„Durst“ | Jo Nesbø

„Ich bin wieder hier“ flüsterte Harry Hole
(S. 6)

Inhalt laut Verlag

Ein Serienkiller findet seine Opfer über die Dating-App Tinder. Die Osloer Polizei hat keine Spur. Der einzige Spezialist für Serientäter, Harry Hole, unterrichtet an der Polizeihochschule, weil er mehr Zeit für seine Frau Rakel und ihren Sohn Oleg haben möchte. Doch Holes alter Chef Mikael Bellmann kennt Olegs Vergangenheit und setzt Hole unter Druck. Der Kommissar gibt schließlich nach und arbeitet hochkonzentriert mit seinen Leuten an dem Fall. In einer Atmosphäre der Angst zögern viele Frauen, sich weiter über die App zu verabreden. Die schlimmsten Befürchtungen werden wahr, als tatsächlich eine weitere junge Frau verschwindet, ausgerechnet eine Kellnerin aus Holes Stammlokal. Und der Kommissar kann nicht länger die Augen davor verschließen, dass der Mörder für ihn kein Unbekannter ist.

Das erste Mal habe ich diesen Typen in Australien kennengelernt und es hatte sofort „gefunkt“. Der Charakter Harry Hole mochte ein schwieriger sein, aber als Mensch war er mir doch schon einmalig. Und so freute ich mich bei jedem neuen Band über ihn und seine Geschichten.
Wohin es einen überall verschlug, war schon großartig. Von den Opiumhöllen in Thailand zu den bitterkalten Osloer Weihnachtstagen. Von Auftragskillern, Nazis und Serienmördern begleitet. Es wuchs – mein Verlangen, mehr und mehr von Harry Hole zu lesen und der Autor lies sich nicht lumpen. Ein Band nach dem nächsten und dann – Stille – kein Harry Hole mehr. Nach „Die Larve“ kam erst einmal nichts.

Um so größer meine Freude, als es mit „Koma“ endlich weiterging, auch wenn ich da schon große Ängste um diesen Kerl hatte. Harry, der Polizist, aufgestiegen in der Hierarchie der Polizei und dazwischen des Öfteren richtig tief runter geknallt. Oft genug war er selbst daran schuld. Seine Geister trieben ihn immer und immer wieder zu seinem persönlichen Teufel – dem Alkohol.

Wir mögen nicht das Gleiche, aber wir hassen dasselbe
(S. 555)

Aber was wäre ein Charakter, wenn er nicht Stärke genug entwickeln könnte, um sich und seine Sucht in den Griff zu bekommen. Hier hat der Autor Jo Nesbø ein ganz heißes Eisen geschmiedet. Die immer wiederkehrende Sucht Harrys, seine Abstürze und Ausfälle, haben es mit Sicherheit nicht jedem*r Leser*in leicht gemacht. Ihn, den Säufer, zu mögen hat auch mich manchmal zweifeln lassen. Und doch konnte ich es verzeihen, seltsam, aber so war und ist es. Vielleicht lag es daran das er nie andere zu Schaden kommen lies, sondern nur sich selbst dabei verletzte, körperlich und seelisch. Ein armer Teufel, der in meiner Riege der Charaktere aus Büchern, auf Platz 1 ist und es aller Wahrscheinlichkeit auch bleiben wird. Harry Hole ist und bleibt einfach ein Unikat. Es kamen einige nach ihm, die sich mit dem ähnlichen Problem rumschlugen, aber er bleibt unerreicht.

Als „Durst“ in den ersten Vorschauen erschien, war mein Gedanken, oh nein, bitte lass den Titel nicht wahr werden. Er war doch davon. Hatte ein neues Leben, eine Familie, Freude am neuen Beruf als Dozent und dann das? Wer in das Buch einsteigt, merkt aber sehr schnell dass es auch andere Dinge gibt, nach denen es einen dürsten kann.

Vielleicht war er doch noch nicht ganz in den Bann gezogen worden, vielleicht hatte er sich doch verändert.
(S. 177)

So kommt es dann das Harry doch wieder als Ermittler arbeitet, obwohl er sich sträubt. Als Teil einer Ermittlertruppe um Katrine und Truls, bildet er wieder ein die Vorhut eines solides Team. Die Recherchen und Laufarbeiten sind gleichermaßen Teil der Geschichte, wie Vermutungen, Hintergründe, Verdächtige und natürlich die Opfer. Das Motiv bleibt allerdings lange im Dunkeln. Das gibt genügend Spielraum zum Miträtseln und sorgt für fieberhafter Spannung.

„Durst“ ist modern, sehr sogar. Eine App als Grundlage für einen Mordfall. Frauen und Männer die über diese Dating-App Partner suchen. Für eine Nacht, oder das ganze Leben. Für manche aber entpuppt sich die Suche nach dem Traummann als Alptraum. Denn der Killer hat bei dieser Auswahl die sich ihm bietet, wohl die Qual der Wahl. Seine Visionen und besonders sein Vorgehen sind schon sehr grenzwertig. Was treibt ihn an? Was hat diesen enormen Durst ausgelöst und wie kann man ihn stoppen?

Neben all den Ermittlungen um den Mordfall, gibt es gewohnt viele Einblicke in die Privatleben der einzelnen Charaktere. Das lockert auf, lässt einen alle menschlicher (oder eben nicht) vorkommen und zeigt, dass auch all die Polizisten, gleich welcher Stellung, ihr Sorgen und Ängste haben. Gleichermaßen aber auch Spaß am Leben. Bei Harry spielt seine Familie, die er noch gar nicht so lange hat, die Hauptrolle und besonders seine Beziehung zu Oleg, dem Sohn seiner Lebensgefährtin, ist sehr väterlich.

Es gibt so manche actionreiche Szene bei der Jagd nach dem Killer. Da kommen auch mal Sondereinheiten zum Zuge. Aber es überwiegt deutlich die ruhigere Arbeit. Das Schnüffeln und Graben nach alten Geschichten und warum ausgerechnet ein alter Fall Harrys und damit ein Kontrahent der besonderen Art wichtig wird, kommt immer mehr zum Vorschein.

Nichts ist für immer, das Leben…ist in ständiger Veränderung. Das macht es so schmerzhaft, aber auch so lebendig.
(S.437 )

Harry Hole ist nicht mehr der Alte, er ist in die Jahre gekommen. Doch genau das steht ihm. Weiter so, bitte!

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★

– Andere Lesermeinungen –
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Buchdetails
Titel: Durst
Buchreihe:11. Band
Autor: Jo Nesbø
Übersetzt aus dem Norwegischen von: Günther Frauenlob
Originaltitel: Tørst
Verlag:Ullstein| 
ISBN: 9783550081729 [Hardcover, 624 Seiten, 24 €]
— Vorablesen – Exemplar ~ Vielen Dank —
       Harry Hole – Reihe

Band 1 ~ „Der Fledermausmann
Band 2 ~ „Kakerlaken
Band 3 ~ „Rotkehlchen
Band 4 ~ „Die Fährte
Band 5 ~ „Das fünfte Zeichen
Band 6 ~ „Der Erlöser
Band 7 ~ „Schneemann“
Band 8 ~ „Der Leopard
Band 9 ~ „Die Larve
Band 10 ~ „Koma
Band 11 ~ „Durst


11 Kommentare

  1. Liebe Kerstin,
    Wow, was für eine tolle Rezension. Du hast mir mit deiner Buchbesprechung richtig Lust auf den neuen Thriller gemacht. Und das, obwohl ich mich eigentlich schon davon verabschiedet hatte, dieses Buch zu lesen, weil ich viele negative und enttäuschte Meinungen dazu gehört habe. Aber was du schreibst spricht mich sehr an. Außerdem habe ich durch deine Worte zum Charakter Harry Hole ganz nostalgische Gefühle bekommen und mich erinnert, warum auch ich die Reihe bisher so mochte.
    Gabi fand das Buch ja auch gut und jetzt habt ihr mich dazu gebracht, dass ich das Buch doch wieder auf meine Leseliste setze. 🙂
    Liebste Grüße und ein schönes Wochenende, Julia

    1. Hallo liebe Julia,
      da freue ich mich gleich doppelt. Das die Rezension dir gefällt und das du Harry doch noch auf sie Leseliste packst.
      Im Sachen Nostalgie werde ich mein Wissen über den Schneemann nächste Woche auffrischen. Kinokarten sind vorbestellt und ich bin so gespannt. Auch ob der Schauspieler an Harry herankommt 🙂
      Wünsche dir auch ein schönes Wochenende
      Liebe Grüße
      Kerstin

      1. Uhi, wie cool. Da musst du dann bitte unbedingt berichten, wie es war. Wir wollten eigentlich auch ins Kino gehen, aber an dem Tag ist dann was dazwischen gekommen und jetzt zeigt unser kleines Kino hier den Film nicht mehr in OV. Mal sehen, ob wir ihn uns trotzdem noch angucken. Werde ich vielleicht davon abhängig machen, wie deine Meinung ausfällt. 😉
        LG

  2. Harry Hole ist eine meiner allerliebsten Romanfiguren überhaupt! Und Du hast sein komplexes Wesen gut eingefangen. Ich finde ihn alleine schon faszinierend – und dann muss er sich mit Mordfällen befassen, die es in sich haben. Außerdem sind um ihn herum eine Reihe von Nebenfiguren, vor allem aus dem Kollegenkreis, die auch immer dabei sind. Deshalb finde ich es auch schwierig, ein Buch aus der Reihe herauszupicken und empfehle immer die komplette Reihe. Auch wenn ich Dir recht gebe, dass die ersten Bände die schwächsten sind, aber wenn man der Reihe nach liest, steigert es sich von Band zu Band und das ist ja auch nicht übel.

    Ich freue mich schon sehr auf die Verfilmung des Schneemann und hoffe, dass sie die Atmosphäre der Bücher gut rüberbringt. Wirst Du Dir den Film ansehen?

    Ach ja, nächste Woche geht dann meine Rezension zum Buch online und ich verlinke Deine gleich mal.

    LG Gabi

    1. Hallo Gabi
      wir liegen in Sachen Harry auf einer Wellenlänge. Die Steigerung stimmt. Alle Bücher sind toll aber jedes neue wird irgendwie besser. Ob es weitergeht? Ich warte ja jetzt schon 🙂
      Den Schneemann möchte ich unbedingt sehen bin mir aber nicht sicher ob ich die Zeit im Kinosessel wegen meinem doofen Rücken genießen kann. Aber ich werde es versuchen.
      Auf deine Rezi bin ich irre gespannt. Danke fürs verlinken. Werde ich dann auch nachholen.
      Liebe Grüße und hab einen schönen Sonntag
      Kerstin

      1. Ich glaube, Jo Nesbø hatte mal eine Phase, in der er keinen Spaß mehr an Harry Hole hatte und überlegt hat, die Serie nicht mehr weiter zu verfolgen. In der Zeit hat er auch andere Bücher geschrieben. Gerade bei dem aktuellen Band habe ich aber das Gefühl, er hat selbst wieder viel Vergnügen an dieser literarischen Figur und deshalb hoffe ich auf noch viele weitere Bände!
        LG Gabi

        1. Das Buch „Der Sohn“ fand ich auch toll aber auf die anderen habe ich verzichtet. Es ist bestimmt schwer solch einen starken Charakter auch zu erhalten ohne das er seine Glaubwürdigkeit verliert. In Durst fand ich es sehr gelungen und bin echt gespannt ob da mal wieder was kommt 🙂

          1. Ich war 2013 bei einer Lesung von Nesbø und da hat er Folgendes über seine langfristigen Pläne mit Harry gesagt:

            „Nesbø habe sich nach Band 3 (Rotkehlchen) hingesetzt und einen Plan angefertigt, wie es mit Harry weiter geht. Diese Langzeit-Übersicht ist bis jetzt noch nicht zu Ende erzählt!! (zur Erklärung: da war „Koma“ gerade frisch erschienen). Allerdings hat Nesbø sich schon bei mehr als einem Band gedacht, es jetzt enden zu lassen, denn Harrys Leben ist manchmal so düster, dass er keine Lust mehr hatte, sich weiter mit ihm zu beschäftigen. Dann, mit einem halben oder ganzen Jahr Abstand, juckte es ihn doch wieder in den Fingern, weiterzuschreiben und er fing den nächsten Band an. Wir können also noch auf weitere Harry-Bände hoffen.“

            Und daran halte ich mich fest und bin ganz optimistisch, dass Nesbø genauso viel Spaß an Harry hat wie seine Leser 🙂

            LG Gabi

  3. Also ich muss mich jetzt doch wirklich mal mehr mit Jo Nesbo und seinem Harry Hole beschäftigen. Das reinlesen in Schneemann hat mich schon angefixt und dein Beitrag zu Durst, klingt auch sehr gut.

    Mal eine Frage als Nesbo-Anfänger:
    Sollte ich mit Band 1 anfangen und mich durcharbeiten oder kann man auch ruhigen Gewissens mit Schneemann anfangen?

    1. Hey
      also es lohnen sich alle Bände, der erste ist meiner Meinung nach noch nicht so ausgereift. Aber man lernt Harry und sein Leben eben von Anfang an kennen. Jeder Band ist in sich abgeschlossen und der Schneemann war super. Gemein was? Jetzt hast du die Qual der Wahl 🙂
      Liebe Grüße und lass es mich mal wissen wenn du dich durchliest.
      Kerstin

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