„Der Knochensammler – Die Ernte“ von Fiona Cummins

Ein Mann im Schatten, gesichtslos und unbemerkt schafft er sich sein eigenes Museum – aus den Knochen seiner Opfer

Inhalt:
Familie Foyle wird zerrissen durch die Entführung ihrer jüngsten Tochter. Auch Familie Frith ist bereits im Fokus des Knochensammlers. Für Sergeant Etta Fitzroy beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

Ein Thriller welchen ich haben musste! Klappentext und Cover lockten mich doch zu sehr und somit wurde das Buch direkt vorbestellt, musste  dann jedoch zunächst auf dem SuB (Stapel ungelesener Bücher) verweilen – so ist das eben manchmal bei uns Büchereulen.

Doch das Warten hat sich gelohnt, denn ich hätte es zu keinem passenderen Moment anfangen können. Ja „passend“ wirkt etwas deplatziert, deshalb möchte ich ganz kurz und knapp erzählen, warum das Buch mein Kopfkino ankurbelte. Wen das nicht interessiert springt ganz einfach zum nächsten Absatz, alle anderen erwartet ein kleiner Urlaubstipp:
In meinem Kopf waren aktuell die passenden Bilder zum Buch, welches sofort eine Verknüpfung zu Erlebtem und Gelesenem herstellte. Mein Ausflug handelt, wie auch das Thema im Buch, vom Knochen sammeln. Bewusst war diese Kombination nicht, denn die Besichtigung des Ortes war eine Überraschung von meinem Freund. Auf dem Weg von Prag nach Ungarn gab es einen kleinen Abstecher zur Knochenkirche (Beinhaus). Die Überreste von mehreren hundert Verstorbenen, nicht nur gestapelt, sondern beeindruckend zu Kronleuchter, Skulptur und ähnlichem ‚verarbeitet‘. Mit Ehrfurcht geht man durch die Kirche, ein Wechsel von Unbehagen und staunen. Bleibende Eindrücke, ein Wow-Erlebniss!
Kurz darauf hatte ich dieses Buch begonnen und die erzählten Bilder waren durch diesen eindrucksvollen Besuch der Kirche sofort greifbar.

Nun aber zum Buch selbst, dem ersten Band um den Knochensammler. Bereits der Prolog nahm mich ein – eine einzige Seite, der Täter – sein: war, ist und werden.
Für mich war klar „das wird mein Buch!“ und auch der Schreibstil der verschiedenen Perspektiven und kleineren Aussichten nahm mich sofort in seinen Bann.

„Aber keiner von ihnen ahnte etwas von all dem an jenem nassen Novembernachmittag, nur Stunden, bevor ihre Leben kollidierten und in den Trümmern die Wahrheit zutage trat.“

Doch dies konnte die Autorin für mich nicht durchweg halten. Die Spannung verliert sich ein Stückweit in der Begründung warum Sergeant Etta Fitzroy sich emotional auf die Fälle einlässt. Ihre Passagen nehmen nicht viel Raum ein und doch sind sie nicht tragend für den Fall selbst. Erklärt ihr Verhalten, bietet einen Bereich der Verletzlichkeit, bringt sie mir als Leserin aber nicht näher.

Was mir sehr gut gefiel und mich doch etwas im Lesefluss bremste war das Familienmodell um den Jungen Jackey.
Ein Thriller mit leisen Tönen – was passiert mit einer Ehe die bereits Risse hat, wenn das einzige und schwer erkrankte Kind spurlos verschwindet? Eine einnehmende Skizzierung der Familienverhältnisse und doch stellenweise zu detailliert bzw. ausholend. Viele Geschehnisse und einige Rückblicke sind wichtig für das Gesamtbild der Familie Frith, der Verzicht auf die ein oder andere Schilderung hätte dem Verständnis aber keineswegs geschadet. Des weiteren haben mich einige Elemente um den Jungen Jakey etwas gestört und hatten einen für mich unpassenden mystischen Touch. Die Angst des Kindes soll spürbar sein, wirft aber auch Fragen auf welche unbeantwortet bleiben – woher bspw. kennt er das Lied seines Vaters aus Kindertagen? Denn dieses hat er seit seiner Kindheit nicht mehr gesungen. Grundlegen stören mich offene Handlungen, Fragen nicht. In dieser Geschichte ist es aber leider nicht stimmig eingearbeitet worden.

Die Perspektiven der Familie Foyle und des Knochensammlers haben mich eingenommen und berührt. Auch die Ehe der Foyles hat bereits Risse. Doch diese Gemeinsamkeit der Kinder ist es nicht, welche die Aufmerksamkeit des Knochensammlers auf sich zieht.
Was sich hinter der Fassade dieser Familie verbirgt ist traurig und macht stellenweise wütend. Die Charaktere entwickeln sich im Verlauf der Geschichte und durch das Begleiten der Familie hatte das Lesen nochmals eine berührende Intensität.
An beiden Familien skizziert die Autorin Fiona Cummins authentisch die emotionale Talfahrt die durch solch einen Schicksalsschlag ausgelöst wird.

Der Knochensammler selbst wird aus mehreren Blickwinkeln charakterisiert. Seine Vergangenheit mit einem Vater welcher ihn in die Knochenwelt einführte. Die Gegenwart – Täter und Ehemann.
Ich möchte an dieser Stelle gar nicht zu viel verraten, aber die Autorin hat es geschafft die Empfindungen des Täters als zärtlich darzustellen. Genau dies zog mich in seinen Bann. Ein Mann der nicht tötet des Tötens willens, sondern um seiner Leidenschaft des Sammelns nachzugehen. Diese Darstellung zeigt wie sehr sich die Autorin mit diesem Charakter auseinander gesetzt hat und erzeugt dadurch die Gänsehaut die ich bei einem Thriller erwarte. Ebenso hüllt Fiona Cummins den Leser durch die Beschreibungen der Außenwirkung des Knochensammlers ein.

„Er schaute sie direkt an […] Plötzlich befiel sie ein so heftiger Ekel, das ihr beinahe ihre […] Milchflasche aus der Hand und auf dem Gehweg zerplatzt wäre. Der Mann schaute weg, und die Frau dachte gerade noch rechtzeitig daran, die Flasche fester zu umfassen.
Kurz darauf hatte sie sein Gesicht bereits wieder vergessen.“

Dadurch erschafft sie ein gelungen unbehagliches Gefühl und Leseerlebnis. Das Museum des Knochensammlers ist noch nicht vollständig und ich hoffe sehr das Band 2 mit seinem (diesem) Vorgänger mithalten kann – gerne auch eine Spur intensiver!

Rezension verfasst von © Janna

    Buchdetails
Titel: Der Knochensammler – Die Ernte
Buchreihe: 1. Band 

AutorIn: Fiona Cummins
Verlag: Fischer

ISBN: 978-3-651-02499-1 [Paperback]

  Knochensammler – Reihe
Band 1 ~ „Der Knochensammler – Die Ernte
Band 2 ~ „Der Knochensammler – Die Rache“ [erscheint 24.08.2017]

5 Kommentare

  1. Ich hatte mir von diesem Buch ehrlich gesagt ein wenig mehr versprochen, vor allem weil ich irgendwo Werbung für das (englische) Buch gesehen habe, bei welcher der Täter mit Hannibal Lecter verglichen wurde – ich fand die Persönlichkeit des Täters hier aber relativ uninteressant und keinesfalls vergleichbar mit einer so charismatischen Figur wie HL.

    Außerdem hatte ich bis zur Mitte des Buches auch nicht unbedingt das Gefühl, wirklich einen Krimi zu lesen, weil so viel persönliches Drama im Mittelpunkt der Geschichte stand.

    So wie es aussieht wird die Geschichte ja aber noch im nächsten Buch fortgesetzt, ich bin mir allerdings noch nicht ganz sicher ob ich der Autorin nochmal eine Chance geben werde^^

    1. Huhu Sebastian,

      hätte ich zuvor von Vergleichen mit Hannibal Lecter gelesen, dann wären meine Erwartungen ganz andere gewesen – hab ich aber zum Glück nicht 😉
      Ich weiß dennoch was du meinst, ab und wann hätte es für mich auch kürzer gefasst werden und dafür der Knochensammler mehr in den Fokus rücken dürfen. Aber ich fand es ganz erfrischend mal einen Thriller zu lesen welcher sich nicht selbst überholt und mit gewaltiger Action einher geht, sondern sich ebenso mit den Opfern auseinander setzt.

      Bezüglich Band 2 hoffe ich auch auf mehr Intensität seitens des Knochensammlers – lesen werde ich es definitiv.

      Komm fein ins Wochenende!

  2. Das Buch steht, seit es erschienen ist, auf meiner Wunschliste. Jetzt muss ich es einfach haben… Danke für die Rezi, denn nun bin ich erst recht davon überzeugt, dass das Buch genau mein Geschmack sein dürfte 😉
    Oh ja, diese Kirche bei Prag kenne ich auch… meeega beeindruckend!
    Liebe Grüße
    Claudia

    1. Huhu Claudia, das freut mich doch sehr wenn meine kleine Meinung zum lesen verführt! Ich bin sehr gespannt auf deine Leseeindrücke!

      Oh ja, diese kleine Kirche in der Nähe von Prag ist wirklich beeindruckend – vor allem wenn man nicht weiß was einem im Inneren erwartet! War wie gesagt ein Überraschungsausflug, von meinem Freund geplant und ich war wirklich überwältigt als ich plötzlich in mitten dieser menschlichen Knochen stand!

      Hab einen feinen Tag!

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