„Der aufrechte Mann“ | Davide Longo

Diesen Beitrag per E-Mail versenden
Sie können maximal fünf Empfänger angeben. Diese bitte durch Kommas trennen.





Die hier eingegebenen Daten werden nur dazu verwendet, die E-Mail in Ihrem Namen zu versenden. Sie werden nicht gespeichert und es erfolgt keine Weitergabe an Dritte oder eine Analyse zu Marketing-Zwecken.

Atmosphärisch dichter Alptraum

Inhalt laut Verlag

Ein Land am Abgrund. Ein Mann auf dem Weg zu sich selbst.
Italien im Ausnahmezustand. Die Städte sind zerstört, die Grenzen geschlossen, marodierende Banden ziehen durch die Straßen. Leonardo, ehemaliger Universitätsprofessor, will den Zusammenbruch alter Ordnung in seinem Land nicht wahrhaben. Erst als die Gewalt auch sein Haus erreicht und er alles verliert, lernt er, sich zu wehren und an die Zukunft zu glauben.

Es ist Herbst in Italien und der ehemalige Universitätsprofessor Leonardo ist unterwegs mit seinem Auto. Ein Herbst wie jeder, könnte man meinen und doch kristallisiert sich sehr schnell heraus, dass dort etwas nicht stimmt.
Tanken geht nur unter Bewachung, die Menschen haben sich zurückgezogen oder sind auf der Flucht. Es gibt schon lange keine Möbelhäuser mehr, die Läden leer, die Banken auch. Warum? Das ist in diesem Buch vollkommen egal. Die Beschreibungen der Zustände lassen einen mutmaßen und obwohl es juckt verlieren sich die Hintergründe in genau diesem Herbst, bei Leonardo und seinen Erlebnissen. Eine Stellvertretergeschichte könnte man meinen, aber solch einen Charakter kann es nur einmal geben.
Anfänglich hat er mich etwas genervt. Der Mittfünfziger, der alles aufgegeben hat und zurückgezogen außerhalb eines Ortes, in einem wunderschönen Haus inmitten von Weinbergen, lebt. Einer, der richtige Probleme bekam, weil da mal etwas war, mit einer Studentin, vor etlichen Jahren und das hat seiner Ehe, seiner Karriere und seinem Ego das Genick gebrochen.
Nun folgt man Leonardo durch seine Erinnerungen und dem aktuellen Leben.
Liest in den Zeilen was geschieht und ahnt in denen dazwischen, was kommen wird.
Alles ist den Bach heruntergegangen, die Menschen stehen an einem Abgrund und wer noch konnte ist über die Grenze geflohen. Alle anderen bleiben zurück, sehen die Autokolonne unten an der Straße, versuchen sich vorzubereiten auf die Zeit die kommt.
Wer sich nicht mehr helfen kann, sucht den Freitod.

So still und reglos erschien das Dorf ihm schön, wie nur Dinge es sein können, die nichts mehr mit dem Menschen zu tun haben.
(S. 184)

Die wenigen der Einheimischen die noch im Ort leben vertreiben sich die Zeit. Man hilft sich gegenseitig und bevorratet sich. Aussitzen und abwarten – würde ja funktionieren, die Menschheit wird sich schon wieder einkriegen. Falsch – was passiert wenn keine Ordnung mehr herrscht? Das Chaos bricht herein und im Schlepptau hat es solche die nur überleben wollen und solch die alles dafür tun. Anarchie die ausartet in einem Morast aus Stumpfsinn und Gewalt.
Es beginnt mit kleineren Diebstählen, dann ein Raub, ein Überfall und dann, ja dann kommt was kommen muss! Banden, zusammengeschlossene Gruppierungen die ohne Rücksicht nehmen was sie brauchen. Da kann ganz schnell auch ein Leben dabei sein.

Hier macht Leonardo eine der schrecklichsten Erfahrungen. Seine jugendliche Tochter Lucia, zu der er jahrelang keinen Kontakt hatte, steht nun unter seiner Obhut. Daneben der verstockte Sohn Alberto seiner Ex-Frau.
Sie müssen das Dorf verlassen, es wird zu gefährlich. Also ziehen die drei los, mitten hinein in den Winter Richtung Grenze.
Hier überkam mich die Erinnerung an McCarthys „Die Straße“, es gibt Parallelen aber doch sind die Bücher nicht miteinander zu vergleichen.
Die Sprache ist viel ausgeprägter, die Dialoge wahre Kunstwerke und es wimmelt nur so von Literatur und deren Auswirkungen.

Die Geschichte besteht aus sechs Teilen und was im Herbst begann, endet im Herbst des Jahres drauf. Ein Jahr, in dem vieles geschieht und durch die einzelnen, von Absätzen unterbrochenen Episoden, sehr gut zu lesen ist. Was ist ein Jahr angesichts der Situation in der die Menschen sich befinden. Wie lange reichen die Vorräte? Woher bekommt man Medikamente? Wer besorgt Benzin? Denn dieses eine Jahr ist nur die Zeit die erzählt wird. Es war vorher schon alles am zusammenbrechen. Man liest dieses so deutlich heraus.
Ein von außen düsteres Werk, das im Inneren lange Zeit ebenso wirkt.

Unterwegs begegnet dieses kleine Häufchen immer wieder anderen Menschen, kurz keimt Hoffnung auf und wird schnell zunichte gemacht. Denn während die einen versuchen human zu sein und es auch zu bleiben, sind da die anderen, die Profit schlagen aus der Not und wieder ist es die Grausamkeit der Überlegenen die erbarmungslos zuschlägt.

Liegt der Keim des Übels in uns selbst, oder sind wir Opfer einer Ansteckung? Und in beiden Fällen: Warum sind die Keime auf so fruchtbaren Boden gefallen?
(S. 256)

Sie schaffen es nicht zur Grenze, eine Bande hat sich ihrer angenommen. Unfreiwillig landen Leonardo, Lucia und Alberto in den Fängen einer marodierenden Gruppe, angeführt von einem Mann, der weiß wie er die Bande aus Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen gefügig macht. Er spielt Gott und ist doch ein Teufel. Lucia verschwindet in seinem Wohnwagen, Alberto in der Gruppe der Kinder und Leonardo in einem vergitterten Wagen.
Von dort hat er alles im Blick. Die im Drogenrausch tanzenden Kinder, die losziehenden Plünderer, den Wohnwagen in dem seine Tochter einer Bestie ausgeliefert ist.
Davide Longo konnte mich hier so tief in diese Geschichte hineinziehen. Seine Beschreibungen sind grausam und doch verzichtet er auf Details. Es ist wieder dieses zwischen-den-Zeilen stehende, das einen so schockiert und doch an das Buch fesselt.
Mittlerweile hatte ich meine Meinung über Leonardo revidiert. Aus dem anfänglichen Feigling wurde ein starker Charakter, dessen Motivation da irgendwie herauszukommen aber nur der Tatsache geschuldet ist, das er nicht an sich denkt. Es ist seine Tochter. Sie hatte er damals verloren und nun kämpft er um sie, auf seine Art und Weise. Er tut was man von ihm verlangt, mit Widerwillen und Abscheu, mit scheinbarer Fügung und Unterwerfung. Bis die passende Gelegenheit kommt und dann schlägt er zu und das im wahrsten Sinne des Wortes. Sprachlos hat es nicht nur mich gemacht!

Hier muss ich nun etwas loswerden, das mich nachhaltig an dieses Buch bindet.
Oft geht es mir so das ich Dinge, Geräusche, Namen, Orte und vieles mehr mit einem Buch verbinde und es mir dadurch immer wieder mal im Kopf rumschwirrt.
Hier ist es eine Szene, die mich dermaßen geflasht hat, das sie mir nie mehr verloren gehen wird. Ein Zeugnis für die wunderschöne Erzählkunst des Autors. auch wenn er sich manchmal in der ein oder anderen Beschreibung verloren hat, sind es diese Episoden die alles wieder wett machen.
David, am anderen Ufer, vor Freude am Tanzen und voller Lebenslust und Glückseligkeit. Ich habe Rotz und Wasser geheult (vor Freude) und es treibt mir gerade jetzt wieder die Tränen in die Augen.

…und jedes Ding scheint dazu bestimmt, uns zu überleben. Und doch sehe ich Schönheit.
(S. 280)

Eine Chance für einen Neuanfang, eine Chance irgendwo unbehelligt leben zu können. Sie findet sich und auch wenn es damit etwas unglaubwürdig wird, manche Geschichten müssen einfach so ausgehen.
Da muss Hoffnung bleiben, in all der Hoffnungslosigkeit.
Da muss es eine Zukunft geben angesichts der Gegenwart.
Da müssen die Guten einfach gut bleiben und die Schlechten haben nichts mehr in der Geschichte zu suchen.

Aus einem Alptraum kann auch etwas Gutes wachsen.
Mich hat diese Geschichte nicht nur gut unterhalten, sondern fasziniert und zu Tränen gerührt.

Rezension verfasst von © Kerstin

★★★★★


– Anzeige –
Die nachfolgenden Links führen zu weiteren Buchmeinungen und/oder zu den Verlagsseiten 

 Weitere Eindrücke –
…….. °
…………………. °

Buchdetails
Titel: Der aufrechte Mann
Buchreihe: Einzelband
Autor: Davide Longo
Verlag: Rowohlt

7 Kommentare

  1. Ein sehr geniales Buch und es freut mich riesig, dass es Dir auch so gut gefallen hat. Meine Lektüre ist schon wieder eine Weile her, aber ich muss immer wieder mal daran denken. Es geht mir einfach nicht aus dem Kopf – das beste Kompliment, was ein Buch kriegen kann.

    1. Ich bin mir sicher das es dir gefällt. Es gibt Einblicke in das menschliche Verhalten in Ausnahmesituationen und David, ja David ist etwas gaaaanz besonderes 😉
      Liebe Grüße
      Kerstin

    1. Hey, freue mich das so rüber kommt, genau das wollte ich erreichen. Absolute Leseempfehlung auch wenn es zwischendurch echt mal heftig ist.
      Liebe Grüße
      Kerstin

Ein Blog lebt von der Interaktion, also immer her mit Euren Gedanken! Wir freuen uns über Eure Kommentare und den Austausch!

%d Bloggern gefällt das: