würde mir wünschen ihn auch in den hoffentlich zukünftig kommenden Bänden wieder anzutreffen.

Wie dem Klappentext zu entnehmen ist, wird eines der Opfer missbraucht und im späteren Verlauf verstärkt sich ein ganz bestimmter Verdacht immer mehr. Die Autorin verzichtet gänzlich auf eine Beschreibung und doch könnten bestimmte Szenen beim Lesen triggern! Besonders die spätere Zusammenführung der einzelnen Puzzleteile hatte für mich eine ganz eigene Intensität. Das Schweigen, der Zusammenhalt, das Augen verschließen ist leider viel zu Nahe an der Realität …
Ebenso konnte der Epilog mich nochmals einnehmen – nicht gestellte Fragen erhalten eine Antwort und erzeugen Gänsehaut.

Aber niemand fragte, was passiert sei.
(S. 391)

Rezension verfasst von © Janna
★★★★★

– Andere Lesermeinungen –
Tintenhain (Mona)

       Buchdetails
Titel: SOG
Buchreihe: 2. Band

AutorIn: Yrsa Sigurdardóttir
Übersetzt aus dem Isländischen: Tina Flecken
Verlag: btb [Verlagsgruppe Random House]
ISBN: 978-3-442-75664-3 [Gebundene Ausgabe]
— Rezensionsexemplar —
Children`s House – Reihe
Band 1 ~ „DNA

Band 2 – „SOG“

16 Kommentare

    1. Oh wer kennt sie nicht die endlos lange Leseliste 😀 Ich führe zwar keine Liste, aber man kann ja auch Liste gegen SuB tauschen!

      Wenn du es dann mal irgendwann liest wünsch ich dir tolle Spannungsmomente!

      Liebe Grüße!

    1. Ziel erreicht 😀
      Freut mich das ich deine Neugierde wecken konnte und hoffe die Reihe gefällt dir ebenso gut!

      Hab noch einen entspannten Abend!

  1. Ach, leider leider hat mich das richtige Leben bis jetzt davon abgehalten, das Buch zu lesen. Ich hatte ja schon laut getönt, dass es schon bei mir bereit liegt. Ich hoffe, ich kann etwas früher ins Wochenende starten und dann endlich mit dem Buch beginnen.
    Deine Rezension macht ja gleich noch mehr Lust auf das Buch, wenn ich nicht schon von Band 1 restlos überzeugt gewesen wäre und mich sowieso schon wie verrückt auf „Sog“ gefreut hätte, dann hättest Du mich auf jeden Fall für das Buch einnehmen können.

    LG Gabi

    1. Huhu Gabi und wie schön das ich dich schon mal gelungen aufs Buch einstimmen konnte und bin schon sehr gespannt auf deine Leseindrücke!

      Ja, wie das manchmal so ist mit dem Leben – kann ich gerad ein Lied von singen … hoffe du kommst früh ins WE und ins Buch!

      Hab noch einen mukkeligen Abend!

  2. Hallo Janna,

    ich hab deine Rezi jetzt nicht ganz gelesen, weil Du oben von Spoilern zu Band 1 geschrieben hast. Den Band muss ich aber auch noch lesen…
    Deine Begeisterung auch bei Twitter zeigt aber, dass ich damit nicht mehr zu lange warten sollte. Spätestens Ende Oktober im Urlaub werd ich zu DNA greifen und danach vielleicht direkt SOG lesen. Ich freue mich schon sehr drauf!

    Viele Grüße,

    Jemima

    1. Huhu meine Feine,
      kann ich absolut verstehen – wenn du Band 1 noch lesen möchtest würde es dir etwas von den privaten Entwicklungen der Protas nehmen. Ich hoffe beide Bücher können dich ebenso wie mich überzeugen.

      Hab noch einen feinen Abend!

  3. Hallo Janna,
    das klingt richtig gut. Vor allem weil du erwähnst, dass ich den ersten Band dafür nicht zwingend lesen muss.
    Ich werd mal schauen, ob „SOG“ auch als Hörbuch bereits erschienen ist oder geplant ist. 🙂
    Liebe Grüße
    Ela

    1. Oh ich kann dir „DNA“ aber ebenso empfehlen 😉 Aber ich finds immer wieder angenehmen wenn man bei den ersten Büchern einer reihe nicht zwingend mit Band 1 starten muss und die Autorin hat wirklich eine knackige und ausreichende Zusammenfassung geschrieben. Ich hoffe der Thriller kann dich dann ebenso einnehmen – denn der Fall, die Ermittlungen, sowie die letzten Seiten verzeihen absolut die etwas zu ausführlichen Szenen im Privatbereich!

      Hab einen feinen Nachmittag!

  4. Vielen Dank für Deine Rezi. Ich fand den ersten Teil gut und ich werde den zweiten Teil sicherlich auch lesen, allerdings habe ich keine Eile damit – da warte ich dann auf das TB.
    Liebe Grüße und einen schönen Abend für Dich

    Anja

    1. Huhu Anja,
      dann wird dir Band 2 bestimmt fast noch besser gefallen! So ging es mir zu mindestens – die Autorin versteht ihr Handwerk (=
      Dann muss ich mich bezgl. deiner Meinung wohl noch etwas gedulden …

      Hab einen entspannten Nachmittag!

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