„Geständnisse“ von Kanae Minato | Janna |

Zahnrad-Erzählungen

Inhalt laut Verlag:

Die kleine Tochter der alleinerziehenden Lehrerin Moriguchi ist im Schulschwimmbad ertrunken; ein tragischer Unfall, wie es scheint. Wenige Wochen später kündigt Moriguchi ihre Stelle an der Schule, doch zuvor will sie ihrer Klasse noch eine letzte Lektion mit auf den Weg geben. Denn sie weiß, dass ihre Schüler Schuld am Tod ihrer Tochter haben. Mit einer erschütternden Offenbarung setzt sie unter ihnen ein tödliches Drama um Schuld und Rache, um Gewalt und Wahnsinn in Gang, an dessen Ende keiner – weder Kind noch Erwachsener – ungeschoren davonkommt.

Einen besseren Titel hätte das Buch nicht haben können, nur bin ich mal wieder vom deutschen Cover irritiert. Wunderschön – keine Frage! Jedoch hat der Apfel keine weitere Bedeutung im Buch. Dies ist absolut kein Kriterium dafür ob der Inhalt überzeugt oder nicht, finde ich nur immer etwas schade. Aber die Geschichte selbst überzeugt mich dafür auf ganzer Linie!

Bei einer Rezension sollte grundlegend neugierig gemacht werden, aber es darf auch nicht zu viel verraten werden – macht das Besprechen dieses Buches nicht gerade leicht. Eine Geschichte die auf verschiedenen Ebene so ganz anders ist, als ich es erwartet hatte. Schon der Schreibstil hat seinen ganz eigenen Reiz, welcher bestimmt nicht jeden Leser anspricht. Ich empfehle hier die Leseprobe vor dem Buchkauf zu lesen.

Sechs Abschnitte – sechs Geständnisse, alle aus der Sicht verschiedener Ich-Erzähler. Es beginnt und endet mit der Lehrerin Yũko Moriguchi. Sie steht vor ihrer Klasse und hält einen Monolog mit verschiedenen Anekdoten und Erzählungen und ich fragte mich in welchem Zusammenhang dies im weiteren Verlauf steht, ob es überhaupt eine Bedeutung bezüglich des Todesfalls hat. Definitiv sollten ihre Worte aufmerksam gelesen werden, denn zum Ende ihrer Erzählung wird deutlich das all dies wie in einem Zahnrad miteinander verbunden ist. Kein Wort ist unbedacht gesagt oder bedeutungslos und ist doch nur ein kleiner Teil der Wahrheit.

Autorin Kanae Minato schafft es mit einer ruhigen Erzählweise bereits auf den ersten sechzig Seiten eine Spirale an Gedanken entstehen zu lassen! Übertragung und Entzug der eigenen Verantwortung, Schuldfragen, sich der Konsequenz der eignen Taten entziehen oder bewusst die Augen vor der Wahrheit verschließen. Sie hat es geschafft gewaltige Denkanstöße mit einfließen zu lassen, ohne jedoch gezielt moralisch darauf einzugehen.
Auch nach dem Beenden des Buches ist es nicht leicht, sich die eigenen entstandenen Fragen zu beantworten. Die verschiedenen Sichtweisen zeigen die Subjektivität der eigenen Wahrnehmung – wo also beginnt die Tragödie? Ganz automatisch fühlte ich mich beim Lesen an ein Zahnrad erinnert, welches sich nach und nach miteinander verhakt und sich in Bewegung setzt.

Wer ist hier letztendlich zu tadeln?
(S. 35)

Die Autorin setzt sich tiefgreifend mit der Geschichte auseinander, das Wer und Wie tritt in den Hintergrund. Die erste Perspektive lässt ein Bild der Ereignisse entstehen, wobei die weiteren Sichtweisen wie Wasser sind, die eben dieses zerlaufen lassen. Wahrnehmungen und Interpretationen sind grundlegend subjektiv und auf eben dies weist die Autorin immer wieder hin. Nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Auf jede Handlung folgt eine Konsequenz, doch findet sich eine Antwort auf den Beginn der Tragödie?

Kanae Minato hat eine Geschichte erschaffen, welche ich so schnell nicht vergessen werde, mit Wendungen die ich nicht erwartet hatte!

                                         Filmische Umsetzung Spoiler zum Buch
Setze ich den Film dem direkten Vergleich zum Buch aus, so ist ganz klar (wie bei den meisten Buchverfilmungen) das geschriebene Wort eindringlicher und umfangreicher. In Filmen werden grundlegend verschiedene Ereignisse gekürzt oder gänzlich auf bestimmte Szenen verzichtet – hier jedoch fehlt mir der eine für Shũya ausschlaggebende Satz seiner Mutter! Sein Antrieb wird auch ohne die Worte seiner Mutter deutlich und doch war dieser im Buch eben eines dieser kleinen Räder, welches das große Zahnrad in Bewegung setzte.

Wenn dir etwas zustoßen sollte, würde ich das Versprechen vergessen und sofort zu dir eilen.
(S. 213)

Dieser Satz erklärte Rückblickend verschiedene Handlungen von Shũya und leider begegneten mir mehrere Szenen, welche mich unzufrieden zurückließen. Aber nur im direkten Vergleich zum Buch! Denn für sich alleine ist dieser Film ein kleines Kunstwerk. Im Film werden die Geständnisse nicht chronologisch aufgezeigt, sondern vermischen sich miteinander und bestimmte Szenen des einen Täters gehen dabei leider verloren. Dadurch wird der Geschichte der Tiefgang genommen, dies jedoch wird an anderer Stelle wieder gut gemacht. Im Buch nimmt die ‚Rückwärtsuhr‘ nur eine kleine Rolle ein, im Film jedoch wird die Wichtigkeit dessen schmerzhaft verdeutlicht.
Genau wie das Buch, wird auch der Film nicht jeden ansprechen. Wer jedoch japanische Filme und eine besondere Umsetzung mag, dem wünsche ich einen fein düster-kunstvollen Abend!

Rezension verfasst von © Janna
★★★★★

1 Buch – 2 Meinungen | Kerstins Rezension

– Weitere Lesermeinungen –
Leseblick (Andrea)
Life for books (Christin)
Julias Wunderland (Julia)

     Buchdetails
Titel: Geständnisse
Buchreihe: Einzelband 
AutorIn: Kanae Minato 
Übersetzt aus dem Englischen: Sabine Lohmann || Original: Japanisch ||
Verlag: C. Bertelsmann 
ISBN: 978-3-570-10290-9 [Hardcover]
— Rezensionsexemplar —

22 Kommentare

  1. Liebe Janna,
    das klingt richtig gut und landet auf meiner Wunschliste! 🙂
    Jetzt schau ich noch schnell bei Kerstins Rezi dazu vorbei.
    LG Ela

    1. Hey meine Feine, ich kann dir diesen Roman nur empfehlen und habe deinen Kommi bei Kerstin mit einem Auge gelesen – nix da Wochen, d.i.e.s.e. Woche ;D

  2. Liebe Janna,

    das ist eine wunderschöne Rezension geworden! Das Buch ist schon länger auf meiner Wunschliste, weil bereits die ersten Meinungen so begeistert waren und ich bin sicher, dass es mir ebenso gut gefallen wird! Ich hoffe sehr, dass ich es bald lesen werde. Der Film steht nämlich auch noch auf dem Programm! 🙂

    GlG vom monerl

    1. Liebe ‚monerl‘, lieben Dank für das Kompliment! Ich kann dir das Buch wirklich nur empfehlen und bin schon sehr gespannt auf deine Eindrücke! Der Film ist auch fein, sollte aber nicht zu dicht nach dem auslesen geschaut werden 😉

      Hab einen sonnigen Tag!

  3. Hallöchen liebe Janna,
    Also mit asiatischen Autoren habe ich bisher eher schlechte Erfahrungen gemacht (siehe Han Kang, Haruki Murakami etc). Mit den Schreibweisen kann ich irgendwie so gar nichts anfangen. Aber dieses Buch klingt wirklich gut und ich hab total Lust auf das Buch zu bekommen. Ich werde glaube ich wirklich mal in die Leseprobe reinlesen. Und dann mal schauen, ob wir es in unserer Bücherei haben, denn kaufen werde ich es mir glaube ich nicht –dafür bin ich noch zu skeptisch. 😉 Aber deine Vorstellung ist wirklich gelungen. Verrät nicht zu viel, aber macht Lust auf die Lektüre.
    Liebe Grüße :*

    1. Hey meine Feine!

      Ich kann das absolut verstehen, auch französische Bücher sind nicht für jeden was – man merkt dann doch beim Lesen die Unterschiede bei bestimmten Ländern.
      Ich wurde von Minatos Schreibstil regelrecht in die Geschichte gezogen, ich liebe es ja, wenn mir eine neue Art der Erzählung begegnet (= und die Leseprobe gibt einen wirklich guten Einblick. Ich hoffe das Buch findet sich in „deiner“ Bib!

      Liebe Grüße zurück :-*

  4. Hab vielen Dank für den LInk zur Leseprobe. Dieser Ausschnitt aus dem Buch hat mich nochmal daran bestärkt, dass ich das Buch auf meine Leseliste setzen sollte.

    LG Gabi

  5. Hallo,
    mir hat das Buch auch sehr gut gefallen. Die Autorin hatte mich total in ihren Bann geschlagen und ich bin so froh das ich es gelesen habe.
    Wusste gar nicht das es dazu einen Film gibt, aber ich bin mir nicht sicher ob ich den sehen mag. Da ich das Buch mag, vergleiche ich immer so viel dann. Und durch deine kurze Kritik bin ich nicht so überzeugt, ob er dann was für mich ist.
    Liebe Grüße
    Diana von lese-welle.de

    1. Hey Diana, absolut! Das Buch hat einen einnehmenden Sog! Ich Vergleiche auch immer (viel zu stark) und ein Film kann einem Buch meist gar nicht gerecht werden … Du solltest etwas Zeit vergehen lassen und es dann mal probieren, ein wirklich gut gemachter Film!

      Ich wünsch dir noch einen mukkeligen Abend!

    1. Huhu meine Feine, es wird dich begeistern, ganz bestimmt! (= Und wenn nicht … dann hast du einfach keinen guten Geschmack 😀 😀 :-*

      Wünsch dir noch `nen feinen Abend!

  6. Liebe Janna,
    vielen Dank für Deine Rezension. Um das Buch „schleiche“ ich schon länger und war mir nie ganz sicher.
    Aber jetzt bin ich davon überzeugt, dass es mir durchaus gefallen könnte.

    Habe ein tolles Wochenende.
    Liebe Grüße Anja

    1. Huhu Anja,
      ich kann diesen Roman wirklich nur empfehlen! Eine beeindruckende Auseinandersetzung der Thematik Schuld und ineinander fließende Entscheidungen und ihre Konsequenzen.

      Ich wünsch dir einen feinen Sonntag!

  7. Beide Bewertungen haben mich in dem Wunsch bestärkt, dieses Buch zu lesen. Sowohl, da ich mich von der japanischen Kultur angezogen fühle, als auch aus der Tatsache heraus, dass das Thema Schuld – aktive und passive, vorsätzliche sowie unbeabsichtigte – und Wiedergutmachung seit meiner Kindheit Elemente meines Lebens und Denkens/Zweifelns darstellen.
    Die Idee, zwei Meinungen zu einem Buch auf einem Blog zu veröffentlichen, gefällt mir ausnehmend gut.

    1. Na das lese ich doch gerne, wenn meine bzw. unsere Besprechungen zum lesen verführen! Das Thema ist sehr gut aufgegriffen und umgesetzt worden, ohne jedoch mit dem moralischen Finger einherzukommen – dies gefiel mir besonders gut. Das die eben dies seit deiner Kindheit begleitet klingt nicht ganz so schön und ich hoffe sehr das du all dies gut verarbeiten konntest?!

      Es freut uns natürlich wenn dich unser Format „! Buch ~ 2 Meinungen“ anspricht!

      Ich wünsch dir noch einen feinen Samstag!

        1. Das freut mich zu hören! Eigene Erlebnisse sensibilisieren für den Umgang mit anderen und wenn diese Erfahrungen keinen großen Schatten auf dein gegenwärtiges Leben werfen umso besser (klingt jetzt total doof formuliert – sorry)

          Ich wünsche dir einen entspannten Sonntagabend!

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