„Loney“

LoneyCover: © Ullstein

Traumata

Einsam oder ursprünglich? Vermutlich beides, diese Gegend um Coldbarrow, den Felsen bei Thessaly und dem sandigen Abschnitt um „The Loney“.
„Ein plötzlicher Nebel, ein Murmeln des Donners über dem Meer, der Wind, der seine Ernte aus alten Knochen und Abfall über den Strand trieb, reichte manchmal aus, um einen das Gefühl zu vermitteln, dass sich etwas ereignen würde. Nur was genau wusste ich nicht.“ (Buch Seite 49)

Genau so habe ich auch dieses Buch und die Geschichte empfunden – da ist etwas im Busch. Geheimnisse, die so weit zurückliegen und nun, durch die Erzählungen von dem erwachsenen Tonto, Stückchenweise hervorgeholt werden.

Aber erst einmal kurz zur Geschichte:
Karwoche 1976, die Gruppe um die Kinder Tonto und Hanny pilgern wie alljährlich an die Küste Nordenglands. Eine Pflichtveranstaltung für die Erwachsenen und ein Abenteuer für die 2 Jungs, denkt man. In der düsteren Atmosphäre, geprägt vom Glauben und Unglauben, entspringt eine unheilvolle Geschichte, die nun 30 Jahre später, aufgearbeitet werden. Ein Geheimnis, dass viele andere enthält und so furchtbar ist, dass es ein Traumata auslöst um ein anderes zu „heilen“.

Ich liebe dieses Buch. Diesen weißen, besonderen und edlen Schutzumschlag, der einem so ein bisschen Heile Welt vorgaukelt um dann im Inneren einer Geschichte zu begegnen, die genauso tiefschwarz ist wie das Buch.

Tontos Erzählungen sind sehr eingängig. Er schildert diese Zeit seiner Kindheit und den damit verbundenen Menschen. Seine Mutter (Mummy) ist eine sehr gläubige Frau und ihr, wie sie meint von Gott, auferlegtes Schicksal ist der jüngere Sohn Hanny. Hanny spricht nicht, scheint zurückgeblieben aber ist doch ein cleverer Junge der die Welt mit seinen Augen sieht und in dem größeren Bruder Tonto einen Seelenverwandten der besonderen Art hat.

Gerade die Verbindung dieser 2 Kinder wurden in dem Buch wunderschön beschrieben. Der Große, der auf den Kleinen aufpasst, ihn ohne Worte versteht und ihn schützt wo Schutz notwendig ist. Hannys „Behinderung“ konnte ich am Anfang gar nicht richtig zuordnen. Ist er nun autistisch veranlagt oder hat er ein Defizit das durch Krankheit oder Gendefekt verursacht wurde? Im Laufe der Geschichte wurde mir aber klar das nichts von alldem zutraf. Es war für mich mehr ein Verschließen des Jungen aufgrund dieses exzessiven Ausleben des mütterlichen Glaubens. Der Vater (Farther spielte da fast nur eine Statistenrolle)

Erschreckend lasen sich viele der Szenen um die Geistlichen, den Menschen in dieser einsamen Gegend und den verschlungenen Pfaden um Legenden, Aberglaube und Missverständnisse. Es war ein Suchen nach dem Glauben und ein Weglaufen davor. Sehr intensiv in den Schilderungen.

Viele der Protagonisten erscheinen einem anfänglich als belanglos und doch „spielen“ sich alle in ihren Rollen ein. Diese Elsa, hochschwanger, hat dabei eine sehr extreme Rolle und verwirrte nicht nur Hanny. Auch diese Männer Clement, Parkinson und Collier empfand ich als sehr gut dargestellt. Gerade sie fügten dieser Geschichte ein unheilvolles Etwas bei, dass wirklich bis ganz zum Schluß aufgehoben wurde um dann mit so einer brachialen Gewalt ein Traumata auslöste und löste. Ein Wunder? Nein, bestimmt nicht so, wie es alle in der Geschichte angesehen haben. Außer Tonto und Hanny – diese 2 Jungen, deren Geheimnis selbst 30 Jahre später immer noch in ihren Köpfen schwirrt und endlich raus will.

Eine großartige Geschichte auf die man sich einlassen muss – offen und interessiert gegenüber der damaligen Zeit.
In allen Belangen – dem Glauben, dem Irrglauben, den Handlungen und Misshandlungen, den Wünschen, den Träumen.
Vieles hat mich erschüttert aber letztendlich wurde ich eingelullt durch diese Geschichte.
Anspruchsvoll. Keine laute Geschichte, sondern eher ein leises literarisches Flüstern.
Wie Ebbe und Flut offenbart und verbirgt sie.
Mal mehr, mal weniger – aber immer wieder überraschend.
Ein sehr gelungenes Debüt.

5 von 5 Sternen
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Buchdetails
Titel: Loney
Erscheinungsdatum: 09.09.2016
AutorIn: Andrew Michael Hurley
Verlag: Ullstein
384 Seiten

Kosten:
Hardcover: 22,00
Ebook: 18,99 €
ISBN: 978-3-550-08137-8

2 Kommentare

  1. Was für eine wunderschöne Rezension. Wirklich ganz toll geschrieben!
    Mit dem Buch liebäugel ich ja schon eine ganze Weile, aber so richtig überzeugt hat es mich noch nicht. Hab auch sehr gemischte Stimmen dazu gehört. Aber nach dieser Rezension muss es jetzt vielleicht doch bald auf die Wunschliste kommen… 😉
    Ganz liebe Grüße

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