„Die dunkle Unermesslichkeit des Todes“ von Massimo Carlotto

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„Die Trostworte sind nie an das herangekommen, was du hier siehst. Und das kränkt dich und zermartet dir die Seele, bis du irre wirst vor Schmerz. Und vor Wut.“ (Seite 131)

Nein, ich werde mich hüten den Zeigefinger der Moral zu erheben. Bei einem Krimi Noir ist das einfach unmöglich. Man kann diese Protagonisten weder lieben noch sie hassen. Ihre Geschichten sind zu diffizil, es gibt kein schwarz und kein weiß, sondern nur ein verwischtes Etwas an Grautönen.

Dieser Krimi Noir hatte mich in seiner Intensität mehr als gut unterhalten. So beklemmend stellenweise angesichts der Geschehnisse und Umstände. Wut, Hass, Vergebung und Rache. Die idealen Komponenten um die Protagonisten an den Rand des Wahnsinns zu treiben und damit zu unfassbaren und unglaublichen Taten.

Aber erst einmal kurz zur Geschichte:
Zwei Kleinkriminelle, einer davon Raffaello Beggatio, wollen nur einen Juwelier überfallen. Doch es geht schief, die Polizei erscheint zu früh und die Beiden haben sich dermaßen zugekokst, dass aus einer Geiselnahme ein zweifacher, kaltblütiger Mord
wird. Beggatio wird geschnappt, sein Kumpan entkommt. Lebenslang lautet das Urteil für den Doppelmörder. 

15 Jahre später – Beggatio ist totkrank und er will in Freiheit sterben. Sein Gnadengesuch liegt vor, doch ausgerechnet der Mann, dessen Leben er damals zerstörte, soll ihm vergeben – Silvio Contin, Gatte der ermordeten Carla und Vater des ermordeten 8jährigen Enrico. Kann ein Mensch solch eine Tat verzeihen? 

Dieses Buch habe ich in einem Stück gelesen. Was einfach ist mit den kurzen Kapiteln und den wenigen Protagonisten. Es kristallisiert sich schnell heraus auf was diese Geschichte hinläuft. Geradlinig ohne Geschwafel kommt es aus. Alles auf den Punkt genau. Der Überfall, die Strafe, die Konsequenzen, das Leben und dann mit einem Paukenschlag – die Rache. Wenn ich ehrlich bin – ich habe mitgefiebert. Mit wem? Kann ich nicht verraten!

Es ist immer wieder verblüffend wie schnell man sich auf die eine oder andere Seite ziehen lässt. Gerade bei einem Krimi Noir geht das oftmals mit einem Gewissenskonflikt überein. Was man einst verurteilt, bekommt plötzlich eine ganz andere Tragweite und damit auch eine andere Ansicht. 

In dieser Geschichte geht es fast ausschließlich um Beggatio und Contin. Beide sind abwechselnd am erzählen, über dass was damals geschehen ist und welche Konsequenzen darauf folgten. Der Totkranke, der eigentlich gar keine Vergebung möchte, sondern nur raus aus dem Knast und der Einsame, der nach anfänglicher Scheu bemerkt, dass nun die Chance gekommen ist – denn da draußen ist noch immer unbehelligt der Kumpan von damals.

„Das Leben ist wirklich merkwürdig. Seit fünfzehn Jahren warte ich darauf, dass etwas geschah, wodurch meine Trauer einen Sinn bekam, und jetzt konnte ich aus vollem Recht und ganz in meinem Sinne handeln.“ (Seite 96)

Der Autor Massimo Carlotto hat eine sehr direkt Art zu erzählen. Es wird durchaus mal vulgär, was aber irgendwie passte. Generell würde ich die Sprache im Buch als unkompliziert beschreiben aber dennoch ist da etwas besonderes. Kein Buch das mir die Tränen in die Augen treibt aber doch so einen Kloß im Hals beschwört. 

„Die einzigen beiden Fotos, die ich bei mir behalten hatte,  waren auf dem Metalltisch der Gerichtsmedizin geschossen worden.“ (Seite 16)

Es war zu erahnen, dass Silvio austickt. Der Mann, der solch eine Alltäglichkeit an den Tag legte um irgendwie durchzukommen. Das es aber so schlimm werden würde hat mich doch sehr erschrocken. Mehr aber noch die Tatsache dass es mich im Nachhinein so ein bisschen hat triumphieren lassen. Das passiert mir immer wieder bei diesen ‚dunklen‘ Geschichten. Unverzeihbares verzeihen kann so schwer und gleichzeitig so leicht sein. Auch Beggatio hat mich überrascht, sogar etwas im Positiven gesehen, aber Mitleid? Fehlanzeige. 

Genau deswegen ist mir dieses Buch so wertvoll. Man müsste selbst in solch eine Situation kommen, bevor man auch nur annähernd das Recht zum Urteilen hat. Der Titel des Buches ist wirklich Programm. Die Unermesslichkeit des Todes ist so furchtbar dunkel und es ist kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen.

Rezension von Kerstin 


Vielen herzlichen Dank an die Süddeutsche Zeitung für das Rezensionsexemplar. 

    Buchdetails
Buchcover: © Süddeutsche Zeitung
Titel: Die dunkle Unermesslichkeit des Todes
Buchreihe: Einzelband aus der Edition Krimi Noir 
Autor: Massimo Carlotto
Verlag: Süddeutsche Zeitung 
166 Seiten
ISBN: 978-3-86497-360-4
Erscheinungsdatum: November 2016
          Kosten
Paperback: 8,99 €

4 Kommentare

  1. Interessant, dass es dazu jetzt eine Neuauflage von der SZ gibt. Ich hab damals (anno dazumal *hust*) die Ausgabe von Heyne Hardcore gelesen und war unglaublich angetan von Carlottos Erzählweise. An seine anderen Bücher habe ich mich seitdem aber nicht rangetraut, irgendwie sind mir die thematisch nicht besonders geheuer. Hast Du eins seiner anderen gelesen und vielleicht eine Empfehlung für mich? Nicht dass ich Zeit hätte, ir-gend-was außer der Reihe zu lesen … ^^

    1. :-)))
      Die Erzählweise ist wirklich toll, sehr eingängig und fast schon einlullend obwohl es so tragisch ist.
      Leider kenne ich kein anderes von Carlotto – ich muss mal stöbern, nicht dass ich Zeit hätte ir-gend-was außer der Reihe zu lesen 😉
      Ganz liebe Grüße Kerstin

  2. Ich liebe deine Rezensionen einfach, man ist mittendrin in deiner Erzählung! Und wunderbare Zitate hast du gewählt :-*

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