Rezension

„Ellbogen“ von Fatma Aydemir

Inhalt laut Klappentext

Zwischen Deutschland und Türkei – eine junge Frau auf der Suche nach Heimat. Ein warmherziger und wilder Debütroman von Fatma Aydemir

Sie ist siebzehn. Sie ist in Berlin geboren. Sie heißt Hazal Akgündüz. Eigentlich könnte aus ihr eine gewöhnliche Erwachsene werden. Nur dass ihre aus der Türkei eingewanderten Eltern sich in Deutschland fremd fühlen. Und dass Hazal auf ihrer Suche nach Heimat fatale Fehler begeht. Erst ist es nur ein geklauter Lippenstift. Dann stumpfe Gewalt. Als die Polizei hinter ihr her ist, flieht Hazal nach Istanbul, wo sie noch nie zuvor war. Warmherzig und wild erzählt Fatma Aydemir von den vielen Menschen, die zwischen den Kulturen und Nationen leben, und von ihrer Suche nach einem Platz in der Welt. Man will Hazal helfen, man will mit ihr durch die Nacht rennen, man will wissen, wie es mit ihr und mit uns allen weitergeht.


Eine abgefahrene Milieustudie, rotzig, frech, ehrlich!

Klischees – was sind das schon? Vorurteile, Phrasen, abgedroschene Meinungen zu Kulturen, Menschen und deren Gewohnheiten, Sitten, Bräuche?
Braucht man nicht?
Bekommt man aber – auf ganzen 272 Seiten und ich hätte noch viel, viel mehr davon lesen können. Über Hazal, ihre Freunde, ihr Leben, ihre Familie und all das ganze Drumherum.

Die Autorin Fatma Aydemir hat mir mit ihrem Debüt-Roman „Ellbogen“ nicht unbedingt die Augen geöffnet, aber sie hat meine Sichtweise wieder ein stückweit geändert. Zu den Männern, die dominieren und zu den Frauen die sich dominieren lassen. Zu den Töchtern, die Frauen sein möchten aber es nicht dürfen. Zu den Söhnen, die einen höheren „Mehrwehrt“ haben, selbst wenn sie nichts wert sind.
Zu einer Gesellschaft voller unzufriedener und unglücklicher Menschen, die sich beugen und damit im Alltäglichen verschwinden. Unsichtbar und heimatlos in der neuen oder alten, nicht unbedingt freiwillig selbstgewählten Fremde, die nie ein richtiges zu Hause sein wird.
Menschen, deren Geburtsland letztendlich absolut keine Rolle spielt, sondern einzig und alleine das Umfeld, die Familie, die Sippschaft.

Traurig hat mich all das gestimmt. Diese Zwänge und dieses Gezwungene. Aber es hat mich auch großartig unterhalten. Hier und da wusste ich nicht, ob ich Hazal in den Arm nehmen soll zum Trösten oder ob sie nicht einen ganz gewaltigen Tritt in den Hintern verdient hätte.

„Wenn ich selbst etwas darauf gegeben hätte, normal zu sein, dann würde ich immer noch im Wedding sitzen und das brave türkische Mädchen spielen und irgendwann den Sohn eines beschissenen Nachbarn heiraten…“ (Buch Seite 158) 

Hazal, diese junge, gerade mal 18jährige Türkin, die ohne Kopftuch vor die Türe geht, Party macht, gerne einen Joint raucht und mit ihren Freundinnen richtig Spaß haben kann. Im gleichen Atemzug aber noch so viel Kind ist, so unerfahren und ängstlich. Ziel- und orientierungslos und irgendwie müde wirkend angesichts des alltäglichen Trottes und der Gewissheit da niemals heraus zu kommen. Orientierungslose Zukunft, vorgelebt von den Müttern und den Müttern der Mütter. Wer ausbricht und „anders“ ist, scheint schlechter zu sein.

Die Geschichte erzählt Hazal selbst und das ist genau richtig so. Die Ich-Form bringt alle Emotionen erst richtig hervor und wäre in einer Erzählung durch eine andere Person nie so authentisch. Hazals Wut bricht sich langsam aber stetig ihre Bahn. Es hat mich eh verwundert wie lange sie dafür brauchte. Das ausgerechnet ein Fremder darunter leiden muss, machte es nicht besser aber auch nicht schlimmer. Es musste einen erwischen, es war zu erwarten und hat mich nicht überrascht, im Gegenteil, irgendwie habe ich sogar darauf gewartet – Klischee, dass ich nicht lache. Denn erst so machte die Reise Hazals durch ihr Leben und die „Flucht“ nach Istanbul einen Sinn.

„Es ist als ob sich eine Schicht von meinem Geheimnis gelöst hat. Die Fetzten, die von ihm abgefallen sind, wirbeln in mir herum. Sie proben einen kribbeligen, verschissenen Aufstand,…“ (Buch Seite 173)

Es liest sich locker und leicht, fluffig wenn ich das so sagen darf. Angenehm unkompliziert, frisch und erfrischend. Rotzig und frech, wobei es kein Stück vulgär klingt. Die Zwischentöne sind allerdings ein anderes Thema. Istanbul erwartet Hazal mit einem Kulturschock. Die Deutschtürkin muss wohl oder übel erkennen, dass sie auch hier irgendwie fehl am Platz ist – eine Außenseiterin, wieder einmal ohne Perspektive, das hatte sie doch schon zur Genüge. Nur das es hier dann doch etwas anders ist als in Deutschland. Das politische Geschehen wird nur angeritz, der Putsch ist ahnbar aber da Hazal so unwissend ist, erfährt man als Leser eben nur das was gerade geschieht und und was Hazal meint darüber zu wissen – also ziemlich wenig. 

Dieses Buch, diese Geschichte ist gelungen. Die Personen in ihr tragen nicht nur Namen, sondern bekommen ihre eigenen Gesichter und dabei auch jede Menge Fett weg. Egal ob es die kleine schrumpelige Dame mit ihren verkackten fünfunddreißig Cent ist, der dauerhaft stoned wirkende Mehmet oder Gül mit ihren Riesenbrüsten. Letztendlich alles Einzelgänger in einer riesigen Gemeinschaft.

„Einsamkeit kann man nicht teilen…“ (Buch Seite 251)

Für mich ein lesenswertes Debüt, ehrlich und offen, niveauvoll trotz oder auch wegen der sprachlichen Gestaltung und anklagend, ohne dabei den Zeigefinger zu erheben – nein, es war eher der Mittelfinger.

verfasst von © Kerstin
★☆

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 Buchdetails
Titel: Ellbogen
Buchreihe: Einzelband

Autorin: Fatma Aydemir
Verlag: Hanser 

ISBN: 978-3-446-25441-1 [Gebundene Ausgabe, 272 Seiten, 20,00 €]

7 Gedanken zu „„Ellbogen“ von Fatma Aydemir

  1. Du hast mal wieder eine richtig tolle Rezension geschrieben, liebe Kerstin. Und triffst mit deinen Worten den Nagel auf den Kopf.
    Ich habe mir ja selbst verboten, deine Meinung zu lesen, bevor ich nicht meine Rezension geschrieben habe. Aber die ist heute endlich fertig geworden und nun konnte ich endlich deine lesen. Du wurdest natürlich auch direkt verlinkt. Hoffe, das war ok.
    Ja, aber wie wir ja schon beim gemeinsamen Lesen gemerkt haben, ging es uns recht ähnlich mit dem Buch. Hazal als toughe und gleichzeitig verletzliche Protagonistin.
    Ich finde ja, deine Worte beschreiben es perfekt: Man weiß nicht, ob man sie in die Arme nehmen oder ihr lieber einen Arschtritt geben soll. Das fasst es ganz gut zusammen, finde ich. 🙂
    Also ein ganz großes Lob für deine großartige Buchbesprechung.
    Liebste Grüße, Julia

    1. Hallo liebe Julia,
      wow, danke für Deinen lieben Worte.
      Ich würde lügen wenn ich sagen würde das geht nicht runter wie Öl 🙂
      Das Buch was wirklich großartig. Daran werde ich noch oft denken müssen. So schnell war ich schon lange nicht mehr mit einem Buch durch.
      Deine Rezi komme ich heute noch lesen, verlinke dich dann auch noch.
      Danke Dir auch fürs verlinken
      Liebe Grüße
      Kerstin

      1. Ja, das kenne ich ja selbst. Man ist immer so kritisch mit seinen eigenen Beiträgen. Da tut es gut, mal was Positives zu hören. Und es ist auch wirklich jedes Wort ernst gemeint. Ich war wirklich beeindruckt von deinem Beitrag. Sehr reflektiert und differenziert. Und dann auch noch so schön ausgedrückt.
        Naja, so, jetzt aber auch genug, sonst werden wir ja alle noch ganz rot. 😛
        Bin schon gespannt, was du zu meiner Rezi sagst. 🙂
        LG

  2. Liebe Kerstin,

    du schreibst so wundervolle Rezensionen, ich wünscht ICH könnte das 😀 Und du hast dir wunderbare Zitate herausgesucht, die das Buch bestens beschreiben. Danke dass ich es zusammen mit euch lesen durfte und DANKE für das kleine Gespräch gestern – ohne hätte ich vor Frust wahrscheinlich ein paar Tränchen verdrückt 😉

    Liebste Grüße und schöne Ostern,
    Antonie alias Lesewahn

    1. Oooh liebe Antonia,
      Danke für Deine lieben Worte, das berührt mich sehr. Es hat Spaß gemacht und das Buch ist wirklich lesenswert gewesen und wird mir jedenfalls lange in Erinnerung bleiben. Zusammen ein Buch zu lesen macht so irre Spaß
      Liebe Grüße
      Kerstin

  3. Dieses Buch ist ehrlich außergewöhnlich. Die Sprache, das Thema und vor allem die Hauptperson. Ich konnte mich mit ihr nicht wirklich anfreunden , doch ich glaube Hazal würd das auch gar nicht wollen…
    Frohe Ostern
    Silvia

    1. Hallo Silvia,
      *lach*, nein ich glaube Hazal würde das wirklich nicht wollen 🙂
      Außergewöhnlich stimmt total. Hazal wird mir lange nachgehen
      Auch Dir schöne Ostern
      Liebe Grüße
      Kerstin

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