„Menschenwerk“ | Han Kang

Inhalt laut Verlag

Gwangju, Südkorea, 1980: Ein Junge sucht nach der Leiche seines Freundes, der bei einem gewaltsam niedergeschlagenen Studentenaufstand gestorben ist. Währenddessen schwebt eine Seele über ihrem toten Körper und berichtet, was sie sieht.
Jahrzehnte später: Eine Angestellte erinnert sich, wie sie Teil der Protestbewegung wurde und im Gefängnis landete. Eine Mutter trauert noch immer um ihren Sohn. Und die Autorin selbst setzt alles daran, in all dem einen Sinn auszumachen.
Durch das kollektive Leid dieser Protagonisten und ihre Taten der Hoffnung entsteht nach und nach die Geschichte einer brutalisierten Gesellschaft auf der Suche nach einer Stimme. „Menschenwerk“ ist das schriftliche Zeugnis unserer Bereitschaft, Leid zu riskieren, Gefangenschaft, sogar den Tod, um Gerechtigkeit zu erlangen. Es beschreibt die harte Realität der Unterdrückung und die durchschlagende Poesie der Menschlichkeit.

Der Tag des Vergessens wird nicht kommen
(S. 98)

Sich auf dieses Buch einzulassen ist alles andere als leicht.
Vielleicht liegt es an der ungeschönte Form der Autorin alles, aber auch wirklich alles auszusprechen was geschah.
Vielleicht liegt es daran dass man weiß – so ist es geschehen.
Vielleicht liegt es auch daran das diese (überwiegend) jungen Menschen, fast noch Kinder, Dinge erleben, die kein Mensch erleben sollte.
Oder es liegt daran das diese Geschichte so unter die Haut geht, wegen dem Wissen, das nur Menschen tun, was Menschen tun.

Menschenwerk“ ist schonungslos, so wie es die Soldaten waren. Eine Militärjunta die rigoros vorgeht, tötet was nicht restlos gestorben ist – dabei wäre abgeschlachtet das bessere Wort.
Mit Gewehren, Knüppeln, Händen und Füßen. Die Toten, die nicht schnell genug von den Angehörigen geborgen werden – wobei viele weitere ihr Leben lassen, da Scharfschützen warten – werden „entsorgt“, verscharrt, verbrannt.

Versucht am Leben zu bleiben
(S. 117)

Sie versuchen es, wirklich. Diejenigen die überlebt haben, denn nach dem ersten Übergriff ist es noch nicht vorbei.
Es hat mich zutiefst beeindruckte – der Umgang der Überlebenden mit den Toten. Der Blick in die Leichenhallen und der Blick in die Herzen und Seelen derjenigen die dort sind, vor Ort und sich kümmern. Schüler, Studenten, die im Geruch des Eiters und der Verwesung unendlich viel Anstand und Würde besitzen. Die die Toten waschen, herrichten und den Angehörigen helfen ihre Verwandten, Kinder, Ehepartner und Freunde zu finden.

Han Kang lässt Ihre Charaktere erzählen. So sieht man mit deren Augen all das Elend und fühlt mit deren Herzen den Schmerz. Besonders die Schilderungen eines verstorbenen Jungen haben mich sprachlos gemacht. Aus seiner Sicht wirkt alles noch erschütternder. Aber auch die Schilderungen aller anderen sind so authentisch dargestellt. Ich habe mit ihnen gefürchtet und gelitten.

Ich denke an die Augen derer, die den Schießbefehl gegeben haben.

Die einzelnen Kapitel sind kurz und zeigen immer den Namen des Charakters und der entsprechenden Jahreszahl an. Es weist einen den Weg durch Zeiten, die waren und zum Teil immer noch sind. Scheinbar weit weg und doch auf diesem Planet. Das was damals geschehen ist und auch heute noch geschieht. Es macht wütend wie alle Welt wegschaut und sich um Nichtigkeiten kümmert.
Trotz der Schwere des Themas hat dieses Buch eine gewisse Leichtigkeit. Die Autorin spielt nicht mit den Worten, sie nutzt sie ganz unkompliziert um einen hereinzuziehen und nie mehr loszulassen. Beeindruckend schonungslos und schonungslos beeindruckend.

„Menschenwerk“ ist voller Blut, Tot, Folter und Leichenberge. Darauf sollte man sich wirklich einstellen und man sollte sich darauf einlassen. Denn neben all den Grausamkeiten ist es noch viel mehr ein Plädoyer für den Mut des Menschsein, nicht zu vergessen und den Verstorbenen den Respekt zu geben, den sie verdient haben.

Die Übergriffe haben seitdem nicht aufgehört und es hat unzählige Gwangjus gegeben…die dennoch wieder auferstanden sind wie Phönix aus der Asche
(S. 206)

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★

– Andere Lesermeinungen –
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Buchdetails
Titel: Menschenwerk
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Han Kang 
Übersetzt aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee 
Verlag: Aufbauverlag
ISBN: 978-3-351-03683-6 [Hardcover, 224 Seiten, 20 €]

2 Kommentare

  1. Puh, das klingt sehr bedrückend. Umso schlimmer, wenn man weiß, dass es keine Fiktion ist, sondern einen realen Hintergrund hat.
    Hab vielen Dank für diese Buchvorstellung.
    LG Gabi

    1. Ich danke dir für dein Kommi liebe Gabi.
      Es ist wirklich bedrückend auch weil es so „nebenbei“ erzählt wird. Harter Tobak und
      doch sehr lesenswert.
      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende für dich
      Kerstin

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