„Kindersucher“

Kindersucher

 

Erscheinungsdatum: 17.09.2012
AutorIn: Paul Grossmann
Verlag: Aufbau Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3746628417
Flexibler Einband: 368 Seiten
Sprache: Deutsch
Kosten: 9,99 €

 


3 von 5 Sternen ~ Rezensiert von Kasin

14.04.2016

Ein Schlachthof der Grausamkeiten

Manchmal frage ich mich warum man grauenvolle und schreckliche Dinge immer noch toppen muss, durch noch grauenvolleres und noch schrecklicheres.
Dieses als Kriminalroman betitelte Buch hat so viele Elemente von Horror, dass mich die Genrezuordnung wirklich überraschte.

Vielleicht waren es aber auch die Assoziationen die bei mir Personen, Begebenheiten und Beschreibungen hervorriefen, dass mir diese fiktive Geschichte doch hier und da automatisch Bilder im Kopf erschienen ließ, die sich einige Jahre später (als diese Geschichte spielt) doch so oder so ähnlich zugetragen hat.

Als bestes Beispiel dafür fand die Szenerie am Centralviehschlachthof. 
Der einrollende Zug mit seinen Waggons, mehrere Stunden unterwegs, quitschende Bremsen, aufgestossenen Türen.
„….während sie von Männern mit Stöcken weitergetrieben wurden. Dann wurden sie durch Pferche einzeln über die Rampe getrieben, wo sie von anderen Männern…bereits erwartet wurden. Die wenigen, die es nicht schafften, wurden sofort eine Rampe hinab zur Entsorgung getrieben.“ (Buch Seite 82) 
Vielleicht wollte der Autor aber auch genau das erreichen – dass die LeserInnen sich erinnern. 
Das ist ihm bei mir jedenfalls gelungen. 
Generell haben sich bei mir beim lesen die Nackenhaare aufgestellt und Entsetzen hervorgerufen, denn der Kriminalfall hat es wirklich in sich und ich rate empfindliche Gemüter von diesem Buch ab.
Blut, viel Blut sogar, Fleisch in allen Qualitäten und Zuständen. Die Schilderungen im und um das Schlachthaus waren schon eklig.
Da wurde alles verarbeitet was in die Wurst gehört oder kommt und noch ein bisschen mehr!
Für einen Krimi war mir das alles too much. 
In einen Thriller hätte es gepasst.
Verschwundene Kinder, gefundene Knochen, ein jüdischer Ermittler der die Vorurteile und Anfeindungen von allen Seiten zu spüren bekommt. Nachbarn die einst gut befreundet waren wenden sich ab, Kollegen schmähen und beleidigen, Männer in braunen Hemden und einem markantem Abzeichen kommen immer öfter vor und je weiter die Geschichte in der Zeit voranschreitet um so mehr wird die Stimmung dieser Jahre wiedergegeben. Auch das ist dem Autor sehr gut gelungen. Der Hauptprotagonist Willi Kraus ist in seinem Leben und seinem Charakter außerordentlich gut dargestellt. Ein Familienmensch, selbst Vater von zwei Kindern kann nicht von diesem Fall lassen, obwohl er gar nicht ermitteln darf. Er ist hartnäckig, intelligent und einfühlsam. Seine Suche nach dem Täter, der Kinder verschleppt, offenbart eine absolut unvorstellbare Geschichte.
…entführt, verarbeitet, verkauft…“ Ja, genauso in dieser Reihenfolge! Bis dahin hätte ich es ja noch als lesenwert empfunden und mindestens 4 Sterne aufgrund des authentischen Settings vergeben. Berlin im Jahre 1929, alles geht irgendwie den Bach runter in dieser pulsierenden Stadt.
Der Schreibstil ist unkompliziert, schweift manchmal etwas zu sehr in Details ab, hat aber einen deutlichen Wiedererkennungswert.Aber dann wurde mir „KINDERSUCHER“ von Autor Paul Grossman doch zu umfangreich. 
Die Gräuel die diese Entführungsfälle ausmachten, den Hintergrund  zu Täter und Taten hatten gerade noch Sinn und Authentizität. 
Doch  dann wurde alles ergänzt durch noch mehr Gräuel, auf den letzten 100 Seiten, worauf ich gerne verzichtet hätte. Hier hatte ich den Eindruck dass es nur noch um eine Steigerung der Perversionen ging, obwohl gar keine nötig war.
Alles nahm auf einmal ein irres Tempo an, die kleinen Details zu dieser Stadt und den Menschen, blieben aus. Schnell noch ein paar Erklärungen als Epilog – und fertig. 
Schade, eine Geschichte in die ich anfänglich abtauchen konnte, historisch wirklich gut recherchiert, wurde zu einem Wirrwarr an Tätern und die Opfer blieben dabei auf der Strecke.
Ich vergebe 3 von 5 Sternen.
Um Kommissar Kraus gibt es noch
Band 1: Schlafwandler
Band 3: Schattenmann

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