Rezension

„Epidemie“ von Åsa Ericsdotter

Inhalt laut Klappentext

„»Die Fett-Epidemie ist eine tickende Zeitbombe. Schweden muss sich von Grund auf verändern, um eine Katastrophe dieses Ausmaßes bewältigen zu können.« Die ‚Gesundheitspartei‘ hat unter Führung von Johan Svärd die Macht übernommen. Ihr politisches Programm: Das Volk von der Gefahr der Fettsucht zu befreien. Jeder wird nach Gewicht und Fettindikator klassifiziert. So auch Landon, ein junger Forscher, der sich auf die Suche nach seiner Liebe Helena macht. Und dabei ein rasch verändertes Land und eine Spur aus Gewalt vorfindet. Was geschieht mit all den Übergewichtigen – und was steckt hinter jenen ‚Fat Camps‘, die es geben soll?“

„Wie beschreibt man das Unvostellbare?“ (S. 365)

Das kann nicht sein! So etwas kann niemals geschehen! Die Menschen würden das nicht zulassen! Ein ganzes Land im kollektiven Schweigen, Mitmachen, Wegsehen? Von der Regierung vorgegeben? Eine einzelne Person die solch schauerliche Dinge ‚kreiiert‘ und Gleichgesinnte findet? Wenn Andersartigkeit zum Fluch wird, der Gang auf die Straße zur Qual. Was oder wer ist schlimmer davon?

„Epidemie“ hat mich geschockt – zu tiefst sogar, denn direkt mit dem Einstieg in dieses Buch wird bewusst um was es geht, auch wenn es anfänglich gar nicht direkt ausgesprochen wird. Menschen mit Übergewicht, egal welches Geschlecht oder Alter werden diffamiert, ausgegrenzt und letztendlich……nein, dass muss jeder selber lesen.

„In diesem Punkt betreiben wir eine Null-Toleranz-Grenze“ (S. 335)

Johan Svärd, Vorsitzender der Gesundheitspartei, deren Gründung erst wenige Jahre zurückliegt und die alles und jeden in der Hand hat, hat einen Traum vom schlanken Schweden. Er will die Kosten für Behandlungen der Übergewichtigen senken und mit aller Macht will er vor allem eins – wieder gewählt werden. Aus seiner anfänglich vielleicht eheren Idee wird ein Alptraum. Man erliest sich im Laufe der Geschichte immer wieder wie manipulativ die Menschen letztendlich doch sind und wie der Staat seine Macht gnadenlos ausspielt.

Plakate an Autobahnen, Werbung zur besten Sendezeit, in Gyms umgewandelte Kirchen, vergünstige Magenbandoperationen – am besten schon beim Kleinkind. Eine Flut an Gesundheit suggerierenden aber krankmachenden Möglichkeiten für die die unbedingt abnehmen wollen. Wer nicht mitspielt, warum auch immer und mit seinem FMQ (Fett-Muskel-Quotient) eine kritische Zahl übersteigt, wird bestraft.

Wir hatten so etwas schon einmal – Arbeitsverbot, Vertreibung aus der Wohnung, Siedlungen für die ‚Betroffenen‘, soziale Ächtung, massive Eingriffe in das tägliche Leben. Überwachung, Registrierung. Die Menschen stehen unter Druck und während die Einen sich in den krankhaften Gesundheitswahn flüchten, fängt für Andere der Wahnsinn erst an. 

Diesen Wahnsinn hat Åsa Ericsdotter durch eine ganz gezielte Auswahl der Protagonisten sehr deutlich dargestellt. Landon, eher ein Einzelgänger ist noch nicht so massiv betroffen aber auf dem besten Weg dorthin. Er hat eine große Aufgabe und weiß es nur noch nicht. Obwohl Landon soviel Raum im Buch bekommt blieb er mir etwas farblos, wie eigentlich alle anderen Protagonisten auch. Selbst Helena und ihre Tochter Molly – allesamt Symphatieträger – sind nur eine Art schmückendes Beiwerk. Die Träger der Last sozusagen.

Es ist die Geschichte an sich, die einen durch das Buch treibt, dieses absolut Unglaubbare, dieses Grausame und vor allem, für mich ganz wichtig, diese Assoziationen die es aufwirft. Der lockere Schreibstil kann nicht darüber hinwegtäuschen dass es richtig heftig ist. Hätte ich beim Lesen gegessen, wäre es mir mit Sicherheit im Hals stecken geblieben. 

„Wir hatten keine Möglichkeit Einspruch zu erheben….Nein, das ist nicht wahr,  natürlich hatten wir das. Wir waren einfach zu feige.“ (S. 284/285)

Während man also gemeinsam mit Landon einer so perversen Sache auf die Spur kommt, erfährt man schon einiges über die Einzelnen und so manch einer verschwindet mitten im Buch und wird nie wieder gesehen. Auch das hatten wir schon einmal. Nachbarn, Freunde, Kollegen – weg, verschwunden, in den sogenannten Fat-Camps und niemanden stört es. NIEMANDEN STÖRT ES? 

Nur vereinzelter Widerstand, kurz mal angerissen und dann wieder fallen gelassen. Kein Buch über Helden, sondern ausnahmslos über Verlierer. Kein Buch für Sartbesaitete, selbst für Hartgesottene kann es unerträglich sein. Obwohl es kaum bis keine Details gibt, es ist so beschreiben dass es im Kopfkino rund geht, so richtig sogar, und das in Farbe.

Definitv wieder ein Buch das nachhallt, das begeistert hat obwohl das Thema gar nicht begeistern darf.  Eine fiktive Geschichte, die aber durchaus Realitätsnähe hat und alleine deswegen gelesene werden sollte. Andersartigkeit spiegelt sich in vielen Variantionen wieder. Sie darf nur nie missbraucht oder zweckentfremdet werden. 

„Sind sie der Meinung das es eine absolute Menschenwürde gibt?“ (S. 336)

Rezension verfasst von © Kerstin
★★

    Buchdetails
Titel: Epidemie
Buchreihe: Einzelband 

Autorin: Åsa Ericsdotter
Verlag: Arctis

ISBN: 9783038800026 [gebundene Ausgabe, 384 Seiten, 22,00 € ]

 

3 Gedanken zu „„Epidemie“ von Åsa Ericsdotter

  1. Mh, ich glaub, dass mich die Thematik schon sehr reizen würde – was heißt glauben – ich weiß es! aber ich habe Sorge, dass ich zu viele Klischeebilder sehen werde und wenn sich diese innere Stimme meldet, hat sie meistens – aber nicht immer – recht. Merkst du meine Zwickmühle? XD
    Glaub ich muss mich doch morgen ma in der Biblio hier anmelden und Bücher ausleihen gehen 😛

    1. Hallo,
      Klischees werden auf jeden Fall bedient aber sie sind eher eine Randerscheinung. Es ist einfach sehr spannend zu verfolgen wie schnell es geht auch wenn man quasi mitten rein hüpft; -)
      Versuch es mal
      Liebe Grüße
      Kerstin

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