„Die Überfahrt“ von Mats Strandberg

Inhalt laut Klappentext

„Die Passagiere an Bord der schwedischen Ostseefähre Baltic Charisma wollen vor allem eins: sich amüsieren, und zwar um jeden Preis. Ob sie nach der Liebe ihres Lebens suchen oder vor den Dämonen ihres Alltags fliehen – die Nacht ist lang, und der Alkohol fließt reichlich. In dem ganzen Trubel bleiben die beiden dunklen Gestalten unbemerkt, die sich übers Autodeck an Bord schleichen: eine Mutter und ihr Kind. Mit ihnen betritt ein uraltes Grauen das Schiff, und es wird zur tödlichen Falle … “

Eine Seefahrt die ist lustig, eine Seefahrt die ist…..jetzt sollte hier ein Audio-Einspieler sein….stellt es Euch einfach vor: Wellenrauschen, Möwen die rufen, ein Schiffshorn weit entfernt, Stimmengewirr, Lachen und Rufen, Gläser die klimpern, leise Hintergrundmusik – dann ein Cut, ein Schnitt – Schreie aus weiter Entfernung, zerbrechendes Glas, schlagende Türen, Schritte, schnelle Schritte, lautes Rufen und wieder Schreie. Türen die zuknallen, Echos die in den Treppenhäuser widerhallen. PANIK – ANGST und das GRAUEN!!! Willkommen auf der Baltic Charisma – diese Seefahrt vergisst man so schnell nicht.

Direkt vorneweg, die Story ist nicht für zarte Gemüter, auch wenn Roman auf dem Cover steht und bei Spannung einsortiert ist – da ist sehr viel Horror angesiedelt und es wird blutig, sehr blutig sogar. Da wird nicht einfach nur gebissen, es geht stellenweise recht heftig zu.
Empfehlen werde ich das Hörbuch dennoch auf jeden Fall. Diese Geschichte hatte mich so in ihren Bann gezogen und dank der Stimme des Sprechers David Nathan mitten auf und in diese Ostseefähre katapultiert.

Es beginnt eher harmlos, fast schon langatmig. Man betritt mit all diesen Reisenden die Fähre, lädt Koffer ab und bezieht die Kabinen. Manche sind oft dort, manche zum ersten Mal und einige sind von Berufswegen dauerhaft mit der Fähre verbunden.
Es kam mir vor wie eine gelungene Sozialstudie, all diese Männer und Frauen, Familien, Alleinstehenden und Angestellten zu begegnen und zu erfahren was für Emotionen sie mit der Baltic Charisma verbinden. Die einen besaufen sich, andere hadern mit ihrem Schicksal und die nächsten sind einfach noch auf der Suche nach sich oder irgendetwas, das ihrem Leben Sinn geben könnte. Der Alkohol spielt eine große Rolle. Während Familienväter und auch Mütter sich in den unzähligen Bars die Kante geben, sitzen die Kinder herum und müssen das Verhalten der Erwachsenen ertragen. Damit hat der Autor ein ideales Klima gezeichnet. Wünscht man doch dem ein oder anderen die Pest an den Hals, wegen eines Benehmens das derart unterirdisch ist.

Apropos unterirdisch – jetzt kommt was kommen muss – der Schwenk, denn es war klar dass irgendwann die Stimmung kippt. 16 Stunden lang kann man sich nicht anhören wie sich alle besaufen oder in ihren Gedanken ergehen.
Und auch das ist so ruhig und nebenbei erzählt, dass man es kaum glauben kann.
Hier begann für mich all diese Sozialstudien und Vorstellungen der einzelnen Personen Sinn zu machen.
Denn ab hier wollte ich es wissen – wer kommt davon, wer nicht? Was passiert mit denen, die schon zu Lebzeiten Monster sind und was mit denen, die Menschlichkeit nicht nur schreiben können sondern auch leben?

~~~Ab hier besteht Spoiler-Gefahr!~~~

„Wir haben schon viele Namen gehabt“

Dieses im Klappentext als uraltes Grauen beschriebene – jeder kennt es. Diese zwei hier sind etwas anders, die Mutter und ihr Kind. Aus längst vergangenen Zeiten, eigentlich nur auf der Durchreise, aber das Kind hat andere Pläne als Mama und so kommt es zum ersten Biss. Eine Kettenreaktion die nun in Gang gebracht wird. Erst ganz langsam, denn wer sein Blut hergegeben hat und „infiziert“ wurde, bemerkt das nicht direkt. Schleichend auf diesem Schiff, verborgen vor den Augen und Ohren der ohnehin besoffenen Gäste, bis es überhaupt jemand merkt oder versteht was da abgeht.

Hier sind die einzelnen Personen am Zug. Dan Appelgreen, ein abgehalfterter Schlagersänger bekommt zum ersten Mal seit Ewigkeiten das Gefühl Macht zu haben. Philip und seine KollegInnen aus den Bars und Shops übernehmen Verantwortung für etwas, das sie gar nicht zu verantworten haben. Madde und ihre Freundin Zusanne waren die längste Zeit Freundinnen. Vincent und Kalle, eigentlich total frustriert nach einem einschneidenden persönlichen Erlebnis, wollen wieder zusammen finden. Marianne, die einsame Frau findet auf einmal Menschen die ihr Mut machen und alle zusammen sind eine gelungen beschriebene Einheit.
Was ich am faszinierendsten fand war, das man all diese Personen zwar im Vorfeld vorstellt bekam, aber erst dann wenn diese „Sache“ am laufen ist, ein beschreiben der Äußerlichkeiten durch die Augen der anderen und damit ein ganz klares Bild derer bekommt.

Ein weiterer Pluspunkt ist dieses Schiff, die Baltic Charisma. Hunderte von Menschen, Gäste und Angestellte, auf engstem Raum. Keine Möglichkeit einer Flucht, die Ostsee ist zu kalt, die Rettungsboote können nicht bei voller Fahrt herunter gelassen werden.
Kabinen auf mehrere Etagen unter Deck, oben die großen Panoramafenster die einst einen großartigen Blick auf das Deck und die See freigaben und nun zeigen was aus den Menschen wurde.

Die Treppenhäuser sind Fluchtwege und Fallen gleichzeitig. So manche Kabine beherbergt eine Kreatur, die es nur noch nicht weiß. Wer ist gebissen worden und wird sich verwandeln? Wer kann dieser Hölle entkommen?

~~~Spoiler-Ende~~~

Sehr präsent sind die einzelnen Gedanken und Emotionen der unterschiedlichen Personen. Man kann sich hineinversetzen und entwickelt Sympathien genauso wie Antipathien.
Durch die Stimme und die darin befindlichen Stimmungen hat es mir mehr als einmal eine Gänsehaut beschert.
Auch wenn alles einen ganz gewaltigen Touch an Splatter-Elementen aufweist und es besonders zum Ende hin sehr blutig wird, hat es mich fasziniert.
Wegen der Spannung und diesem Unerwarteten.
Wegen dieser mehr als gelungenen Darstellung der Charaktere.
Eine Reise in Abgründe, menschliche und unmenschliche. Sehr authentisch erzählt.

Splatter mit Niveau ~ so würde ich es bezeichnen.

Rezension verfasst von © Kerstin

 

    Buchdetails
Titel: Die Überfahrt
Buchreihe: Einzelband

Autor: Mats Strandberg | Sprecher: David Nathan
Verlag: Argon  [Print – S. Fischer Verlag]

ISBN: 978-3-8398-1543-4 [Audio, 16 Stunden, 3 Minuten]

15 Kommentare

  1. Aaaaaah, das ist DAS Buch wo ihr ständig auf twitter drüber geredet habt *hehe* kommt alles ans Tageslicht!

    also bei spotify gibts den Titel (noch) nicht. Denn die haben viele aus dem Argon Verlag, aber vllt kommt er noch. Ansonsten halt ich Ausschau, denn allein schon der Sprecher ist ein Grund zum hören 😀

    1. So jetzt hab ich Dich hier auch gefunden 🙂
      Jaaaa, sehr unterschiedliche Meinungen gibt es zu diesem Buch. Aber ich hab es echt sehr gerne gehört.
      Wie Du sagst, der Sprecher ist einfach genial und bringt das so klasse rüber.
      Bin gespannt wenn Du es hörst – wie Deine Eindrücke sind.
      Liebe Grüße
      Kerstin

  2. Hallo Kerstin,

    ich hab überhaupt keinen Plan, wie ich bei unserem Twitter-„gespräch“ darauf kam, dass das Hörbuch von Andrea Sawatzki gesprochen wird. Ich hatte das gegoogelt & da wurde sie mir als Sprecherin angezeigt. Das hätte für mich nicht funktioniert.

    David Nathan ist natürlich ein ganz anderes Kaliber und eigentlich fast schon alleiniger Grund, zum Hörbuch zu greifen. Aber deine Empfehlung bei Twitter und jetzt die Rezension machen auch Lust auf die Geschichte, sodass ich es auf meine Wunschliste schiebe (Hörbücher zählen doch nicht zum Buchkaufverbot, oder??? 😉 ).

    Danke & Grüße,

    Jemima

    1. Hallo Jemina,
      also HörBücher gehören bestimmt nicht dazu. Nein. Nein 😉
      David Nathan ist schon ein großartiger Sprecher. Obwohl es so viele ‚Rollen‘ sind die er hier sprechen muss ist es toll gemacht.
      Falls du es hörst bin ich echt gespannt auf deine Meinung
      Liebe Grüße
      Kerstin

  3. Liebe Kerstin,

    ich liebe es ja, in die Gedanken und Emotionen der Charaktere eintauchen zu dürfen und wenn dann noch die Spannung mitspielt, ha, was will mein Bücherherz mehr. Blutig darf es bei mir ja ebenfalls gern sein und so werde ich mir diesen Titel noch genauer ansehen.

    Vielen Dank für deine Rezension.

    Liebe Grüße

    Nisnis

    1. Hallo liebe Nisnis,
      wir sind ja nicht so zimperlich was Bücher angeht ; -) und bei dieser Geschichte war es sehr spannend zu erfahren was für Menschen sich da auf dem Schiff tummeln.
      Liebe Grüße
      Kerstin

  4. Hey!
    Deine Rezension macht richtig Lust auf das Buch (ja, ich habe sie ganz gelesen). Als Hörbuch würde ich es nicht hören, das ist mir zu aufregend. Aber als Buch kann ich mir das sehr gut vorstellen. Allerdings bin ich ja nicht so geduldig mit Büchern. Hier heißt es wohl, so wie ich deine Rezension verstehe, dass ich dem Buch mehr als 20-30 Seiten geben muss, um mich zu packen, da es recht langatmig losgeht.
    Hab eine schöne Woche
    LG
    Yvonne

    1. Hallo Yvonne,
      du hast mich genau richtig verstanden.
      Es braucht mehr als 20-30 Seiten. Bei einem Print hätte ich mich schwer getan. Aber mit dem Hörbuch und der genial gezeichneten Stimmung war ich sehr glücklich und ja, es war stellenweise aufregend 🙂
      Liebe Grüße
      Kerstin

  5. Hallo Kerstin,

    um das Buch schleiche ich ein bisschen herum und jetzt hast du mich neugierig gemacht. Splatter mit Niveau – so etwas liest man doch selten!

    Liebe Grüße,
    Nicole

    1. Hallo Nicole,
      die Meinungen gehen da sehr weit außereinander. Vielleicht liegt es am Unterschied Hörbuch – Print? Aber ich habe es sehr genossen.
      Liebe Grüße
      Kerstin

  6. Ha, die Rezi habe ich jetzt nicht gelesen – mal abgesehen vom letzten Satz. Ich hab mir das Buch nämlich gerade vor ein paar Tagen spontan gekauft als ich es im Laden sah. Strandberg hat mich schon mit der Engelsfors-Trilogie (Zirkel – Feuer – Schlüssel) überzeugen können. Da fand ich vor allem die Charakterzeichnung stark.
    Ich freu mich schon auf das Buch, habe aber eigentlich noch RezEx, die ich erst lesen müsste.

    Liebe Grüße
    Mona

    1. Hallo Mona,
      ich vermeide auch immer die Rezensionen zu lesen wenn ich das Buch eh habe oder haben will.
      Bin gespannt wie es Dir gefällt. Viel Spaß damit
      Liebe Grüße
      Kerstin

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